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Michael Hampe

 

Das vollkommene Leben

 

Buchbesprechung

 

B.Contestabile [Hampe, 281]      admin@socrethics.com     Erste Version 2009   Letzte Version 2014

 

 

 

 

Inhalt

 

Vorbemerkung

 

1.   Struktur der Erzählung

2.   Wertepluralismus

3.   Glückssuche und Risiko

4.   Empirische Daten

 

Rezensionen

 

 

 

Vorbemerkung

 

In Hampe‘s Erzählung Das vollkommene Leben geht es darum, vernünftige Lebensweisen zu entdecken und zu beschreiben und damit gegen irrationale Lebensweisen abzugrenzen. Zwischen moralischem Absolutismus und Relativismus gibt es eine Welt der vernünftigen Differenzen und der Vielstimmigkeit [Hampe, 280-281].

 

Einen Zugang zum Wertepluralismus findet man durch die Identifikation mit den verschiedenen Akteuren des Buches. Da jeder eine andere Strategie im Umgang mit den Risiken der Glückssuche verfolgt, erhält man am Schluss eine Art „vollkommenes“ Bild.

 

Im Gegensatz zur Positive Psychology und vielen Selbsthilfe-Büchern, besteht das Ziel des Autors nicht darin, allgemeingültige Rezepte der Glückssuche zu propagieren. Das Buch ermuntert vielmehr dazu, einen eigenen Weg zu finden und anderen mit Toleranz zu begegnen.

 

 

 

 

 

 

 

1. Struktur der Erzählung

 

„Das vollkommene Leben“ ist ein Sammelband von Aufsätzen, welche im Rahmen eines Wettbewerbes verfasst wurden.

Die Preisfrage lautete [Hampe, 33]:

 

 

 

 

Kann das menschliche Leben vervollkommnet werden

– und wenn ja –  

auf welchem Wege können die Menschen das Glück finden?

 

 

 

 

Folgende (fiktive) Autoren wurden für den Preis nominiert:

1)      Erwin Weinberger, Physiker [Kapitel 2]

2)      Lalitha Dakini, Philosophin [Kapitel 3]

3)      Antonio Rojaz Martens, Psychoanalytiker [Kapitel 4]

4)      James Williamson, Soziologe [Kapitel 5]

 

Die Texte dieser Autoren sind eingebettet in eine Hintergrund-Erzählung, in welcher die Sicht von zwei neutralen Beobachtern zum Tragen kommt:

1)      Low, Philosoph mit einer missratenen akademischen Karriere. Er sollte den Preisträger bestimmen, lehnt es aber schliesslich ab, eine Rangordnung der Texte zu erstellen [Kapitel 1]

2)      Kolk, Hobby-Philosoph mit einer missratenen Karriere als Mathematiker. Er ist Lows Diskussionspartner in Bezug auf die Bewertung der Aufsätze [Kapitel 6]

 

Die Sprache, die Persönlichkeit und der Lebenslauf der beiden Beobachter (insbesondere die Tatsache, dass beide mit ihren akademischen Ambitionen scheiterten) macht sie sympathisch für nicht-akademische Philosophen und erleichtert die Identifikation mit ihnen.

 

 

 

 

2. Wertepluralismus

 

Jeder der vier Autoren ist in der Lage, seine Sicht der Dinge detailliert zu begründen:

1.      Weinberger ist ein bioethischer Abolitionist. Er definiert Glück durch die Abwesenheit von Leiden und sieht in der Wissenschaft ein Werkzeug, um sich von den Dingen zu entfernen, die wir nicht wollen. Seine Botschaft entspricht ungefähr dem technologischen Optimismus der Aufklärung.

2.      Dakinis Strategie ist ein periodischer Rückzug in die Welt der Meditation und ein ruhiges Leben, um eine dazu passende Umgebung zu schaffen. Meditation ist nicht nur ein Rückzugsort, sondern befreit auch von unstillbaren Wünschen. Wenn Dakini Depressionen vermeiden kann, dann hat sie eine unspektakuläre aber harmonische Lebensweise gefunden.

3.      Williamson vertritt die Auffassung, dass Glück sowohl Intensität als auch einen Zustand der Angstlosigkeit voraussetzt, dass aber eine solche Kombination nur schwer zu kontrollieren ist. Es gibt kein Glück ohne Risiko, weil die Innen- und Aussenwelt sich ständig verändern. Er versucht deshalb flexibel zu bleiben und rechnet bei den langfristigen Plänen (Karriere, Partnerschaft, Familie, Kinder etc.) mit Überraschungen.

4.      Martens ist ein radikaler Skeptiker, nach dessen Überzeugung die menschliche Aggressivität nicht zu bändigen ist. Er gibt zu bedenken, dass das Streben nach Glück oft zu einer Quelle des Leidens wird, weil die Standards zu hoch gesetzt werden und ihr Nicht-Einhalten als Versagen empfunden wird. Wir sollten deshalb dem gesellschaftlichen Druck glücklich werden zu müssen, Widerstand leisten.

 

Schliesslich stellen auch die Lebensgeschichten der beiden Juroren verschiedene Formen der Glückssuche dar:

         Kolk zeigt, dass es möglich ist ein glückliches Leben zu führen ohne auf philosophisches Wissen zurückzugreifen.

         Lows Leben zeigt umgekehrt, dass auch die Kenntnisse eines professionellen Philosophen das Glück nicht garantieren.

 

Die Kernbotschaft von Hampes Buch besteht darin, dass es mehrere vernünftige Wege zum Glück gibt. Weil die Konstitution (Sensibilität) und die Erfahrungen verschieden sind, entwickelt jeder Mensch eine ganz spezifische Lebensweise. Diese Verschiedenheit gilt es zu respektieren. Toleranz (innerhalb der Grenzen der Vernunft) leistet einen wesentlichen Beitrag zum Glück in der Gemeinschaft.

 

 

 

3. Glückssuche und Risiko

 

Entsprechend dem ursprünglichen Titel des Buches “Stanley Low’s letzte Lektüre über den Tod und das Glück“ verbindet der Autor die Suche nach dem Glück (bzw. die Verhinderung von Leiden) mit Reflexionen über den Tod (bzw. Nicht-Existenz) [Hampe, 272]. Aus Risiko-Sicht gibt es zwei grundlegende Haltungen gegenüber der Nicht-Existenz:

1.      Risiko-Aversion, eine Haltung, welche der Nicht-Existenz den Vorzug gibt gegenüber dem Leiden (bzw. volatilem Glück). In Hampe’s Erzählung strebt Dakini nach der Nicht-Existenz des Ego und Martens vertritt die Meinung, dass Glück eine Utopie sei und dass eine Welt ohne Menschen vorzuziehen wäre [Hampe, 202].

2.      Risiko-Toleranz, eine Haltung welche dem volatilem Glück (und damit auch dem Leiden) den Vorzug gibt gegenüber der Nicht-Existenz. In Hampe’s Erzählung wird Risiko-Toleranz repräsentiert durch die Akteure Weinberger und Williamson.

 

Innerhalb dieser Grundhaltungen unterscheidet der Autor zwischen den folgenden Risiko-Profilen:

1)      Externe Perspektive

a)      Weinberger versucht die Risiken zu reduzieren durch die Veränderung der Aussenwelt (d.h. durch technologischen Fortschritt)

b)      Williamson versucht die Risiken zu reduzieren durch Anpassung an die Aussenwelt

2)      Interne Perspektive

a)      Dakini versucht die Risiken zu reduzieren durch Veränderung der Innenwelt (Selbstkontrolle)

b)      Martens versucht die Risiken zu reduzieren durch Anpassung an die Innenwelt (d.h. durch Anpassung an den unvermeidbaren Konflikt zwischen biologischen und kulturellen Anforderungen)

 

Jeder der Akteure hat eine einseitige Wahrnehmung der Realität (der Risiken). Weil aber die gegenteilige Verzerrung auch vertreten wird, ist das Gesamtbild (so wie es die beiden Beobachter Low und Kolk sehen) unverzerrt. Je mehr der Leser Empathie empfindet mit allen Standpunkten, desto mehr bewegt er sich in Richtung einer unverzerrten Sicht der Realität entsprechend dem untenstehenden Diagramm:

 

 

 

Veränderung der Innenwelt

Dakini [Kapitel 3]

 

 

Veränderung der Aussenwelt

Weinberger [Kapitel 2]

 

 

Anpassung an die Aussenwelt

Williamson [Kapitel 5]

 

 

Anpassung an die Innenwelt

Martens [Kapitel 4]

 

 

 

Ein ähnliches Konzept wird dann wieder auf der Stufe der Beobachter angewendet. Jeder der beiden Beobachter hat ein eigenes Risiko-Profil. Low ist mehr im Leben engagiert als Kolk und erfährt mehr Niederlagen. Low stirbt durch ein selbst provoziertes Risiko, während Kolk die Risiken vermeidet und überlebt. An diesem Punkt wird ein aussen stehender Beobachter namens Aitmatov eingeführt, ein Kunstmaler welcher eine spontane Sicht der Dinge vertritt, eine Sicht ohne Vorwissen. Er assoziiert Lows Tod mit einer transzendenten Art von Harmonie, sodass wir sein Fallen (falling Low) in einem neuen Licht sehen, als einen tolerierbaren Weg zur Erlösung.

 

 

 

4. Empirische Daten

 

Die Schwäche der Literatur (soweit sie versucht ethisches Wissen zu vermitteln) besteht darin, dass die Realität verzerrt dargestellt und die Verzerrung mit Emotionen aufgeladen wird. Viele Autoren vermitteln ihre individuelle Wahrnehmung der Realität in der Form einer generellen Wahrheit. Philosophische Erzählungen vermeiden diese Falle:

1.      Platons Sokrates wechselt häufig die Perspektive, um verzerrte Wahrnehmungen zu korrigieren. Sein Stil ist charakterisiert durch analytisches Denken in Kombination mit Empathie.

2.      Ein anderer Ansatz besteht darin, einen neutralen Beobachter einzuführen oder in eine Hintergrund-Erzählung zu wechseln, welche die Verzerrung reflektiert.

Hampe verwendet beide Methoden. Die Darstellung von Meinungsvielfalt steht aber in einem gewissen Konflikt mit der Darstellung der Mehrheitsmeinung. Das Gewicht, welches den einzelnen Perspektiven im Buch eingeräumt wird entspricht nicht dem Gewicht, welche diese Perspektiven in unserer Gesellschaft haben. Die Politik und (als Konsequenz) auch die Erziehung orientieren sich an Wissenschaften wie Positive psychology und Happiness economics.

 

Beispiele: 

1.      Die Statistiken legen nahe, dass Dakinis Weg zum Glück für die Mehrheit schwierig oder sogar unmöglich ist.

2.      Anhänger der Positive Psychology würden Martens Kulturpessimismus ablehnen.

3.      Die Art des Glücks, welche in Gemeinschaften gefunden wird (Altruismus im Speziellen) kommt nur in den Konversationen der beiden Idealisten Low und Kolk vor und im generellen Bekenntnis zur Toleranz vor.

4.      Das Glück verheiratet zu sein und Kinder zu haben wird (gegenüber seinem Gewicht in der Statistik) vernachlässigt.

5.      Der Kapitalismus wird in Hampes Buch abgewertet. Empirische Daten zeigen aber, dass individualistische Kulturen (mit einem Recht auf Privatbesitz) im Allgemeinen glücklicher sind als kollektivistische (Es fehlen allerdings die Daten zu nomadischen und älteren Kulturen).

 

Es gibt somit zwei Bilder der Realität:

1.      Die Darstellung der Statistik, in welcher man sich auf die häufigsten Determinanten des Glücks konzentriert. Wenn man seltenen Lebensweisen Platz einräumt, dann verzerrt man die Statistik.

2.      Die Darstellung der Vielfalt, in welcher man eigenständige Lebensweisen honoriert. Wenn man nur mehrheitsfähige Lebensweisen beschreibt, dann erzeugt man einen „Normierungsdruck“. Die vielfältige Realität wird verzerrt zu einer uniformen.

 

In Hampes Erzählung geht es um die Darstellung von Vielfalt. Die Konzentration auf mehrheitsfähige Glücksstrategien würde die Wahrnehmung einschränken und der Absicht Toleranz zu fördern widersprechen. Im Gegensatz zur Positive Psychology und vielen Selbsthilfe-Büchern, besteht das Ziel nicht darin, allgemeingültige Rezepte der Glückssuche zu finden.

 

Hampes Konzept der „Vielstimmigkeit“ öffnet die Türe zu neuen vernünftigen Lebensformen, macht es aber anderseits schwierig, die Grenzen der Toleranz und das Ausmass der Verantwortung abzuschätzen. Aus dem Geist, in welchem das Buch geschrieben ist, können wir nur ableiten, dass sowohl Freiheiten als auch Pflichten einer sokratischen Überprüfung standhalten sollten.

 

 

 

Rezensionen

 

1.      Zürcher Tages Anzeiger, 6.8.2009

2.      Neue Zürcher Zeitung, 15.10.2009

3.      Süddeutsche Zeitung, 9.11.2009

4.      Kultiversum, 11.2009

5.      Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.12.2009

6.      Schweizer Radio International, 17.1.2010

7.      Neue Zürcher Zeitung, 24.1.2010

8.      Bayrischer Rundfunk, 17.3.2010

9.      Frankfurter Rundschau, 28.3.2010

10.  Literaturhaus Hamburg, 8.7.2010