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Eine interdisziplinäre Betrachtung zur Willensfreiheit

 

B.Contestabile       admin@socrethics.com       Erste Version 2007   Letzte Version 2017

 

 

 

 

Inhalt

 

Zusammenfassung

 

1   Einleitung

2   Grundlagen

     2.1  Wille

     2.2  Handlungsfreiheit

     2.3  Willensfreiheit aus rechtlicher Sicht

     2.4  Innere Unfreiheit aus rechtlicher Sicht

     2.5  Willensfreiheit aus physikalischer Sicht

3   Libertarismus

     3.1  Definition

     3.2  Der unbedingte Wille

     3.3  Leib-Seele Dualismus

     3.4  Kritik aus Sicht des Naturalismus

4   Harter Determinismus

     4.1  Vorgeschichte

     4.2  Moderner Determinismus

     4.3  Sprachanalytische Kritik

5   Kompatibilismus

     5.1  Definition

     5.2  Naturgesetze

     5.3  Synergetik

     5.4  Chaostheorie

     5.5  Evolution der Willensfreiheit

     5.6  Kritik aus Sicht des harten Determinismus

6   Skeptizismus

      6.1  Soziologie

      6.2  Soziobiologie

      6.3  Verhaltens-Psychologie

      6.4  Psychoanalyse

      6.5  Hirnforschung

7   Verantwortung

     7.1  Definition

     7.2  Semantik

8   Schlussfolgerungen

 

Literatur

 

 

 

 

 

Zusammenfassung

 

 

Ausgangslage

Die meisten Kulturpessimisten gehen davon aus, dass der Mensch die kulturelle Evolution nicht massgeblich beeinflussen kann. Sie berufen sich dabei auf die Komplexität der biologischen und kulturellen Systeme und auf den Mangel an bewussten Entscheidungen.

 

 

Problemstellung

- Was bedeutet Willensfreiheit?

- Wie stark ist die Willensfreiheit durch äussere und innere Bedingungen eingeschränkt?

- Welche Verantwortung trägt der Mensch für seine Handlungen?

 

 

Willensfreiheit

Libertarier sprechen nur dann von Willensfreiheit, wenn der Mensch Letzt-Urheber seiner Entscheidungen ist und die Kausalkette der physikalischen Hirnprozesse durchbrechen kann. Diese Definition stimmt mit der Intuition überein, dass wir in einer „kausalen Lücke“ gegen die eigenen Präferenzen entscheiden können.

 

Naturalisten postulieren, dass sämtliche Entscheidungen auf physikalischen Hirnprozessen basieren, eine zeitliche Ausdehnung haben und die Kausalketten nicht unterbrechen. Die Intuition der „kausalen Lücke“ wäre demzufolge eine Täuschung.

1.  Naturalisten, welche auf der Letzt-Urheberschaft beharren, sehen keine Grundlage für die Existenz einer Willensfreiheit (Hard Determinism)

2.  Kompatibilisten betrachten die Idee des absolut freien Willens als eine sprachliche Verirrung. Sie postulieren, dass ein korrektes Konzept von Willensfreiheit mit den bekannten Naturgesetzen kompatibel ist (Soft Determinism)

3.  Die Reichweite der kompatibilistischen Willensfreiheit ist umstritten. Zum Freiheitsskeptizismus beigetragen haben insbesondere die Hirnforscher welche postulieren, dass Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist.

 

 

Einschränkungen durch die Aussenwelt

In diesem Aufsatz geht es nicht um die bewussten und bekannten Fälle von politischer Freiheitsberaubung. Soweit soziale Strukturen reflektiert werden können, sind sie auch offen für eine gesellschaftliche Diskussion und für Widerstand. Es geht hier darum, dass die Willensfreiheit bereits durch die Verdrängung von Wünschen und Möglichkeiten eingeschränkt ist. Es gibt eine gesellschaftliche Produktion von Unbewusstem, welche der Kontrolle von Trieben und der Festigung von Machtverhältnissen dient.

 

Wenn Strukturen der Triebbewältigung dienen, dann haben sie oft eine Doppelfunktion: sie schränken die Freiheit in einem Bereich ein, aber vergrössern sie in einem anderen Bereich. Sie gleichen deshalb eher einem Kloster als einem Gefängnis. Das Kloster schränkt die Freiheit ein, aber es bietet auch Schutz vor den Gefahren der Aussenwelt und erlaubt das ungestörte Meditieren. So wie der Pianist künstlerische Freiheit gewinnt, indem er die Tastentechnik im Unbewussten verankert, so gewinnt eine Kultur Freiheit, indem sie gewisse Agressionshemmungen im Unterbewussten verankert.

 

 

Einschränkungen durch die Innenwelt

Die langfristig etablierten, sich nur langsam im Laufe des Lebens ändernden Einflusszonen der psychischen Instanzen definieren das Mass der inneren Freiheit. Diese Einflusszonen können als grundlegende Einschränkung der individuellen Freiheit betrachtet werden aber auch als eine spezifische Anpassung an die Umwelt, in welcher sich Individualität und damit ein Stück Freiheit ausdrückt.

 

Trotz der biochemischen Steuerung von Gefühlen und Bewertungen besteht eine gewisse Freiheit bei der Wahl der Lebensziele, weil die geistige und körperliche Beschäftigung mit einem Ziel auch wieder auf die Biochemie zurückwirkt. Wie gross diese Freiheit ist und welche Rolle dabei die Konstitution (Genetik) und das Bewusstsein spielt ist zurzeit noch wenig geklärt.

 

 

Verantwortung

Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man auch entscheiden kann. Nach der zurzeit plausibelsten These muss Verantwortung auf der kompatibilistischen Willensfreiheit aufbauen.

Im Wesentlichen dürfte das Eisbergmodell zutreffen welches besagt, dass nur ein kleiner Anteil der Entscheidungen bewusst gesteuert wird. Ob und in welchem Ausmass der unbewusste Anteil dem Entscheidungsträger zugerechnet werden darf, ist umstritten.

 

 

 

 

 

 

 

English Translation

 

An English translation of this paper is available from An Interdisciplinary Approach to the Freedom of Will.

 

 

 

 

 

1. Einleitung

 

 

Ausgangslage

Die meisten Kulturpessimisten gehen davon aus, dass der Mensch die kulturelle Evolution nicht massgeblich beeinflussen kann. Sie berufen sich dabei auf die Komplexität der biologischen und kulturellen Systeme und auf den Mangel an bewussten Entscheidungen.

 

 

Problemstellung

1.      Was bedeutet Willensfreiheit?

2.      Wie stark ist die Willensfreiheit durch äussere und innere Bedingungen eingeschränkt?

3.      Welche Verantwortung trägt der Mensch für seine Handlungen?

 

 

 

2. Grundlagen

 

 

2.1  Wille

 

 

Definition

Der Begriff des Willens hat die Funktion, der Idee des Handelns und der Urheberschaft Konturen zu verleihen [Bieri, 43].

 

 

Wille und Wunsch

Ein Wunsch muss uns in Bewegung setzen, um ein Wille zu werden [Bieri, 37].

Beispiel: Man kann sich wünschen, Klavier zu spielen, aber nur wenn uns der Wunsch zum Klavier treibt, ist es auch ein Wille.

 

Der Wille hat zwei Arten von Grenzen [Bieri, 38]

1.      Grenzen werden durch das gezogen, was die Wirklichkeit zulässt. Insofern, als man die Wirklichkeit falsch einschätzt, täuscht man sich auch über diese Grenzen.

2.      Grenzen werden durch unsere Fähigkeiten gezogen. Massgebend ist hier das Selbstbild: Solange dieses Bild sagt, dass man zu etwas fähig ist, kann man es auch wollen. Je mehr Zweifel aufkommen, desto mehr wird aus dem Willen ein blosser Wunsch.

 

 

Wille und Tat

Können Wollen und Tun auseinanderfallen?

         Stillhalten und Gewähren-lassen können Ausdruck eines Willens sein [Bieri, 40]

         Ein Wille ist ein Wunsch, der handlungswirksam wird, wenn die Umstände es erlauben und nichts dazwischen kommt [Bieri, 41]

Beispiel: Man möchte Klavier spielen und die Türe zum Übungsraum ist offen. Wäre die Türe geschlossen, dann würde man trotzdem von einem Willen sprechen und nicht nur von einem Wunsch.

 

 

Wille und Grenzen

Unser Wille hängt ab von den äusseren Umständen. Was man tun oder werden will hängt davon ab, welche Angebote die Welt für einen bereit hält [Bieri, 49]. Wir können viel weniger wollen, als wünschen. Fühlen wir uns dadurch in unserer Freiheit eingeschränkt? Es stört uns, wenn nur wenige Handlungsoptionen existieren (z.B: in einer Diktatur) aber es stört uns nicht, dass überhaupt Grenzen existieren. In einer vollkommen offenen Welt hätte der Wille keine Funktion.

Beispiel: Ohne Hunger gäbe es keinen Willen zu essen, ohne Frieren keinen Willen Wärme zu suchen und ohne Müdigkeit keinen Willen, schlafen zu gehen.

Ein Wille bildet sich aufgrund von körperlichen Bedürfnissen, Gefühlen, einer Lebensgeschichte und dem daraus resultierenden Charakter [Bieri, 51].

Wer durch leidvolle Erfahrung mit Veränderungen dazu gebracht wurde, ängstlich am Gewohnten festzuhalten, wird in derselben Situation etwas ganz anderes wollen als derjenige, der unter Erstarrung gelitten hat und nun nichts mehr fürchtet, als festgelegt zu werden.

 

Stellt die Tatsache, dass ich in der Ausformung meines Willens nicht nur durch die äusseren Umstände, sondern auch die Umstände in mir selbst beeinflusst und begrenzt werde, eine Beeinträchtigung meiner Freiheit dar? Es stört uns vielleicht, dass wir in bestimmten Situationen immer auf die gleiche Art reagieren und wir erkennen daran eine innere Beschränktheit. Aber es stört uns nicht, dass überhaupt Grenzen existieren. In einer vollkommen offenen Innenwelt könnte man nicht mehr von einem persönlichen Willen sprechen [Bieri, 52-53].

 

 

 

2.2  Handlungsfreiheit

 

 

Definition

Die Existenz eines Willen ist eine notwendige aber keine hinreichende Voraussetzung für Handlungsfreiheit. Handlungsfreiheit entsteht erst, wenn der Wille nicht daran gehindert wird, in eine Handlung (oder Unterlassung) zu münden [Bieri, 44].

Eine Person ist in ihrem Handeln frei, wenn sie tun und lassen kann, was sie will [Beckermann].

 

Arten der Handlungsfreiheit [Bieri, 46-47]

         Gelegenheiten

         das Vorhandensein der Mittel, um eine Chance zu nutzen

         das Vorhandensein der Fähigkeiten, um eine Chance zu nutzen

Der Weg von den Gelegenheiten zu den Mitteln und weiter zu den Fähigkeiten ist ein Weg, der immer näher an mich heranführt. Die Spielräume werden mit jedem Schritt persönlicher. Am Ende steht der intimste Spielraum: mein Wille. Die Gelegenheiten sind da, ich habe die Mittel, ich verfüge über die nötigen Fähigkeiten und nun gilt: Ob ich das eine tue oder etwas anderes, hängt jetzt ausschliesslich daran, was ich will [Bieri, 48].

 

 

Einschränkungen

Zu jeder Art von Handlungsfreiheit gibt es die entsprechenden Einschränkungen:

1)      Es stehen keine Handlungsoptionen zur Verfügung.

Beispiel: Eine Person will rauchen, aber es werden keine Zigaretten mehr hergestellt und kein Tabak mehr geliefert.

2)      Handlungsoptionen existieren, aber es fehlen die Mittel

Beispiel: Eine Person will rauchen, hat aber kein Geld um Zigaretten zu kaufen.

3)      Handlungsoptionen existieren, aber es fehlen die Fähigkeiten, um sie zu ergreifen:

Beispiel: Eine Person will rauchen, wird aber durch eine Lähmung daran gehindert

 

 

Erweiterungen

Die Phantasie hilft, Handlungsoptionen zu entdecken und vergrössert damit die Handlungsfreiheit.

Gibt es einen Unterschied zwischen objektiver und bewusster Freiheit? Ja, der Spielraum des möglichen Wollens und damit der Freiheit ist in der Regel grösser als angenommen. [Bieri, 48-49]

 

 

 

2.3  Willensfreiheit aus rechtlicher Sicht

 

Es gibt zwei Definitionen der Willensfreiheit:

         Die folgende Definition orientiert sich an der Willentlichkeit (free will as volutariness) und bewegt sich auf der Ebene der Rechtssprechung.

         Eine damit konkurrierende Definition orientiert sich an der Letzt-Urheberschaft (free will as origination) und bewegt sich auf der Ebene der Metaphysik (Kap.3) und Physik (Kap.4 und 5)

 

 

Willentlichkeit (Free will as voluntariness)

Eine Person ist in ihrem Wollen frei, wenn sie die Fähigkeit hat zu bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam werden sollen [Beckermann].

 

Wir können mit unseren Gedanken Einfluss nehmen auf unseren Willen (…). Dadurch üben wir Macht auf den Willen aus und werden seine Urheber. Das Ausmass, indem uns das gelingt, ist das Ausmass, in dem unser Wille Freiheit besitzt [Bieri, 54]

 

Beispiel: Eine Person, welche die Schädlichkeit des Rauchens erkannt hat, vergleicht den mittelfristigen Genuss am Tabak mit dem langfristigen Risiko von Lungenkrebs. Nach dem Bewerten und Abwägen der Chancen und Risiken entschliesst sich die Person mit dem Rauchen aufzuhören. Sie hat offenbar die Fähigkeit zu bestimmen, welcher der beiden Wünsche (Tabakgenuss oder Gesundheit) handlungswirksam werden soll. Wenn die gleiche Person die Kraft nicht aufbringt das als richtig Erkannte in die Tat umzusetzen oder das Rauchen nur temporär einstellen kann, dann ist sie in ihrer Willensfreiheit eingeschränkt.

 

 

Arten von Entscheidungen

Instrumentelle Entscheidungen helfen einem bereits feststehenden Willen zur Verwirklichung [Bieri, 54]

         Beispiel 1: Der Wille, im Tennisspiel einen Punkt zu machen, führt zu einer spontanen Handlung. Hier fehlt ein ausdrücklicher Prozess des Abwägens. Ein Spezialfall ist die Demonstration der Willensfreiheit durch einen spontane Handlung, z.B. durch die Entscheidung eine Zigarette anzuzünden oder nicht.

         Beispiel 2: Das Schachspielen ist wie eine Miniaturwelt, in der sowohl spontane als auch lange voraus berechnete Handlungen ausgeführt werden.

Bei substantiellen Entscheidungen wird ergründet, welche Wünsche zu einem Willen werden sollen [Bieri, 61]

         Wünsche die miteinander verträglich sind, aber die man in eine Reihenfolge bringen muss.

         Wünsche die unverträglich sind, z.B. die Berufswahl

[Bieri, 55].

 

 

Realitätsnähe

Die Willensfreiheit kann ebenso durch Phantasie erweitert werden wie die Handlungsfreiheit. Dabei ist es wichtig, das Reservoir der Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis voll auszuschöpfen. Tagträume, Reisen und Literatur – alles kann dazu beitragen, etwas über andere Möglichkeiten der Lebensgestaltung zu erfahren [Bieri, 65-67]

Beispiel: Der Raucher findet in einer Psychotherapie heraus, dass er mit dem Rauchen eine andere Sucht kompensiert. Erst wenn er sich von dieser Sucht gelöst hat kann er mit dem Rauchen aufhören.

 

In einer konkreten Entscheidungssituation kann sich eine Person täuschen bezüglich der verfügbaren Handlungsoptionen.

Ist Realitätsnähe eine Voraussetzung für Willensfreiheit? Nein, die erwogenen Handlungsoptionen müssen nicht tatsächlich bestehen. Ihre Nicht-Existenz schränkt die Handlungsfreiheit ein, aber nicht die Willensfreiheit. Auch der Wille von jemandem, der in einen Wahn eingesponnen ist, kann ein freier Wille sein [Bieri, 283]

 

 

Offenheit

Die Offenheit der Zukunft ist notwendig, um sich als Urheber eines Willens zu erfahren.

1.      Das Phantasieren und Abwägen hat einen Einfluss auf den Willen.

Es wäre furchtbar, wenn es anders eingerichtet wäre: wenn das, was man denkt und sich vorstellt, keinerlei Einfluss auf den Willen hätte, wenn es kraft- und wirkungslos durch einen hindurchzöge wie Filmbilder, die auf der Leinwand keinerlei Spuren hinterlassen [Bieri, 76].

2.      Solange wir überlegen und uns Alternativen vorstellen, ist die Willensbildung nicht abgeschlossen. Der Wille ist veränderbar und widerrufbar.

Es wäre entsetzlich, wenn es anders wäre: wenn wir, was eine bestimmte Sache betrifft, nur ein einziges Mal entscheiden dürften oder wenn uns überhaupt nur eine begrenzte Anzahl von Entscheidungen gewährt würde, die wir sparsam auf das ganze Leben verteilen müssten, so dass zwischen ihnen längere Zeitspannen lägen, in denen wir nur ohnmächtig zusehen könnten, wie sich die Konsequenzen der letzten Entscheidung unerbittlich entfalten. Es wäre die Hölle [Bieri, 77]

3.      Es ist uns unmöglich im Voraus abschliessend zu wissen, was wir wollen und tun werden. Einerseits weil vieles an unserem Willen im Dunkeln liegt und uns überraschen kann, aber auch weil die Reflexion über den Willen und sein mögliches Resultat diesen wieder ändern kann.

Wäre der Wille plötzlich eingefroren und unserem Einfluss entzogen, dann gäbe es immer noch Zeit im Sinne von Abfolge und Veränderung, aber es wäre eine Zeit, die an uns vorbeiliefe [Bieri, 78]

Was man als Freiheit erlebt ist, dass der Wille dem eigenen Urteil gehorcht [Bieri, 81].

 

 

 

2.4  Innere Unfreiheit aus rechtlicher Sicht

 

Das folgende Kapitel dient dazu, den Begriff „Willensfreiheit aus rechtlicher Sicht“ (Kap.2.3) negativ abzugrenzen, durch eine Beschreibung des Gegenbegriffes innere Unfreiheit. Innere Unfreiheit entsteht dadurch, dass der Einfluss des Denkens auf das Wollen behindert ist [Bieri, 193]. Es gibt verschiedene Erfahrungen der inneren Unfreiheit. Sie unterscheiden sich in der Art und Weise, wie wir die Zeit erleben:

 

 

Getriebensein

Wir sind getrieben durch spontan auftauchende innere Wünsche und durch Einflüsse der Umgebung, wenn wir nicht mehr über unsere Wahlmöglichkeiten nachdenken [Bieri, 84-89]

         Der Getriebene kann die Gegenwart nicht erleben als etwas wofür er sich (frei!) entschieden hat.

         Er beschäftigt sich nicht mit seiner Vergangenheit und kann deshalb die Gegenwart nicht im Lichte seiner Lebensgeschichte sehen.

         Der Getriebene kann auch nicht in eine Zukunft hineingehen, die sich mit einer gewissen Logik aus der Vergangenheit entwickelt.

[Bieri, 127-132]

 

 

Unterworfensein

Wenn andere an unserer Willensbildung beteiligt sind, ohne dass wir darauf Einfluss nehmen können, z.B. im Falle der Hypnose oder der Hörigkeit. Im Unterschied zu einem permanent Getriebenen ist hier die Fähigkeit zur Willenskontrolle nur vorübergehend ausgeschaltet [Bieri, 91-92].

Die Zeit, während der man einem fremden Willen folgt, ist in einem gewissen Sinne nicht die eigene Zeit, man ist nur Gast in der Zeit eines anderen. Dabei lassen sich folgende Stufen der Unfreiheit unterscheiden

1)      Man phantasiert ein eigenes Leben, kann es aber nicht durchsetzen

2)      Man kann keine Alternative mehr phantasieren, aber ist gefühlsmässig abgegrenzt.

3)      Man folgt auch gefühlsmässig dem Leben des anderen, der eigene Wille ist tot.

[Bieri, 132-139]

 

 

 

 

 

Salvador Dali  Die Beständigkeit der Erinnerung

 

 

 

Gehirnwäsche

Unser Denken kann von innen her vergiftet werden, z.B. durch Gehirnwäsche in einer Sekte. Die Gedankenwelt ist zugeschüttet mit geschickt gewählten Metaphern und Assoziationen, an die sich starke Emotionen anlagern. In einem gewissen Masse kann auch die Familie, eine politische Partei oder eine Stammtischrunde die Rolle einer Sekte übernehmen, wenn man zum Mitläufer wird und keine kritische Distanz entwickelt [Bieri, 93-95]

Da er immer dasselbe denkt und sagt muss der gedankliche Mitläufer sich langweilen. Was die Zukunft belangt, so wird er später denken, was er immer gedacht hat. Allem, was kommt, wird er die ewig gleichen Überzeugungen entgegenhalten. Es ist nichts weniger als die offene Zukunft, welche der Mitläufer durch seine Borniertheit verspielt und seine besondere Unfreiheit besteht darin, dass er diesen Verlust gar nicht bemerkt. Die Vergangenheit kann ihm nicht als eine Zeit erscheinen, in der er sich entwickelt hat, sondern nur als eine Spanne, in der er fest zu seinen Überzeugungen gestanden hat. „Das habe ich schon immer gesagt“ ist eine seiner häufigsten Wendungen. Der Ursprung seiner Gedanken liegt im Dunkel des kindlichen Nachplapperns [Bieri, 139-141].

 

 

Sucht

Auch Menschen, die selbständig denken und sich kritisch von aussen betrachten, können einer Sucht verfallen. Die bessere Einsicht ist vorhanden, aber man kann ihr nicht folgen. Eine Sucht wird nicht zwangsläufig verurteilt, sie kann auch – wie im Falle der Arbeitssucht – gesellschaftlich prämiert werden. Süchtige bezeichnet man oft als willensschwach, aber die Schwäche betrifft nicht den vorhandenen (überstarken) schädlichen Willen, sondern die Fähigkeit, ihn durch einen neuen, als besser erkannten Willen zu ersetzen. Der zwanghafte Wille kann nicht durch Erfahrung belehrt werden. Die einzige Chance besteht darin, dass einem dieser Wille eines Tages als fremd vorkommt [Bieri, 96-101].

Weil einem der zwanghafte Wille schadet erscheint er als etwas Bedrohliches oder Fremdes und man wartet man ständig, dass er verschwindet. Durch dieses Warten auf eine bessere Zukunft entgleitet dem Süchtigen die Gegenwart. Der Leistungs-Süchtige etwa will nur noch die eben angepackte Arbeit zu Ende bringen und sich dann etwas Vergnügen gönnen. Doch natürlich taucht sogleich eine neue Herausforderung auf, sodass das Vergnügen weiter in die Zukunft verschoben werden muss. Die Zeit läuft am Süchtigen vorbei, ohne dass er sich gestaltend daran beteiligen kann. In der Erinnerung besteht die Vergangenheit besteht nicht aus gelebter Gegenwart sondern aus vergeblichem Warten. Es ist eine Zeit, die der Süchtige ertragen, aber nicht gelebt hat. Es war ein vergeblicher Kampf mit sich selbst [Bieri, 141-146]. In der Sucht verliert der Mensch seine Zeitfreiheit [Wittmann].

 

 

Unbeherrschtheit

Auch der Unbeherrschte ist nicht Herr seines Willens. Was dem Unbeherrschten fehlt ist nicht ein Wille, sondern die Kontrolle über ihn.

         Der Unbeherrschte unterscheidet sich vom Zwanghaften dadurch, dass er alles Überlegen auslöscht und wegspült. Eine zwanghafte Handlung kann man dagegen bei klarem Verstand ausführen.

         Beim Unbeherrschten muss nicht der Affekt falsch sein, sondern nur die Handlung, welche dem Affekt folgt. Beim Zwanghaften ist schon der Affekt inadäquat [Bieri, 107-109].

 

 

 

2.5  Willensfreiheit aus metaphysischer und physikalischer Sicht

 

Es gibt zwei Definitionen der Willensfreiheit:

         Die eine Definition orientiert sich an der Willentlichkeit (free will as volutariness) und bewegt sich auf der Ebene der Rechtssprechung (Kap.2.3 und 2.4).

         Eine damit konkurrierende Definition orientiert sich an der Letzt-Urheberschaft (free will as origination) und bewegt sich auf der Ebene der Metaphysik (Kap.3) und Physik (Kap.4 und 5).

 

 

Letzt-Urheberschaft (Free will as origination)

1.      Eine Person handelt nur dann frei, wenn sie der einzige verursachende Grund für die Handlung ist und auch anders handeln könnte [Willensfreiheit, Wikipedia]. Die Entscheidung darf nicht auf Umstände zurückgehen, welche die Person selbst nicht kontrollieren kann [Beckermann].

 

2.      Eine Person kann nur dann Letzt-Urheber (originator) des Ereignisses „E“ sein, wenn sie auch die Ereignisse (oder zumindest einen entscheidenden Teil der Ereignisse) kontrollieren kann, die für das Zustandekommen von „E“ verantwortlich sind [Beckermann].

 

Die Naturgesetze können wir nicht kontrollieren. Kann ein von Naturgesetzen bestimmter Wille frei sein?

 

Die Antworten auf diese Frage sind kontrovers:

 

 

Wichtigste Thesen

1.      Unter Inkompatibilismus versteht man die These, dass Determinismus und Willensfreiheit unvereinbar sind (Wikipedia).

Inkompatibilisten müssen entweder den Determinismus oder die Willensfreiheit fallen lassen. Für beide Varianten gibt es Vertreter:

a.      Weicher Inkompatibilismus

Naturalismus-Skeptiker lassen den Determinismus fallen. Sie postulieren, dass es eine metaphysikalische (dualistische) Erklärung für die Willensfreiheit gibt (Kap.3).

b.     Harter Inkompatibilismus

Naturalisten lassen die Willensfreiheit fallen (Kap.4) oder werden zu Kompatibilisten:

 

2.         Der Kompatibilismus betrachtet die Ablehnung des freien Willens als eine Sprachverirrung (Kap.4.3) und lässt die Forderung nach der Letzt-Urheberschaft fallen. Kompatibilisten sind auch Naturalisten. Aber liefern eine physikalische Erklärung, wie ein von Naturgesetzen determinierter Wille frei sein kann (Kap.5).

 

 

Terminologie

Es gibt zurzeit keine einheitliche Terminologie, sondern unterschiedliche Begriffe für unterschiedliche Sichtweisen. Die folgende Tabelle zeigt, wie die Begriffe meist verwendet werden, erhebt aber keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit:

 

 

Willensfreiheit

definiert als

Für die Willensfreiheit massgebende Naturgesetze

 

Kompatibilität mit Naturgesetzen

 

Determiniertheit

des Willens

Existenz der

Willensfreiheit

Letzt-

Urheberschaft

Nicht-zufällige metaphysische Eingriffe

Weicher/ schwacher

Inkompatibilismus

 

Metaphysischer

Indeterminismus

Libertarismus

Letzt-

Urheberschaft

Physikalisches System ohne Zufälle

Harter/ starker

Inkompatibilismus

 

Harter/ starker

Determinismus

Willensfreiheit

ist eine Illusion

Willentlichkeit

Physikalisches System mit unechten Zufällen

Kompatibilismus

 

 

Weicher/ schwacher

Determinismus

Willensfreiheit

existiert

 

 

 

 

3. Libertarismus

 

 

3.1  Definition

 

Als Libertarier bezeichnet man diejenige Gruppe von Inkompatibilisten, welche die Willensfreiheit in einer immateriellen Welt ansiedeln.

 

Im Libertarismus wird die Position vertreten, dass die Erfahrung des freien Willens eine nicht-deterministische Welt voraussetze. Einige Vertreter dieser Anschauung gehen von einem Determinismus in der "physikalischen" Welt aus, postulieren jedoch, dass es für "geistige" Ereignisse keine Begrenzungen gibt (Kompatibilismus und Inkompatibilismus, Wikipedia)

 

 

 

3.2  Der unbedingte Wille

 

Letzt-Urheberschaft ist nur möglich, wenn der Wille ein unbewegter Beweger ist. Nur ein unbedingter Wille ist ein freier Wille [Bieri, 199].

Ist dies eine sinnvolle Forderung?

Nicht nur die Präferenzen, sondern auch die Überlegungen, welche zu einem Entscheid führen, haben eine Geschichte und werden dadurch zu etwas Persönlichem [Bieri, 175]. Der freie Wille bildet sich unter dem Einfluss von Gründen. Durch diesen Einfluss werden wir zu seinem Urheber [Bieri, 165-166, 188]. All diese Voraussetzungen (Bedingungen) für die Bildung eines Willens schränken aber die Freiheit nicht ein. Sie definieren lediglich Dinge, die innerhalb und ausserhalb der Person der Fall sein müssen, damit es überhaupt einen bestimmten Willen geben kann. Ohne diese Zusammenhänge liesse sich die Idee der Willensfreiheit gar nicht beschreiben. Die Forderung nach einer unbedingten (absoluten) Freiheit des Willens ist eine begriffliche Verirrung [Bieri, 251-253].

 

Libertarier akzeptieren diese Überlegungen nur teilweise:

         Der freie Wille ist zwar teilweise geneigt den Gründen bzw. Überlegungen zu folgen

         er kann sich aber auch jeder Bindung widersetzen.

Darüber zu bestimmen, ob es zu einer Bindung kommt und zu welcher, das ist die Ausübung der wahren Freiheit [Bieri, 189-190].

 

Ein Letzt-Urheber muss insbesondere in der Lage sein, den Entscheidungsprozess (das Bewerten und Abwägen von Gründen) in einem beliebigen Zeitpunkt abzubrechen und willkürlich zu handeln. Dies wird als instantane Akteurskausalität bezeichnet. Die Entscheidung wird als spontane Aktion ohne zeitliche Ausdehnung und ohne Kausalität, d.h. als „kausale Lücke“ wahrgenommen [Bieri, 222-226].

Beispiel: Der Raucher hat das Gefühl, jederzeit frei von seinen Überlegungen zur Gesundheit eine Zigarette anzünden zu können oder auch nicht.

 

 

 

3.3  Leib-Seele Dualismus

 

Libertarier postulieren, dass die Wahrnehmung der kausalen Lücke keine Täuschung ist, sondern dass eine mentale Sphäre ausserhalb der bisher bekannten Naturgesetze existiert, welche auf das physische System einwirkt (Leib-Seele-Dualismus). Sie weisen u.a. darauf hin

         dass die meisten Thesen der Hirnforschung nur auf Korrelationen beruhen

         dass die physikalischen Theorien auf keiner sicheren Grundlage stehen [Rothman]

 

Die klassische Form des Dualismus ist der interaktionistische Substanzdualismus. Er wurde in maßgeblicher Weise von René Descartes formuliert und hat auch noch heute Anhänger. Karl Popper und John Eccles waren die bekanntesten interaktionistischen Dualisten des 20. Jahrhunderts (…). Manche neuere Philosophen, zum Beispiel der theoretische Physiker und Relativist Roger Penrose, gehen von einer Interaktion durch Quanteneffekte aus (…). Der große Vorteil des interaktionistischen Dualismus besteht darin, dass er mit der Alltagserfahrung der Menschen übereinstimmt (Philosophie des Geistes, Wikipedia)

 

Der wichtigste Einwand gegen eine Verbindung der Quantenmechanik mit der Willensfreiheit ist die Zufälligkeit der quantenmechanischen Prozesse. Der Interaktionismus entgeht diesem Einwand durch die These, dass eine hypothetische Kraft so auf das Gehirn wirkt, dass diese Prozesse nicht mehr zufällig stattfinden [Esfeld, 179]. Eccles geht davon aus, dass

1.      Absichten nicht identisch sind mit Zuständen oder Prozessen im Gehirn

2.      Absichten relevant sind für gewisse physikalische Vorgänge

[Esfeld, 177]

 

Auch das Trilemma von Bieri geht davon aus, dass bei mentalen Prozessen nicht-physikalische Phänomene im Spiel sind [Falkenburg 2012]. Ca. 10% der Hirnforscher glauben, dass Qualias und/oder Selbstreflexion zu dieser nicht-physikalischen Sphäre gehören [GAD, Vollenweider]. Sinneswahrnehmungen wie Sehen und Hören werden im Gehirn auf die genau gleichen biochemischen Verarbeitungsprozesse reduziert und unterscheiden sich lediglich durch ihre Lokalisation. Wenn aber die Speicherung und die Verarbeitung der Informationen auf die gleiche Art und Weise erfolgen, wie können wir sie dann als verschiedene Qualitäten wahrnehmen?

 

Der Glaube an nicht-physikalische Prozesse mag damit zusammenhängen, dass die Beschreibung des Mikrokosmos zunehmend abstrakt wird. Schon 1934 bemerkte Werner Heisenberg dass die Quantenmechanik von der allgemeinverständlichen Sprache der klassischen Physik wegdriftet und mathematische Objekte verwendet, welche nicht mehr anschaulich interpretiert werden können (siehe Die Quantentheorie und das Schisma der Physik). Das Abstrakte ist dem Geistigen näher. Und wie wissen wir, dass unsere Messinstrumente sensibel genug sind um alle Phänomene messen?

 

 

 

What is mind? – No matter.

What is matter? – Never mind!

 

Author unknown

 

 

 

 

 

3.4  Kritik aus Sicht des Naturalismus

 

 

Grundsätzliches

Aus naturalistischer Sicht ist auch der Geist oder das Bewusstsein Teil der physischen Natur und damit den Naturgesetzen unterworfen. Eine nicht-physikalische Kraft, welche auf das Gehirn wirkt und dort Energie und Impuls verändert, würde die Erhaltungssätze der Physik verletzen [Esfeld, 180]. Die Quantenmechanik wäre unvollständig im Bereich von gewissen neurophysiologischen Prozessen [Esfeld, 184]. Dies ist ein (zu) hoher Preis für die These des Interaktionismus.

 

 

Letzt-Urheberschaft des Entscheides

John Searle, ein Vertreter des biologischen Naturalismus, kritisiert die Letzt-Urheberschaft wie folgt [Searle]:

1.      Die libertarische Freiheitstheorie der „zwei Welten“ (Leib-Seele-Dualismus) geht von einer instantanen Akteurskausalität aus. Die zwei Welten entstehen dadurch, dass man einerseits sagt: "Die Tätigkeit des Gehirns unterliegt den Naturgesetzen und damit der Kausalität" und dass man andererseits sagt "ein Mensch kann frei, d.h. ohne kausale Abhängigkeit entscheiden“.

Naturgesetze sind Bedingungssätze, d.h. sie haben die Form einer Wenn-dann-Aussage [Vollmer 2000, 211].

2.      Naturalisten gehen davon aus dass nicht nur die Entscheidungsvorbereitung, sondern auch der Entscheid selbst eine zeitliche Ausdehnung beansprucht und einen naturgesetzlichen Prozess spiegelt, bei welchem der Erwerb von Gewohnheiten und/oder das Abwägen von Gründen eine Rolle spielt [Hampe 2007, 173-174]. Bei einer spontanen oder bewusst verkürzten Entscheidung fällt das Abwägen von Gründen weg aber der Entscheid beansprucht trotzdem eine gewisse zeitliche Ausdehnung und kann nie im physikalischen Sinne instantan sein. Diese These wird dadurch gestützt, dass (mit Ausnahme der Quantenverschränkung in der Quantenmechanik) keine instantanen Wirkungen bekannt sind. Trotzdem haben wir das Gefühl in einem einzigen Augenblick „frei“ entscheiden zu können.

Wie kann man die Erfahrung „frei entscheiden zu können“ versöhnen mit dem Wissen, dass die Vorgänge im Gehirn kausal verknüpft sind? Warum können wir nicht einfach akzeptieren, dass die Willensfreiheit eine Illusion ist?

 

Searle schlägt folgende Antwort vor:

Der Grund für das Beharren auf der Willensfreiheit liegt wahrscheinlich darin, dass wir zwischen Entscheidungsvorbereitung und Entscheid eine „kausale Lücke“. wahrnehmen. Aber ist diese Lücke real oder illusorisch? Zwei Thesen stehen sich gegenüber:

1.      Willensfreiheit hat etwa den gleichen Realitätsanspruch wie ein Regenbogen

2.      Willensfreiheit reflektiert einen realen Mechanismus im Gehirn, der Mensch ist Letzt-Urheber des Entscheides

Betrachten wir die Konsequenzen der beiden Thesen:

1)      Nach These 1 wäre es möglich eine Maschine zu bauen, welche Entscheidungsprozesse kausal abwickelt aber Willensfreiheit vorgaukelt. Bei dieser These besteht die Schwierigkeit darin, den evolutionären Vorteil des „Vorgaukelns“ zu erklären. Ohne einen solchen Vorteil ist unklar, warum die Illusion entstehen und sich behaupten konnte. Ihre Erzeugung verbraucht Energie und ist damit evolutionär nachteilig.

2)      Nach These 2 dürfte der Entscheidungsprozess in der Maschine nicht kausal sein, d.h. er dürfte weder durch Gesetze der klassischen Physik noch durch Gesetze der Quantenmechanik bestimmt sein. Die klassische Physik ist deterministisch, die Quantenmechanik kennt auch zufällige Ereignisse. Beides steht in Widerspruch zur Letzt-Urheberschaft.

Nach dem heutigen Stand des Wissens ist These 1 realistischer. Der evolutionäre Vorteil der Illusion „Willensfreiheit“ könnte darin bestehen, dass sie das Selbstwertgefühl stärkt in Situationen, wo Handlungsoptionen existieren und damit das Individuum motiviert, solche Situationen zu suchen oder herbeizuführen. Zur evolutionären Bedeutung des Bewusstseins siehe Kap.6.5.

 

 

 

4. Harter Determinismus

 

 

4.1  Vorgeschichte

 

 

Hinduismus

Die ältesten Betrachtungen zur Willensfreiheit stammen wahrscheinlich aus der monistischen Hindu Tradition (Advaita). Eine zeitgemässe Formulierung findet man z.B. bei Swami Vivekananda (1863-1902), einem Vedantisten:

Therefore we see at once that there cannot be any such thing as free-will; the very words are a contradiction, because will is what we know, and everything that we know is within our universe, and everything within our universe is molded by conditions of time, space and causality. ... To acquire freedom we have to get beyond the limitations of this universe; it cannot be found here (Free Will in Theology, Wikipedia)

 

 

Prädestination

Prädestination bedeutet „Vorherbestimmung“ und ist ein theologisches Konzept, nach dem Gott von Anfang an das Schicksal des Universums und aller Menschen vorherbestimmt hat. Die Prädestinationslehre wird insbesondere mit Augustinus von Hippo (354-430) und dem Calvinismus (1509-1564) verbunden (Prädestination, Wikipedia)

 

Ein radikaler Vertreter der Prädestination war auch Gottschalk von Orbais (803-869)

Gottschalk bediente sich des wohl erstmals bei Isidor von Sevilla (560-636) zu findenden Ausdrucks der doppelten Vorherbestimmung. Diese Auffassung vertritt, verkürzt ausgedrückt, den Standpunkt, Gott habe schon vor ihrer Geburt nicht nur die Erlösten ausgewählt, sondern ebenso jene vorherbestimmt, die vor ihm keine Gnade finden werden (Gottschalk von Orbais, Wikipedia)

 

Die Prädestination vermeidet Widersprüche, welche zwischen

         dem Konzept der menschlichen Willensfreiheit und

         der Überzeugung „dass nichts geschieht ohne den Willen Gottes“

entstehen. In der Neuzeit wurde die Prädestination allmählich durch das Konzept des naturwissenschaftlichen Determinismus abgelöst. Aus dieser Sicht ist der allmächtige Gott nicht tot (wie Nietzsche postulierte) sondern lebt in der Form von Naturgesetzen weiter.

 

 

Klassische Mechanik

Die Grundsteine der klassischen Mechanik und so auch indirekt das Konzept des Determinismus wurden von Isaac Newton (1642-1726) gelegt (Isaac Newton, Wikipedia)

 

Determinismus (von lateinisch: determinare abgrenzen, bestimmen) ist ein philosophisches Konzept und zusammen mit seinem Gegenstück, dem Indeterminismus, ein wesentliches Grundelement zur Herausbildung eines konsistenten Weltbildes. Er geht davon aus, dass alle Ereignisse nach feststehenden Gesetzen ablaufen und sie durch diese vollständig (vorher-) bestimmt bzw. determiniert seien. Deterministen sind also der Auffassung, dass bei bekannten Naturgesetzen und dem vollständig bekannten Zustand eines Systems der weitere Ablauf aller Ereignisse prinzipiell vorherbestimmt ist und folglich weder ein echter Zufall, noch Wunder bzw. ähnliche nicht-physische Phänomene existieren (Determinismus, Wikipedia)

 

In der klassischen Mechanik ist der Begriff Determinismus eng mit dem Begriff Kausalität verknüpft:

Kausalität (v. lat.: causa = Ursache) bezeichnet die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung, betrifft also die Abfolge aufeinander bezogener Ereignisse oder Zustände. Ein Ereignis oder Zustand A ist die Ursache für die Wirkung B, wenn B von A herbeigeführt wird (Kausalität, Wikipedia).

 

 

 

Wann geht die Wirkung der Ursache voraus?

Wenn ein Arzt hinter dem Sarg seines Patienten geht.

 

Robert Koch

 

 

 

Baruch Spinoza (1632-1677) postulierte dass die Ordnung und Verknüpfung der Ideen dieselbe ist wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge. So wie in der Welt der materiellen Körper keine Wirkung ohne (zwingende) Ursache möglich ist, so ist in der Geisteswelt ein Willensentschluss ohne Motiv nicht möglich. Alles geschieht aus kosmischer Notwendigkeit. Damit schloss Spinoza jede Willensfreiheit aus (Spinoza, Wikipedia).

 

Der französische Aufklärer Paul Henri D’Holbach (1723-1789) postulierte, dass alles einer wechselseitigen Abhängigkeit unterworfen ist, wie Teile in einem geschlossenen System. Er verneinte jede transzendente Intervention in dieses System, insbesondere durch göttliches Eingreifen oder durch einen absolut freien Willen [Pépin, 7].

 

Auch Joseph Priestley (1732-1804) vertrat bereits im 18.Jh. einen radikalen Determinismus, in welchem der Wille dem Kausalgesetz unterworfen war und die Entschlüsse auf die Hirnzustände zurückgeführt wurden (Geschichte des freien Willens, Wikipedia).

 

Pierre-Simon Laplace (1749-1829) untersuchte die Frage, ob die Welt bei vollständigem Wissen berechenbar wäre:

Der Laplacesche Dämon ist die Veranschaulichung der erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Auffassung, nach der es möglich ist, unter der Kenntnis sämtlicher Naturgesetze und aller Initialbedingungen jeden vergangenen und jeden zukünftigen Zustand zu berechnen. Mit dieser Aussage wäre es theoretisch möglich, eine Weltformel aufzustellen (Laplacescher Dämon, Wikipedia).

In einem gewissen Sinne steht der Determinismus von Laplace in der Nachfolge der Prädestinationslehre und sein Dämon übernimmt die Rolle des allwissenden Gottes.

 

Auch bei Schopenhauer finden wir die Vorstellung, dass freie Entscheidungen nicht dem Kausalgesetz unterworfen sein dürfen:

Für Schopenhauer (1788-1860) gab es keine Freiheit des Handelns, sondern nur des Seins (…). Absichtliches Wollen sei bereits eindeutig motiviert und determiniert. Ein echtes liberum arbitrium könne nicht gedacht werden, denn es verstoße gegen den Satz vom zureichenden Grunde (Geschichte des freien Willens, Wikipedia).

 

 

 

4.2  Moderner Determinismus

 

 

Thermodynamik

Gegen Ende des 19.Jh stellte sich heraus, dass der scheinbar kausale Zusammenhang zwischen Druck, Volumen und Temperatur von Gasen (siehe Gasgesetz) auf der Wahrscheinlichkeitsverteilung von Molekülgeschwindigkeiten beruht:

         Die Temperatur ist ein Mass für die mittlere kinetische Energie der umherschwirrenden Moleküle

         Der Druck ist der (pro Zeiteinheit) auf die Flächeneinheit der umgebenden Wand abgegebene Impuls der Moleküle

Das Gasgesetz ist in Wahrheit ein statistisches Gesetz. [Vollmer 2000, S.229]

 

Die kinetische Gastheorie verwendet statistische Methoden, weil die untersuchten Prozesse nicht im Detail kalkuliert werden können, beruht aber im Übrigen auf den Gesetzen der klassischen Mechanik. Ob die klassische Mechanik und die Wahrscheinlichkeitsrechnung ausreichen, um die Zunahme der Entropie zu erklären, darüber stritten sich Ernst Zermelo und Ludwig Boltzmann Ende des 19.Jh. [Boltzmann]:

1.      Zermelo monierte, dass in einem dynamischen System von Punktmassen die Zustände sich wiederholen (Wiederkehrsatz von Poincaré). Folglich kann eine Funktion von Punktmassen die ständige Zunahme der Entropie nicht erklären.

2.      Boltzmann antwortete, dass die Wiederholung der Zustände nicht beobachtet wird, weil sie eine fast unendlich lange Beobachtungszeit erfordert. Eine Mischung von Wasserstoff und Sauerstoff in einem isolierten Behälter bei Raumtemperatur kann theoretisch Wasser produzieren. Das wurde aber noch nie beobachtet.

Nach dem molekularkinetischen Gesichtspunkt ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik lediglich ein Satz der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Tatsache, dass wir niemals Ausnahmen beobachten, beweist nicht, dass der statistische Standpunkt falsch ist, da die Theorie voraussagt, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Ausnahme, wenn die Molekülzahl gross ist, praktisch gleich Null ist [Boltzmann, 276].

3.      Zermelo erweiterte jetzt die Betrachtungsweise von einem isolierten Gasbehälter auf die gesamte Natur. Wenn der zweite Hauptsatz lediglich ein Satz der Wahrscheinlichkeitsrechnung ist, dann sollte die Entropie in der Natur gleich häufig zu- wie abnehmen. Boltzmanns Theorie kann die gesamthafte Zunahme der Entropie nicht erklären.

4.      Boltzmann musste schliesslich einräumen, dass sich das Universum in einem unwahrscheinlichen Zustand befindet. Warum dies so ist, darüber wird noch heute gerätselt (siehe Entropieproblem). Um das deterministische Weltbild zu retten muss man annehmen, dass sich das Universum am Anfang in einem Zustand extrem tiefer Entropie befand oder dass die fundamentalen Gesetze der Physik Zeit-asymmetrisch sind [Smolin]. Boltzmann versuchte die extrem tiefe Anfangs-Entropie durch eine unermesslich seltene Fluktuation zu erklären [Silk, 27].

 

 

Systemtheorie

1.      Deterministisch sind auch Systeme, deren Dynamik unter bestimmten Bedingungen empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, so dass ihr Verhalten nicht langfristig vorhersagbar ist. Da diese Dynamik einerseits den physikalischen Gesetzen unterliegt, andererseits aber irregulär erscheint, bezeichnet man sie als deterministisches Chaos. Chaotische Systeme sind nichtlineare dynamische Systeme (Chaosforschung, Wikipedia).

2.      Deterministisch sind schliesslich alle Prozesse, welche zu einer sog. (un-)glücklichen Verkettung von Umständen führen, siehe z.B. Murphy’s Laws.

Der Begriff Zufall wird z.T. im Kontext von mathematischen Singularitäten verwendet, z.B. bei Bifurkationen. Weil aber in diesen Fällen das System durch mathematische Gleichungen beschrieben werden kann, verwenden wir hier den Begriff „unechter Zufall“.

 

In der Praxis hat der unechte Zufall die gleichen Auswirkungen wie der echte Zufall.

Singularitäten bzw. instabile Punkte in den Berechnungsmodellen auch innerhalb der deterministischen klassischen Mechanik bewirken, dass beliebig kleine Unterschiede im Anfangszustand nach hinreichend langer Zeit zu maximal großer Abweichungen der Ergebnisse führen. Das Ergebnis wird von „unmessbar kleinen Fluktuationen bestimmt und ist daher unmöglich vorhersagbar“. Zusammen mit prinzipiellen Grenzen exakter Messbarkeit impliziert dies „die Existenz objektiv indeterminierter Prozesse auch im Größenbereich der Makrophysik“ (Indeterminismus, Wikipedia)

Es wäre wohl konsequent hier von praktischem Indeterminismus zu sprechen, im Gegensatz zu theoretischem Indeterminismus. Der erstere beruht auf dem unechten Zufall, der letztere auf dem echten Zufall.

 

 

Quantenmechanik

Die Quantenmechanik hat eine Diskussion darüber ausgelöst, ob die Welt fundamental deterministischen oder im innersten zufälligen Prinzipien gehorcht (…). Beim radioaktive Zerfall ist bekannt, dass nach dem Verstreichen der Halbwertszeit hinreichend genau die Hälfte der radioaktiven Atome zerfallen sein werden – welche einzelne Atome zerfallen sein werden, lässt sich hingegen nicht vorhersagen. Der Umstand, dass der Zerfall im Makroskopischen durchaus deterministisch ist, lässt am "Zufall" Zweifel aufkommen. Eher kann man sagen, dass sich ein eigentlich kontinuierlicher Vorgang auf Quantenebene in Einzelereignissen manifestiert, die insgesamt einer klaren Gesetzmäßigkeit gehorchen, im Einzelnen aber nicht vorhersehbar sind. So wie hier eine gleichmäßige zeitliche Verteilung "gequantelt" wird, manifestieren sich beim Doppelspaltversuch die Photonen in einer räumlichen Zufallsverteilung zu einem Interferenzmuster. Hier bemüht man den Welle-Teilchen-Dualismus als Erklärung. Während die Photonen ein Muster auf den zwei Raumdimensionen des Schirms formen, formen die radioaktiven Zerfallsereignisse ein Muster auf der Zeitachse (Zufall, Wikipedia)

 

Einstein vermutete, dass die Gesetze der Quantenmechanik von verborgenen Variablen auf einer noch fundamentaleren Ebene bestimmt sein könnten, so wie die Gasgesetze von den deterministischen (kinetischen) Gesetzen der Moleküle bestimmt werden. Man unterscheidet zwischen Theorien mit lokalen und nichtlokalen verborgenen Variablen.

1.      Theorien mit lokalen verborgenen Variablen erfüllen stets die Bellsche Ungleichung. Die Quantenmechanik verletzt jedoch in Übereinstimmung mit den Ergebnissen des Aspect-Experiments zum EPR-Effekt die Bellsche Ungleichung. Daher kann es keine Beschreibung der Wirklichkeit mit lokalen verborgenen Variablen geben (Verborgene Variable, Wikipedia)

2.      Die konkurrierende Theorie mit nichtlokalen verborgenen Variablen ist noch ungeklärt.

 

Erwin Schrödinger hingegen vermutete, dass die quantenmechanische Art von Wahrscheinlichkeit (Propensitäten) grundlegender ist als die in der Thermodynamik untersuchte.

Gemäss der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik ist der Wahrscheinlichkeitscharakter quantentheoretischer Vorhersagen nicht Ausdruck der Unvollkommenheit der Theorie, sondern des prinzipiell nicht-deterministischen Charakters von Naturvorgängen (Kausalität, Wikipedia).

 

 

Kausalität

Es gibt mindestens drei Kausalitäts-Begriffe [Falkenburg 2007] [Haas]:

1.      Der Kausalitäts-Begriff der klassischen Mechanik,

welcher eng mit dem Begriff Determinismus verknüpft ist (Kap.4.1).

 

2.      Die Einstein-Kausalität der Signalübertragung.

Seit Einstein wissen wir, dass sich Kausalität nur mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten kann. Die instantane Ausbreitung von Information wäre demnach ein nicht-kausales Ereignis. Die Allgemeine Relativitätstheorie wird zwar oft als eindeutig deterministisch eingestuft, doch die Singularitäten dieser Theorie (z.B. die ominösen Schwarzen Löcher) vertragen sich schlecht mit dem Kausalitäts-Begriff der klassischen Mechanik [Schulte]. Laut Einsteins Theorie ist es auch möglich, dass ein Beobachter ein Ereignis A vor B sieht und ein anderer Beobachter B vor A, abhängig von der relativen Geschwindigkeit der beiden Beobachter zueinander [Brooks, 23].

 

3.      Die probabilistische Kausalität der Quantenmechanik.

Obwohl die Quantenmechanik nicht deterministisch ist, ist sie dennoch kausal, was man insbesondere daran erkennt, dass auch die Quantenmechanik es nicht erlaubt, Ereignisse in der Vergangenheit zu verändern (Kausalität, Wikipedia).

Wahrscheinlichkeiten für Quanten-Ereignisse sind durch vorausgehende Quanten-Ereignisse verursacht [Esfeld, 183]. Eine allfällige Creatio ex nihilo wäre auch aus quantenmechanischer Sicht ein nicht-kausales Ereignis.

 

Im folgenden Diagramm wird der Begriff Determinismus dem erweiterten Begriff von Kausalität untergeordnet.

 

 

Schlussfolgerung

         Im Kontext der Gehirnprozesse (und damit der Willensfreiheit) ist die Einstein-Kausalität nicht relevant.

         Die meisten Physiker gehen auch davon aus, dass der echte (quantenmechanische) Zufall nicht auf die Ebene der Gehirnprozesse durchschlägt (siehe Zufall, Wikipedia).

Nach dem heutigen Stand des Wissens darf man annehmen, dass die Gehirnprozesse deterministisch ablaufen, wobei aber in diesem Begriff das deterministische Chaos (der unechte Zufall) eingeschlossen ist. Der prominente Hirnforscher Wolf Singer vergleicht das menschliche Gehirn mit einem Computer, bei dem die Hardware so flexibel ist wie Software und aufgrund äusserer Einflüsse ständig neu verschaltet wird. Die Architektur und der jeweilige Zustand des Systems "Gehirn" sind für den jeweils folgenden Zustand (in Kombination mit den äußeren Einflüssen) determinierend.

Auf der physikalischen Betrachtungsebene gibt es deshalb keine Willensfreiheit. Auch die Beteiligung eines echten Zufalls würde dieses Urteil nicht ändern. Nur ein metaphysischer Eingriff in die Gehirnprozesse würde einen freien Willen ermöglichen (Kap.3).

 

 

 

4.3     Sprachanalytische Kritik

 

 

Intelligibilitäts-Argument

Einige Kompatibilisten sehen im Determinismus sogar eine notwendige Voraussetzung für die Existenz des freien Willens. Da freie Handlungen und Entscheidungen nur dann frei sind, wenn sie aus Gründen erfolgen, erfordert Willensfreiheit den Determinismus, nämlich den Determinismus durch Gründe. Dieser Argumentation zufolge ist es paradoxerweise der Determinismus, der die Willensfreiheit stützt und nicht der Indeterminismus. Dieses Argument wird als Intelligibilitätsargument bezeichnet und von Daniel C. Dennett wie folgt kommentiert: „Determinism is the friend, not the foe, of those who dislike inevitability”(Kompatibilismus und Inkompatibilismus, Wikipedia)

Harte Deterministen weisen darauf hin, dass auch die Gründe für Entscheidungen wieder auf deterministischen Hirnprozessen basieren und deshalb nicht frei sind (Kap.5.6). Diese Forderung nach Letzt-Urheberschaft wiederum, wird von Sprachanalytikern angefochten.

 

 

Letzt-Urheberschaft der Präferenzen

Die Maximalforderung lautet:

Wir sind nur dann frei, wenn wir der Ursprung all unserer Ziele und Absichten sind.

Ist diese Forderung sinnvoll?

1.      Welche Entscheidungen ich treffe, das hängt von meinen Präferenzen und letzten Endes von meinem Charakter ab – davon, was für ein Mensch ich bin. Aber frei können meine Entscheidungen nur dann sein, wenn meine Präferenzen ihrerseits auf mich und nicht auf Umstände zurückgehen, auf die ich keinen Einfluss habe. Die Frage ist nun, ob es wirklich sinnvoll ist anzunehmen, Personen könnten in diesem Sinne tatsächlich die letzte Quelle und der Ursprung aller ihrer Ziele und Absichten sein.

Die Formulierung ist zumindest irritierend. Menschen kommen doch nicht als Wesen ohne alle Wünsche und Absichten auf die Welt, um sich dann die Wünsche und Präferenzen auszusuchen, die sie gerne haben würden. Ein Wesen ohne Wünsche und Absichten hätte gar kein Motiv, sich überhaupt Ziele und Absichten zuzulegen, und es hätte auch keine Kriterien, nach denen es auswählen könnte (…)

Es kann gar nicht anders sein, als dass wir schon mit einer beträchtlichen Zahl natürlicher Wünsche auf die Welt kommen – den Wünschen nach Essen, Geborgenheit, Zuwendung usw. (welche der biologischen Nutzenfunktion untergeordnet sind). Es ist nicht besonders sinnvoll zu sagen, die Natur manipuliere uns dadurch oder mache uns dadurch unfrei, dass sie uns diese Wünsche mit auf den Weg gibt. Unsere Freiheit beruht vielmehr darauf, dass sich in uns Menschen im Laufe der Zeit die Fähigkeit entwickelt hat, uns unserer Wünsche bewusst zu werden und über sie nachzudenken [Beckermann]

2.      Präferenzen entstehen durch eine bestimmte Konstitution und Lebensgeschichte und charakterisieren eine Person. Freiheit ist nicht Beliebigkeit. Beliebige Präferenzen sind unpersönliche Präferenzen. Dass jemand etwas Bestimmtes will können wir nur verstehen, wenn wir die Vorgeschichte dieses Wollens kennen [Bieri, 230-239].

3.      Die Fähigkeit einen inneren Abstand zu sich aufbauen zu können und sich von Wünschen zu lösen wird oft als Erkennungsmerkmal der Willensfreiheit angeführt [z.B. Bieri, 226-228]. Das temporäre Loslösen bedeutet aber nicht, dass man in der Folge die Wünsche frei wählen kann. Eine vollständige Befreiung von Wünschen ist wahrscheinlich nur im Rahmen einer buddhistischen Einsichtsmeditation möglich. Ein solcher Zustand ist durch die Abwesenheit eines Willens gekennzeichnet und eignet sich deshalb schlecht zur Illustration der Willensfreiheit.

Fazit: Mit der Forderung nach Letzt-Urheberschaft der Präferenzen wird der Freiheitsbegriff überdehnt (ähnlich wie mit der Forderung nach Selbstbestimmung über die eigene Existenz):

Wenn man den Begriff Freiheit so verwendet, dann sind Menschen unfrei allein durch die Tatsache, dass sie Menschen sind.

Existentialistische Autoren scheinen einen solchen Freiheitsbegriff vertreten zu haben. In diesem Konzept vollständiger Autonomie bestimmen Menschen auch ihr Wesen selber, sie sind nicht nur Urheber ihrer Handlungen, sondern bringen sich selbst hervor [Hampe 2007, 173].

 

Etwas schwieriger ist die Frage, ob wir auch durch kulturell geformte Präferenzen einen Teil unserer Freiheit verlieren. Kulturell bedingte neurotische Entwicklungen können oft durch eine Erweiterung des Bewusstseins (z.B. in einer Psychotherapie) geheilt werden. Führt das Freud’sche Programm „aus Es soll Ich werden“ demnach zur inneren Freiheit? Die Antwort ist nicht eindeutig. Unbewusste Einschränkungen in einem Bereich der Psyche können die Freiheit in einem anderen Bereich vergrössern.

Beispiele:

1)      Selbstkontrolle und Verdrängung aggressiver Gedanken (Tötungswünsche im Besonderen) beseitigen die latente Gefahr, das Gewaltmonopol des Staates zu verletzen und im Gefängnis zu landen. Wenn alle ihre Agressionen kontrollieren, dann vergrössert sich die Bewegungsfreiheit in der Gemeinschaft erheblich.

2)      Ein Pianist gewinnt Spontaneität (Freiheit) im künstlerischen Ausdruck, indem er zuerst durch einen harten Lernprozess die Technik der Tastenbeherrschung im Unterbewussten verankert [GAD, Hampe].

Der ausgebildete Pianist (und in einem gewissen Sinne jeder disziplinierte Durchschnittsbürger) sind nicht Letzt-Urheber ihrer Präferenzen, weil ihre Interessen durch ein Bildungsprogramm geformt wurden. Sollten wir ihnen deshalb die innere Freiheit absprechen?

 

 

Vollständigkeit der Informationen

Die Maximalforderung lautet:

Wir sind nur frei, wenn wir die Handlungsalternativen vollkommen überblicken.

Beispiel:

Our evolutionary-evolved brain potential to generate multiple action plans is constrained by what is stored in memory and by what is present in the environment. Thus the feeling of a free will is an illusion, as there is likely no unlimited (=completely free) amount of representations generated, due to the inherent constraints [De Ridder].

Auch hier wird der Freiheitsbegriff überdehnt. Die menschliche Freiheit bewegt sich immer im Rahmen eines unvollkommenen Wissens.

 

 

Der Zwang der Naturgesetze

Die Vorstellung, dass Freiheit in einer durch Naturgesetze beschriebenen Welt unmöglich wäre, ergibt sich aus dem Gedanken, dass Gesetze Zwang ausüben [Hampe 2007, 171].

Aber der Zwang, den die Naturgesetze ausüben betrifft nicht das Handeln von Naturwesen, als vielmehr die menschlichen Erklärungs- und Schlussverfahren (…). Es ist die Neigung, den Zwang und das Geführtwerden durch Argumentation oder mathematische Erklärung in den Bereich zu projizieren, der durch diese Formeln beschrieben wird. Doch die Planeten, die Bewegungsgesetzen folgen, verspüren keinen Widerstand und keine Anstrengung. Sie wollen nicht aus ihrer Bahn ausbrechen und werden von den Gesetzen nicht an der Realisierung ihres Willens gehindert [Hampe 2007, 173].

 

Wir können solche Zusammenhänge (wie dass sich Benzin unter Feuer entzündet) sogar zwingend nennen. Was nicht geschehen darf, ist, dass wir im Zuge solcher Kommentierungen unmerklich in die Sphäre zwischenmenschlicher Einflüsse hineingleiten, wo der Zwang im Sinne der Unfreiheit zu Hause ist. Wenn wir das tun, dann werden zwei ganz verschiedene Kategorien verschmolzen [Bieri, 254]

 

 

Ohnmacht gegenüber der Kausalität

Wir sind mit unserem Willen, auch dem überlegten und entschiedenen Willen, insgesamt einem Kausalgeschehen ausgeliefert, über das wir keine Macht besitzen. Zwar gelingt es uns oft, den Willen durch Überlegungen zu beeinflussen. Aber wir sollen uns nichts vormachen: Darüber, ob uns das gelingt oder nicht, haben wir wiederum keine Macht. Wenn wir die Geschichte einer Willensbildung zurückverfolgen und kleinteilig aufschlüsseln dann erkennen wir, dass diese Geschichte unvermeidlich, unabänderlich und unabwendbar war [Bieri, 255-256].

Ist diese Darstellung realistisch?

1.      Damit jemand einem Geschehen (dem Willen) gegenüber ohnmächtig sein kann, muss dieses Geschehen von ihm verschieden sein.

2.      Das bedrohliche Geschehen, welches einen wehrlos macht, ist in seinem kausalen Verlauf unabhängig vom Opfer, es ist vom Opfer nicht beeinflussbar.

3.      Das Opfer möchte nicht, dass die bedrohlichen Dinge geschehen, es wünschte, sie aufhalten zu können.

[Bieri, 257]

Der aus Freiheit Wollende erlebt seinen Willen aber nicht auf diese Weise:

1.      Im Gegensatz beispielsweise zu einem Süchtigen identifiziert sich der Freie mit seinem Willen.

2.      Man kann sein eigenes Entscheiden nicht als etwas erleben, das unbeeinflussbar an einem vorbeiläuft.

3.      Weil die eigene Entscheidung beeinflussbar ist gibt es auch keinen Sinn anzunehmen, dass man sie aufhalten möchte.

[Bieri, 259-264]

 

Kommentar:

Ein (allfälliger) Determinismus wird aus der Innenperspektive nicht als solcher erlebt. Das ist aber kein Argument gegen den Determinismus aus Sicht der Aussenperspektive.

 

 

Unfreiheit in der Aussenperspektive

         Wenn eine Person stürzt, dann ist dies ein physikalisches Ereignis

         Wenn eine Person zuschlägt, dann ist dies eine gewollte Tat.

Wie aber, wenn wir die Gehirnprozesse einer Person (welche zur Tat führen) als physikalische Prozesse beschreiben? Diese Prozesse können ja nicht beides gleichzeitig sein, eine gewolltes Tun und ein urheberloses Geschehen. Damit die Kausalketten unterbrochen werden könnten, müsste es ein Subjekt im Inneren der Person geben, welches absolut frei ist, und jeden der einzelnen Gehirnprozesse überprüft. Ein solches Subjekt existiert aber nicht [Bieri, 265-266]

Wir dürfen den Begriff Urheberschaft nur auf die ganze Person anwenden und nicht auf die einzelnen physikalischen Prozesse im Gehirn.

Alle Begriffe gelten nur unter gewissen Bedingungen und können nicht ausserhalb dieser Zusammenhänge angewendet werden, ohne unsinnige Frage zu erzeugen. So ist es mit dem Begriff der Urheberschaft und der Unterscheidung zwischen gewolltem Tun und blossem Geschehen. Sie sind gemacht, um über ganze Personen zu sprechen und verlieren ihren Sinn, wenn sie auf Phänomene im Inneren der Person angewendet werden [Bieri, 267].

 

Peter Bieri fragt: Warum erliegt man der Fiktion von innerer Unfreiheit beim Gedanken an Kausalketten? Die Aussenperspektive beschreibt den Menschen wie ein Uhrwerk. Dagegen regt sich intuitiver Widerstand. Was ist das Typische an der Innenperspektive?

Man ist nicht nur Subjekt des Überlegens, Wollens und Tuns, sondern auch Subjekt des Fühlens. Man kann zwar in der Aussenperspektive Gefühle beschreiben und nachvollziehen, aber nie in der gleichen Qualität wie in der Innenperspektive. Ist dieser Mangel an Qualität entscheidend für die Ablehnung der Aussenperspektive? Kann Freiheit nur aus der Innenperspektive verstanden werden? Nein, Innerlichkeit ist keine spezifische Eigenschaft der Freiheit. Unfreiheit (z.B. Sucht) hat die gleiche Innerlichkeit wie Freiheit. Beides (sowohl Freiheit als auch Unfreiheit) kann nur in der Innenperspektive erlebt und nur in der Aussenperspektive vollständig erklärt werden [Bieri, 295-300].

 

Kommentar:

Der Gedanke an Kausalketten ist für die meisten Menschen mit dem gleichen Gefühl der Unfreiheit verbunden, wie eine Fahrt auf Schienen im Vergleich zum einem Vogelflug. Daher kommt der Widerstand. Man kann dieses Gefühl eine Fiktion nennen, aber nicht weil die Innenperspektive „wahr“ ist, sondern weil die Aussenperspektive eine (gefühlsmässige) Distanziertheit verlangt. Bei der Sucht ist der Gefühls-Unterschied zu einer „Fahrt auf Schienen“ nicht so gross, weil man Sucht mit einer aufreibenden „Fahrt im Kreise“ vergleichen könnte. Nicht der Mangel an Wirklichkeitstreue in der Beschreibung ist der Grund für die Ablehnung der Aussenperspektive, sondern die Tatsache, dass die Beschreibung mit einem negativen Gefühl verbunden ist. Beim gleichen Qualitätsunterschied in der Beschreibung wird die Aussenperspektive vorgezogen, wenn die Innenperspektive ein (noch) schlechteres Gefühl erzeugt. Das könnte z.B. bei Menschen der Fall sein, welche stark unter der Willensfreiheit leiden und Verantwortung nicht ertragen. Die Aussenperspektive, welche auf Unfreiheit hinweist, entlastet von Verantwortung.

Der Gedanke an Kausalketten ist übrigens nicht für alle Menschen mit negativen Gefühlen verbunden. Die Anhänger der Prädestinationslehre und Spinoza waren z.B. davon überzeugt, dass die Kausalketten von Gott gewollt sind und dass man sie deshalb mit positiven Gefühlen verbinden muss.

 

 

Fatalismus – ein fataler Irrtum

         Die Vergangenheit, zusammen mit den Naturgesetzen, lässt nur ein einziges zukünftiges Geschehen zu. Laut d’Holbach gibt es für jeden von uns genau eine Linie auf der Oberfläche der Erde, die wir mit unserem Leben ziehen können. Diese Linie ist unser Fatum, unser Schicksal. Fatalisten wie d’Holbach beschreiben das Leben so, als sässen wir am Ufer eines reissenden Lebensstromes und müssten resigniert zusehen, was er anrichtet. Aber das trifft nicht zu. Wir sind als Wollende, Entscheidende und Handelnde nicht Zuschauer. Wir sind im Strom – wir sind der Strom. Warum kann ein Fatalist dies nicht sehen? Weil er sich ein abstraktes Subjekt vorstellt, welches am Ufer des Stromes sitzt. Dieses Subjekt, gibt es aber nicht (siehe vorheriger Abschnitt).

         Der Fatalist assoziiert seine Lebenslinie mit der Flugbahn eines Golfballes. Unsere Lebenslinie ist zwar auch beeinflusst durch äussere Umstände, aber sie verläuft in uns und durch uns. Es ist zwar eine bestimmte, aber eine äusserst flexible, interagierende Linie. Die Bestimmtheit der Linie stört deshalb nicht, weil unsere ganze Empfindlichkeit des Reagierens und Freiheit des Entscheidens darin zum Ausdruck kommt [Bieri, 307-314].

         Vorbestimmtheit ist nur dann ein Übel, wenn sie ein Unglück betrifft. Ein vorbestimmtes Glück ist willkommen. Vorbestimmtheit an und für sich ist weder gut noch schlecht. Aber ist es nicht bedrückend zu wissen, dass alles vorhersehbar ist?

Bedrückend für wen?

a)      Für ein allwissendes Wesen? Ein bedrückter Gott ist in keiner Religion ein Thema, für Atheisten stellt sich die Frage nicht.

b)      Für uns selbst? Wenn wir Fehler voraussehen könnten, würden wir sie nicht machen. Die Vorstellung eigene Fehler selbst prognostizieren zu können setzt voraus, dass man sein Wissen nicht verwenden könnte um diese Fehler zu vermeiden. Das macht aber keinen Sinn.

[Bieri 315-318]

 

Kommentar:

Vorbestimmtheit ist nicht das Gleiche wie Vorhersehbarkeit. Man muss deshalb zwischen den folgenden zwei Fragen unterscheiden:

1.      Ist es nicht bedrückend zu wissen, dass alles vorbestimmt und unbekannt ist?

Vorbestimmtheit wäre tatsächlich kein Übel, wenn uns ein glückliches Leben und ein friedliches Ableben garantiert würden. Dem ist aber nicht so. Menschen, die an die Vorbestimmung glauben sind bedrückt, wenn sie die Risiken schlecht ertragen.

2.      Ist es nicht bedrückend zu wissen, dass alles vorbestimmt und bekannt ist?

a.      Es ist sicher bedrückend zu wissen, dass einem ein unglückliches Leben bevorsteht (das sieht man bei Menschen, die an einer unheilbaren Erbkrankheit leiden, die zunehmend schlimmer wird).

b.      Es wäre aber umgekehrt motivierend zu wissen, dass einem ein glückliches Leben bevorsteht.

Es scheint übrigens, dass sich Bieris Argumentation auf die klassische Mechanik (Kap.4.1) bezieht. Gemäss dem modernen Determinismus (Kap.4.2) funktioniert die Natur nicht wie ein Uhrwerk. Der Fall (2) kann deshalb ausgeschlossen werden.

 

 

 

 

5. Kompatibilismus

 

 

5.1  Definition

 

Unter Kompatibilismus versteht man die These, dass Determinismus und Willensfreiheit vereinbar sind, d.h. dass es eine naturalistische Erklärung für Willensfreiheit gibt. Dies ist nur möglich, wenn man die Bedingung der Letzt-Urheberschaft (siehe Kap.2.5) fallen lässt. Die Bedingung der Letzturheberschaft kann man auf zwei Ebenen angreifen:

1.      Man kann sie sprachanalytisch kritisieren (Kap.4.3)

2.      Man kann sie als reduktionistisch kritisieren (Kap.5.1 bis 5.4)

 

Kompatibilisten postulieren, dass Naturgesetze nicht im Widerspruch zur Freiheit stehen, sondern dass umgekehrt die Freiheit im Laufe der Evolution durch die Naturgesetze geschaffen wird. Wie ist das zu verstehen?

         Harte Deterministen betrachten nur die Naturgesetze auf der Mikroebene und vernachlässigen die komplexen Strukturen, welche durch das Zusammenwirken der Einzelbestandteile entstehen; sie denken reduktionistisch.

Reduktionismus ist die philosophische Lehre, nach der ein System durch seine Einzelbestandteile (‚Elemente‘) vollständig bestimmt wird. Dazu gehört die vollständige Zurückführbarkeit von Theorien auf Beobachtungssätze, von Begriffen auf Dinge und von gesetzmäßigen Zusammenhängen auf kausal-deterministische Ereignisse (Reduktionismus, Wikipedia)

Aus Sicht der Kompatibilisten ist das Zurückführen komplexer Phänomene auf die Gesetze einfacher Strukturformen der Natur in keiner Weise akzeptabel. Sie sind der Meinung, dass durch das Zusammenwirken der Einzelbestandteile neue Phänomene (wie die Willensfreiheit) entstehen, welche nicht mit den Begriffen der Mikroebene erklärt werden können [Haken, 27]

         Die Synergetik hat gezeigt, wie aus chaotischen Systemen spontan Ordnung entsteht (Kap.5.3).

         Die Evolution von Freiheit kann als Entstehen einer neuen Ordnung erklärt werden (Kap.5.4)

 

Bekannte Kompatibilisten sind Thomas Hobbes, David Hume, William James, und Daniel Dennet.

 

 

 

5.2  Naturgesetze

 

 

Physik als Grundlage

Als grundlegende Disziplinen gelten heute [Vollmer 2000, 193] [Vollmer 2003]: 

1)      Die Thermodynamik (seit 1850) mit den zentralen Begriffen Energie, Entropie und Temperatur, zuständig nicht nur für Wärmeerscheinungen, sondern für alle physikalischen Prozesse

a)      Die statistische Mechanik der Atome und Moleküle liefert eine mikroskopische Erklärung der Entropiezunahme [Boltzmann]. Hier bewegt man sich innerhalb der Grenzen der klassischen Mechanik und der Wahrscheinlichkeitstheorie.

b)      Die Thermodynamik irreversibler Prozesse, insbesondere die Synergetik und die mikroskopische Erklärung der Entropieabnahme, verwendet Erkenntnisse der Systemtheorie.

 

2)      Die allgemeine Relativitätstheorie (seit 1915), zuständig für Raum, Zeit und Gravitation:

a)      Sie erweitert die spezielle Relativitätstheorie (1905) und geht für hinreichend kleine Gebiete der Raumzeit in diese über.

b)      Sie enthält die klassische Mechanik (18-19.Jh.) als Grenzfall für hinreichend kleine Massendichten und Geschwindigkeiten.

 

3)      Die Kosmologie (seit 1917), zuständig für die Struktur und Entwicklung der Welt als Ganzes, als erfahrungswissenschaftliche Disziplin seit Newton möglich, seit Einstein erfolgreich

Seit der Entdeckung der Hintergrundstrahlung gilt die Urknalltheorie als plausibelste Erklärung für die Struktur und Entwicklung der Welt als Ganzes. Die Urknalltheorie folgt aus der Beschreibung des Universums mittels der allgemeinen Relativitätstheorie.

 

 

 

 

 

Dieses Bild ist dem Internet entnommen (Autor unbekannt)

 

 

 

4)      Die Quantentheorie (seit 1925), unentbehrlich für Mikrosysteme, jedoch mit Geltungsanspruch für alle realen Systeme.

a)      In der Quantenmechanik wurde zunächst versucht, eine quantisierte Bewegungsgleichung zu formulieren. Aus der klassischen Hamiltonfunktion entstand so die Schrödinger-Gleichung (sog. erste Quantisierung). Die Quantenmechanik nähert sich der klassischen Physik (18-19.Jh.) im Grenzwert grosser Quantenzahlen (Korrespondenzprinzip).

b)      Quantenfeldtheorien erweitern die Quantenmechanik wie folgt:

         Sie verwenden eine einheitliche Beschreibung von Wellen, Teilchen und Feldern (sog. zweite Quantisierung).

         Sie sind Vielteilchentheorien und eignen sich deshalb für Anwendungen in der statistischen Mechanik (z.B. Festkörperphysik).

         Bei der Kollision von Elementarteilchen können sehr hohe Energien auftreten, sodass die spezielle Relativitätstheorie berücksichtigt werden muss.

Die erste Quantenfeldtheorie war die Quantenelektrodynamik (1949). Der Photoelektrische Effekt führte (1905) zur Entdeckung, dass elektromagnetische Wellen (in sog. Photonen) quantisiert sind. Die Anziehung zweier elektrischer Ladungen wird z.B. durch ständige Emission und Absorption von Photonen erklärt. Die Quantenelektrodynamik enthält die klassische Elektrodynamik / Optik (19.Jh.) als Grenzfall starker Felder bzw. hoher Energien, bei denen die möglichen Messwerte als kontinuierlich angesehen werden können.

 

5)      Theorie der Elementarteilchen (seit 1962)

a)      Die klassische Physik kannte nur die Grundkräfte der Gravitation und der elektromagnetische Wechselwirkung. Erst die Erforschung der Radioaktivität und der Atomstrukturen führte im 20.J. zur Entdeckung der schwachen und der starken Wechselwirkung. Alle Kraftwirkungen können als Teilchenaustausch gedeutet werden.

b)      Das heutige Wissen über die Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen wird im Standardmodell zusammengefasst. Das Standardmodell erlaubt eine konsistente Beschreibung der Grundkräfte (mit Ausnahme der Gravitation) in der Form von Quantenfeldtheorien (Teilchenphysik, Wikipedia).

 

Quantenfeldtheorien sind nicht kompatibel mit der allgemeinen Relativitätstheorie (Quantengeometrie, Wikipedia):

         Die allgemeine Relativitätstheorie betrachtet die Raumzeit als dynamisch, abhängig vom Gravitationsfeld. Sie kann aber den Urknall und das Phänomen der schwarzen Löcher nicht beschreiben, weil dort die Krümmung der Raumzeit unendlich wird (sog. Singularität).

         Umgekehrt vernachlässigen Quantenfeldtheorien die Wirkung der Gravitation auf die Raumzeit. Sie erforschen aber Strukturen in der Größenordnung der Planckskala, welche die Singularitäten der allgemeinen Relativitätstheorie ersetzen könnten.

Die erfolgreichsten Kandidaten für eine Verbindung der beiden Theorien (genannt Quantengravitation) sind die Stringtheorie und die Loop-Quantengravitation. Es ist aber auch denkbar, dass es nie eine Weltformel geben wird [Lim].

 

 

Geltung

Die Vorstellung einer gesetzmässig geordneten Natur ist historisch und kulturell nicht allgemein verbreitet. „Die Natur“ als etwas Allumfassendes anzusehen, stellt ein Spezifikum der abendländischen philosophischen Tradition dar [Hampe 2000, 241-242].

Kandidaten für Naturgesetze lassen sich zwar relativ leicht aufzählen, aber was Naturgesetze sind und warum sie gelten ist nur schwer zu erklären [Vollmer 2000, 205] [Mittelstaedt]:

         Wir können niemals von den bisherigen Beobachtungen auf die zukünftigen schliessen (Induktionsproblem). Da Naturgesetze induktiv nicht verifizierbar sind (allenfalls falsifizierbar), kann den Gesetzen unserer empirischen Wissenschaft lediglich der Status von Hypothesen zugestanden werden.

         Ungeklärt ist auch die Frage, wie weit die Beschreibungen der Natur durch unsere Gehirnstrukturen beeinflusst werden. Spätestens für die Quantentheorie ist die These von einer beobachter-unabhängigen Realität unhaltbar [Lyre, 442]

         Es könnte sein, dass die physikalische Kosmologie als Evolutionstheorie des Kosmos schliesslich auf Prinzipien stösst, die es erlauben, die Entwicklung physikalischer Gesetzmässigkeiten zu erklären, so wie es der Darwinschen Evolutionstheorie gelungen ist, die natürlichen Arten historisch zu erklären. Die Standardsituation der Begründung von Gesetzen ist ihre Rückführung auf allgemeinere Gesetze, wobei das alte Gesetz sich innerhalb des neuen, allgemeineren bis jetzt immer als kontingent erwies. Dieser Prozess ist nicht abgeschlossen [Hampe 2000, 250-251]. Nachfolgend eine Illustration aus Weltformel, Wikipedia:

 

 

Elektrostatik

Magnetostatik

Schwache
Wechselwirkung

Starke
Wechselwirkung

Gravitation

Elektromagnetische
Wechselwirkung

Quantenelektrodynamik

Quantenchromodynamik

Allgemeine
Relativitätstheorie

Elektroschwache Wechselwirkung

Große vereinheitlichte Theorie

Quantengravitation (Theory of Everything“ oder Weltformel)

 

 

Die Grundgesetze sind im Allgemeinen sehr abstrakt, und es ist nicht einfach sie zu verstehen. Deshalb werden in wissenschaftstheoretischen Diskussionen eher klassische Gesetze als Beispiele herangezogen [Vollmer 2000, 193].  Eines dieser klassischen Gesetze betrifft die Gravitation. Es eignet sich, um den Unterschied zwischen Naturnotwendigkeit und Naturgesetz zu illustrieren:

 

 

Naturnotwendigkeit und Naturgesetz

Der Begriff Naturgesetz ist mit einer Folge von unterschiedlichen Weltbildern verknüpft, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelten [Hampe 2007] [Hoyningen-Huene]. Zu jedem dieser Weltbilder gehört ein Symbolsystem. Symbolsysteme sind historisch gewachsene, kulturelle Produkte. Das Fallen eines Gegenstandes wurde z.B. im Laufe der Wissenschaftsgeschichte von verschiedenen Wissenschaftlern durch je eigene Symbolsysteme beschrieben. Die wichtigsten Autoren einer solchen Beschreibung sind (in historischer Reihenfolge):

1)      Aristoteles

2)      Kepler

3)      Newton

4)      Einstein

 

Die historische Sicht macht deutlich, dass man zwischen Naturnotwendigkeiten (laws of nature) und ihren Beschreibungen, den Naturgesetzen (laws of science) unterscheiden muss [GAD, Hampe]:

1.      Ein Naturgesetz wird in einem ganz bestimmten Symbolsystem formuliert, welches frei gewählt werden kann.

2.      Eine Naturnotwendigkeit ist demgegenüber fest vorgegeben

Einsteins Beschreibung der Gravitation erlaubt z.B. genauere Voraussagen und eröffnet damit neue Handlungsoptionen, obwohl sich an den Naturnotwendigkeiten nichts geändert hat.

 

Die Art und Weise, wie die Natur beschrieben wird hat einen grossen Einfluss auf das Konzept der Willensfreiheit: Die folgenden zwei Weltbilder machen dies deutlich:

1.      Das mechanistische Weltbild von Newton kann mit einem Uhrwerk verglichen werden, welches nach den Regeln eines (von Gott verordneten) ewigen Gesetzes abläuft. Der Mensch ist diesem Gesetz unterworfen und jede seiner Handlungen kann vorausberechnet werden. Willensfreiheit ist aus dieser Sicht eine Täuschung.

2.      Der Kompatibilismus basiert demgegenüber auf dem Weltbild der Synergetik und Evolution, nach welchem Gesetze autonom (durch Selbstorganisation) entstehen und vergehen. Wenn der Mensch nicht Gesetzen unterworfen ist, sondern selbst Gesetze schafft, dann ist er frei.

 

 

 

5.3  Synergetik

 

 

Definition

Die Synergetik ist eine interdisziplinäre Theorie zwischen Reduktionismus und Holismus [Haken, 21]. In der Systematik der Einzelwissenschaften kann sie als Erweiterung (20.Jh.) der klassischen Thermodynamik (18.-19.Jh.) betrachtet werden. Sie konzentriert sich auf allgemeingültige Gesetzmässigkeiten der Selbstorganisation, der Strukturbildung und der Koevolution in komplexen Systemen und hat deswegen eine philosophische Dimension [Haken, 22]. Das Paradigma der Synergetik ist die Nichtlinearität.

 

Nichtlineare Gleichungen stellen eine Verbindung her zwischen Konzepten der Synergetik und der Evolution.

 

Die Menge der Lösungen einer nichtlinearen Gleichung entspricht der Menge der evolutionären Wege des Systems, das von dieser Gleichung beschrieben wird.

1.      Unbedeutende Schwankungen können sich verstärken und zu makroskopischen Unterschieden anwachsen.

2.      Es gibt Schwellen der Empfindlichkeit, unterhalb deren sich alles verwischt und keine Spuren hinterlässt

3.      Es gibt so etwas wie einen „Quanteneffekt“, d.h. es ist nur ein diskretes und nicht ein kontinuierliches Spektrum der evolutionären Wege möglich.

4.      Prozesse verändern sich auf eine nicht-vorhersagbare Weise. Prognosen auf der Basis des bisher Bekannten sind unzureichend. Durch die Zufälligkeit der Wahl eines Weges im Bifurkationspunkt, wird ein Weg einzigartig.

[Haken, 32-33].

 

Massgebend für die Entwicklung der Synergetik waren u.a. die Arbeiten von Ilya Prigogine (1917-2003), Hermann Haken (1927-) und Manfred Eigen (1927-).

Gesetze werden für Prigogine lokale, singuläre, historische Zusammenhänge, die aus Zufallsentwicklungen entstehen und durch sie wieder verschwinden werden [Hampe 2007, 123].

 

Wenn Gesetze nicht ewig dauern, dann können auch die von ihnen geschaffenen Strukturen nicht ewig dauern. Die Gültigkeitsdauer der physikalischen und chemischen Gesetze ist aber z.B. wesentlich länger als die Geschichte der Menschen, welche diese Gesetze zu verstehen versuchen. In einigen Bereichen erscheint die Wirklichkeit deshalb beständig oder gar unveränderlich:

 

Das Erscheinungsbild der Wirklichkeit ist stark strukturiert.

1.      Konservative Kraftwirkungen frieren den Zufall ein und schaffen beständige Formen und Muster

2.      Dynamische Ordnungszustände entstehen aus der zeitlichen Synchronisation physikalischer und chemischer Prozesse unter ständiger Dissipation von Energie.

[Hampe 2007, 126].

 

 

Konservative Strukturen

Materielle räumliche Strukturen sind immer auf statischen Kraftwirkungen (Anziehung und Abstossung) zwischen den Teilen zurückzuführen. Gestalt ist eine Konsequenz aus Wechselwirkungen [Eigen, 89]

Beispiele:

1.      Verteilung der Atome im Molekül

2.      Räumliche Struktur eines Proteins, z.B. Protein-Molekül

3.      Symmetrische Anordnung der Bausteine im Kristallgitter

4.      Viren (als Materiepartikel kann das Virus wie ein mineralischer Stoff in den Kristallverband überführt werden, im Milieu der lebenden Zelle hingegen benimmt es sich wie ein Lebewesen)

5.      Muster eines Sternsystems

Konservative Strukturen sind zumeist Gleichgewichtsstrukturen, die durch ein absolutes Minimum der freien Energie charakterisiert sind.

[Eigen, 92-93]

 

 

Dissipative Strukturen

Für die Gestaltbildung in der Natur sind die dissipativen Strukturen von ebenso grosser Bedeutung wie die konservativen. Sie unterscheiden sich von den konservativen Strukturen wie folgt:

1.      Der kooperativen Kraftwirkung im konservativen Muster entspricht die autokatalytische Reaktivität im dissipativen Modell.

2.      Im dissipativen Modell entwickelt sich ein stationäres Muster, ohne dass die Materieteilchen im Raum fixiert sind

3.      Die dissipative Form ist nicht allein durch die Wechselwirkungen bestimmt, sondern auch durch die Randbedingungen des Systems

4.      Die Aufrechterhaltung der Strukturen verlangt eine ständige Dissipation von Energie, was mit einer stationären Erzeugung von Entropie gleichbedeutend ist. Das System besitzt also einen Metabolismus, d.h. stofflich gebundene Energie wird fortwährend umgesetzt.

5.      Konservative Strukturen sind stabiler, reversibler und besser kombinierbar, weil sie nicht von Randbedingungen abhängen.

Beispiele

1.      Physik: Wabenförmige Zellstrukturen in einer von unten erhitzten Flüssigkeit (Bénard-Effekt)

2.      Anorganische Chemie: Chemische Reaktionen, die eine zeitliche Oszillation zeigen (Zhaboutinsky-Reaktion)

3.      Biochemie: Beim Zuckerabbau entstehen periodische Muster.

4.      Biologie: Schleimpilze treten wie von unsichtbaren Kräften getrieben zu einem Plasmodium zusammen, das sich wie ein Organismus verhält

[Eigen, 116-120]

 

Dissipative Strukturen sind insofern ein Mittelding zwischen Chaos und Ordnung, als sie durch zufällige Änderungen der Randbedingungen entstehen oder wieder verschwinden können. Im oben erwähnten Beispiel der Bénard-Zellen sieht das z.B. wie folgt aus:

Kleinste, Störungen reichen aus (beispielsweise das zufallsbedingte gleichzeitige Aufsteigen einiger Flüssigkeitsmoleküle an bestimmten Stellen), um sich zu makroskopischen Bewegungen aufzuschaukeln, die schließlich die ganze Flüssigkeitsschicht erfassen und mit Konvektionszellen ausfüllen. Wie auf ein Kommando schält sich aus dem mikroskopischen Chaos des thermodynamischen Gleichgewichts ein kohärentes, kollektives Verhalten heraus. Die vorher individuell und unabhängig voneinander agierenden Flüssigkeitsteilchen machen plötzlich gemeinsame Sache. Solange sich an den äußeren Bedingungen nichts ändert (konstanter Energiestrom), bleibt dieses zufällig zustande gekommene

Zellenmuster erhalten. Der Zufall wird gewissermaßen konserviert und bestimmt die individuelle Gestalt der dissipativen Struktur. Der Zufall kann daher als das kreative, von vornherein nicht bestimmbare und nicht vorhersagbare Element der Strukturbildung angesehen werden (Von der Dissipation zur dissipativen Struktur, H.J.Schlichting)

Mit dem Begriff „Zufall“ ist hier der unechte Zufall, d.h. das deterministisches Chaos gemeint

 

 

Lebewesen

Die Gestaltbildung in Lebewesen ist nur aus dem Zusammenwirken des konservativen und dissipativen Prinzips zu verstehen:

1.      In der Morphogenese sorgen die dissipativen Strukturen für die räumliche Organisation der konservativen (vom genetischen Programm der Zelle definierten) Strukturelemente

2.      Als Erregungsmuster im Netzwerk der Nervenzellen überlagern die dissipativen Strukturen die Teilinformationen und stellen so das materielle Korrelat zu „Gestalt“ dar.

Die zur Ausbildung der dissipativen Strukturen notwendigen Wechselbeziehungen beruhen auf konservativen Kraftwirkungen. Auch die permanente räumliche Fixierung von dissipativen Mustern bedarf der stabilisierenden konservativen Kräfte [Eigen, 118]

 

Die Ordnung des Lebens baut auf dem konservativen wie auch dem dissipativen Prinzip auf. Die Gestalt der Lebewesen, die Gestalthaftigkeit der Ideen, sie beide haben ihren Ursprung im Wechselspiel von Zufall und Gesetz [Hampe 2007, 126].

Mit dem Begriff „Zufall“ ist auch hier der unechte Zufall gemeint.

 

Die Natur als aleatorischer Prozess, als Spiel, ist weder eine von Gott geplante Weltmaschine, noch ein Weltorganismus und besitzt keine entsprechende Form der Ganzheit. Sie wird zu einer unendlichen Geschichte. Denn das Spiel ist nicht durch Spielregeln bestimmt, sondern aus dem Zufall entwickeln sich immer wieder neue Regeln und durch ihn gehen alte Regeln unter. Dieser Prozess hat kein Ende und keine Tendenz zur Vollkommenheit [Hampe 2007, 127].

 

 

 

 

 

René Magritte  Le domaine d‘Arnheim

 

 

 

5.4  Chaostheorie

 

Für die Evolution der Willensfreiheit sind folgende Eigenschaften der Synergetik von besonderer Bedeutung:

1.      Die Fähigkeit, Systeme zu schaffen, die nicht vorausberechenbar sind

2.      Die Fähigkeit aus dem Chaos Ordnung zu schaffen und durch eine Steuerung aufrecht zu erhalten.

Wenn die Welt durch eine Uhrwerk-Metapher beschrieben werden könnte, dann wäre die Existenz eines freien Willens unplausibel. Die Chaosforschung hat aber gezeigt, dass die Zukunft (und das Verhalten der Menschen im Besonderen) nicht berechenbar ist.

 

 

Definition

Die Chaosforschung (auch: Chaostheorie, Theorie komplexer Systeme) ist ein Teilgebiet der Mathematik und Physik und befasst sich im Wesentlichen mit Ordnungen in dynamischen Systemen, deren Dynamik unter bestimmten Bedingungen empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, sodass ihr Verhalten nicht langfristig vorhersagbar ist. Da diese Dynamik einerseits den physikalischen Gesetzen unterliegt, andererseits aber irregulär erscheint, bezeichnet man sie als deterministisches Chaos. Chaotische dynamische Systeme sind nichtlinear.

Beispiele sind der Schmetterlingseffekt beim Wetter, Turbulenzen, Wirtschaftskreisläufe, bestimmte Musterbildungsprozesse, wie beispielsweise Erosion, die Entstehung eines Verkehrsstaus sowie neuronale Netze.

 

Liegt chaotisches Verhalten vor, dann führen selbst geringste Änderungen der Anfangswerte nach einer gewissen Zeit zu einem völlig anderen Verhalten (sensitive Abhängigkeit von den Anfangsbedingungen). Es zeigt sich also ein nichtvorhersagbares Verhalten, das sich zeitlich scheinbar irregulär entwickelt (…). Um das Systemverhalten für eine bestimmte zukünftige Zeit berechnen zu können, müssen die Anfangsbedingungen deshalb mit unendlich genauer Präzision bekannt sein und berechnet werden, was praktisch unmöglich ist. Obwohl auch solche Systeme determiniert und damit prinzipiell bestimmbar sind, sind daher praktische Vorhersagen nur für mehr oder weniger kurze Zeitspannen möglich (Chaosforschung, Wikipedia).

 

 

Nicht-Vorausberechenbarkeit

Die Anfangsbedingungen eines makroskopischen Systems sind nie genau bekannt. Trotzdem können wir das System durch ein Ensemble von Punkten im Phasenraum darstellen, die den dynamischen Zuständen entsprechen (…). Statt separater Punkte ist es bequemer, eine stetige Dichte von Punkten im Phasenraum einzuführen. Diese Dichte misst die Wahrscheinlichkeit, ein dynamisches System an einem bestimmten Punkt im Phasenraum anzutreffen. Man könnte die Dichtefunktion als eine Idealisierung, als künstliche Konstruktion betrachten, während die Trajektorie das Verhalten unmittelbar beschreibt. Tatsächlich stellt jedoch die Trajektorie und nicht die Dichte eine Idealisierung dar. Wir kennen ja einen Anfangszustand nie mit der unendlichen Genauigkeit, die ihn auf einen einzigen Punkt im Phasenraum reduzieren würde [Haken, 212].

 

Dass es sich bei den mathematischen Gleichungen um Idealisierungen handelt, erkennt man an den sog. Singularitäten.

Eine Singularität bezeichnet in der Mathematik einen Punkt, an dem ein mathematisches Objekt nicht definiert ist oder an dem eine sonst zutreffende Eigenschaft nicht vorhanden ist (Singularität).

 

Singularitäten führen z.B: zum Phänomen der Bifurkation:

Nichtlineare Systeme, deren Verhalten von einem Parameter abhängt, können bei einer Änderung des Parameters ihr Verhalten plötzlich ändern. Zum Beispiel kann ein System, das zuvor einem Grenzwert zustrebte, nun zwischen zwei Werten hin und her springen, also zwei Häufungspunkte aufweisen. Dies nennt man eine Bifurkation (Bifurkation, Wikipedia).

 

Es ist denkbar, dass die Nicht-Vorausberechenbarkeit einer freien Willensentscheidung der Nicht-Vorausberechenbarkeit eines neuronalen Netzwerkes entspricht. Die Wahrnehmung der „kausalen Lücke“ (Kap.3.2) wäre dann sozusagen die Innenperspektive eines in der Aussenperspektive nicht vorausberechenbaren Prozesses:

Neuroscientists such as Bjoern Brembs and Christof Koch believe thermodynamically stochastic processes in the brain are the basis of free will, and that even very simple organisms such as flies have a form of free will. Similar ideas are put forward by some philosophers such as Robert Kane (Indeterminism, Wikipedia).

Wie aber kann ein solcher Prozess gesteuert werden? Auch dazu liefert die Synergetik Anhaltspunkte:

 

 

Steuerung und Kontrolle

Fern vom thermodynamischen Gleichgewicht kann spontan Ordnung aus dem Chaos entstehen. Im Kontext eines Lasers lässt sich dies wie folgt beschreiben:

Wir werden an diesem Beispiel (dem Laser) sehen, dass sich auch unbelebte Materie selbst organisieren kann, um sinnvoll erscheinende Vorgänge hervorzubringen. Hierbei werden wir auf merkwürdige Gesetzmässigkeiten stossen, die sich wie ein roter Faden durch alle Erscheinungen der Selbstorganisation hindurchziehen. Wir werden erkennen, dass sich die einzelnen Teile wie von einer unsichtbaren Hand getrieben anordnen, andererseits aber die Einzelsysteme durch ihr Zusammenwirken diese unsichtbare Hand erst wieder schaffen. Diese unsichtbare Hand wollen wir den „Ordner“ nennen [Haken, 19]

 

Um mit den Worten der Synergetik zu sprechen, versklavt der Ordner die einzelnen Teile. Der Ordner ist wie ein Puppenspieler, der die Marionetten tanzen lässt, bei dem aber die Marionetten selbst wieder auf den Puppenspieler einwirken (…). Die Zwangsläufigkeit der Entstehung von Ordnung aus dem Chaos ist weitgehend unabhängig vom materiellen Substrat, auf dem sich die Vorgänge abspielen. Ein Laser kann sich genauso wie eine Zellansammlung verhalten [Haken, 20-21]

 

Ein chaotisches System kann zuverlässig und reproduzierbar funktionieren, wenn die zeitlichen Mittelwerte der Komponenten nur wenig von den Anfangsbedingungen abhängen. So ist z.B. der Zustand eines Gases durch die Grössen Druck, Volumen und Temperatur festgelegt, obwohl sich die einzelnen Moleküle zufällig verhalten [Berry, 62]. Aus zufälligem Verhalten auf der Mikroebene folgt nicht zwangsläufig, dass auch die Dynamik auf einer höheren Ebene ungeordnet abläuft.

         Gewisse chaotische Systeme schwanken zwischen Attraktoren hin- und her. Die Geruchserkennung wurde z.B. durch einen Mechanismus erklärt, bei welchem jedem spezifischen Geruch ein Attraktor zugeordnet ist [Berry, 66].

         Im technischen Bereich haben Systemtheoretiker gezeigt, dass man chaotische Systeme mit Hilfe eines Regelkreises oder einer Synchronisation stabilisieren kann [Letellier, 28-31].

Solche Mechanismen mögen erklären, warum ein Gehirn steuern und kontrollieren kann, obwohl es von den Molekülen bis zu den neuronalen Netzen einer chaotischen Dynamik unterworfen ist [Berry, 62].

 

Chaotische Systeme erfüllen offenbar zwei wichtige Anforderungen an die Willensfreiheit:

         Sie sind nicht vorausberechenbar

         Sie schliessen trotzdem Steuerung und Kontrolle nicht aus

 

Mit der Emergenz der Willensfreiheit beschäftigt sich nebst der Neurowissenschaft und Synergetik eine Fülle von neuen Wissenschaften wie generative philosophy, evolutionary psychology and cognitive sciences [Determinism, Wikipedia] [Dennet]. Wir begnügen uns im Folgenden mit einem kurzen philosophischen Erklärungsansatz:

 

 

 

5.5  Evolution der Willensfreiheit

 

Zwei der wichtigsten Faktoren, welche die Handlungsoptionen erweitern (steigern), sind die folgenden:

1)      Eine neue Individualität (Gestalt), welche sich durch eigenständige Gesetze ausdrückt.

2)      Eine erweiterte Fähigkeit zur Reflexion. Reflexion ist eine notwendige Voraussetzung für Willensfreiheit.

 

Reflexion kann die Überlebensfähigkeit (Darwinsche Fitness) verbessern, führt aber nicht zwingend zu einer Überlegenheit gegenüber anderen Lebewesen. Bakterien sind auch ohne „höhere Intelligenz“ äusserst überlebenstüchtig, weil sie aufgrund ihres flexiblen Erbgutes ständig neue Gestalten (und damit Handlungsoptionen) bilden. Zwischen der Überlebensstrategie der Gestaltenbildung und der Reflexion entwickelt sich ein Wettkampf dessen Ausgang offen ist:

         Bakterien finden immer wieder Wege um die Abwehrstrategien der menschlichen Körper und Medikamente zu überlisten

         Die medizinische Forschung erweitert ständig ihr Wissen um diese Listen zu durchschauen

[Schatz].

 

Der folgende phylogenetische Baum zeigt die Vielfalt konkurrierender Konzepte:

 

 

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Dieses Bild ist dem Internet entnommen (Autor unbekannt)

 

 

Bei der Definition der Willensfreiheit in Kap.2.3 wurde nicht explizit gesagt, aber angenommen, dass die Entscheidungsprozesse bewusst ablaufen. Bakterien spricht man keine Willensfreiheit zu, weil sie kein Bewusstsein haben und ihr Verhalten fix programmiert ist. Der Übergang von fixen Programmen zu komplexen Entscheidungsprozessen ist jedoch fliessend und auch Bewusstsein ist kein Alles-oder-Nichts Phänomen, sondern tritt graduell auf. Bewusstsein ist zudem kein einheitliches Phänomen, sondern hat verschiedene Aspekte:

         Wahrnehmung der Aussenwelt

         Aufmerksamkeit

         Gefühle, insbesondere das Ich-Gefühl

         Gedächtnis

         Reflexionen höherer Ordnung, insbesondere das Wissen um die eigene Existenz

[Metzinger, 36].

Weil es verschiedene Stufen der Reflexion gibt, ist auch die Willensfreiheit ein graduierbares und steigerungsfähiges Phänomen. Von Willensfreiheit im rechtlichen Sinne sprechen wir erst, wenn die Bedingungen von Kap.2.3 erfüllt sind.

 

Es folgen ein paar Beispiele zur Erweiterung der Handlungsoptionen durch Individualität und Reflexion.

 

 

Handlungsoptionen durch Individualität

Die graduierbare und steigerungsfähige Individualität ist ein Gradmesser für Handlungsoptionen. Sie entspricht einer spezifischen Gesetzmässigkeit, der gegenüber das Chaos wie ein Gleichmacher wirkt [Hampe 1996, 67]. Den elementaren biologischen Bedürfnissen entsprechen elementare Handlungsoptionen. Komplexe kulturelle Bedürfnisse erzeugen demgegenüber eine Vielzahl von neuen Handlungsoptionen.

Beispiel:

Individuen wie Torwart, Stürmer, Verteidiger, Schieds- und Linienrichter werden erst durch die Gesetze (Regeln) des Spiels erzeugt. Diese Regeln strukturieren einen Bereich neuer Handlungen, welchen die physikalischen und biologischen Gesetze von menschlichen Wesen offen lassen [Hampe 1996, 70].

 

Das Verhältnis von Gesetzmässigkeiten zueinander kann man sich mit dem Bild von übereinandergelegten Netzen mit unterschiedlicher Maschengrösse veranschaulichen.

1)      Ein grossmaschiges Netz veranschauliche die physikalischen Gesetzmässigkeiten. Diese determinieren nicht alles, sie lassen Lücken offen.

2)      Legen wir über dieses grobe Netz das feinere der biologischen Gesetze, so kreuzen sich auch dort Fäden, wo das Netz der physikalischen Gesetzmässigkeiten Lücken liess.

3)      Aber auch die biologischen Gesetze fangen nicht alles ein, determinieren die Menschen nicht vollständig. Die Gesetze eines Spiels, eines moralischen Codes oder eines staatlichen Rechtssystems können das Verhalten der Menschen über die physikalischen und biologischen Regeln hinaus weiter determinieren.

[Hampe 1996, 71].

 

Die Regeln der zweiten Ordnung durchbrechen nicht die Regeln der ersten Ordnung sondern bauen auf ihnen auf.

Ein Vogel, der fliegt, setzt die physikalischen Gesetze für träge Massen nicht ausser Kraft. Seine Bewegungen sind, anders als die von fallenden Äpfeln oder geschleuderten Steinen noch durch andere Regelmässigkeiten determiniert, aber sie liegen vollständig im Rahmen der physikalischen Gesetze (…). Durch diese weiteren Determinationen ergeben sich für den Vogel Möglichkeiten (Handlungsoptionen), die der fallende Apfel und der geschleuderte Stein nicht haben. [Hampe 1996, 72-73].

Das Prinzip der geschichteten Gesetze gilt auch für den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Lebewesen unterliegen zwar der Tendenz zur Zunahme der Entropie, aber eben nicht nur dieser. Es gibt weitere Determinationen, welche der Entropiezunahme entgegenwirken.

 

Wir sind sowohl natürliche Wesen, welche unabänderlichen Gesetzen unterliegen, wie auch kreative Wesen, die Regeln und Gesetze schaffen (…). Unsere Kreativität ist selbst eine natürliche Tatsache (…). Wir sind nicht in einen mechanistischen Naturzusammenhang eingebunden, der uns vollständig determiniert (…). Die Natur darf nicht als ein System starrer Gesetzmässigkeiten begriffen werden, sondern als ein Ort von Kreativität und Destruktion, von Entstehen und Vergehen von Gesetzmässigkeiten. Wir selbst sind als Erzeuger und Zerstörer von (sozialen) Gesetzen an diesem natürlichen Vorgang beteiligt [Hampe 1996, 197].

 

 

Handlungsoptionen durch Reflexion [Hampe 1996, 73]

Reflexion setzt Distanzierung voraus.

Erst da, wo eine Distanzierung von einer Gesetzmässigkeit erfolgt, fällt die Wirklichkeit nicht mehr vollständig mit dieser Gesetzmässigkeit zusammen [Hampe 1996, 74].

 

Distanzierung ermöglicht das Entdecken von Regelmässigkeiten und eröffnet damit neue Handlungsoptionen. Dies kann am Beispiel von Edgar Allan Poes Erzählung Sturz in den Mahlstrom erläutert werden [Hampe 1996, 75]

Einer von zwei fischenden Brüdern, die mit ihrem Boot in einen Meeresstrudel geraten waren, erkannte, nachdem seine Todespanik verflogen war, in der distanzierten Beobachtung des Geschehens im Wirbel eine Gesetzmässigkeit: Kleine zylindrische Körper werden nämlich langsamer hinabgezogen als grosse eckige. Der Fischer machte sich diese Erkenntnis zunutze: Indem er sich an ein Fass band und vom zylindrischen Schiff sprang, überlebte er.

Der Zusammenhang zwischen der Form eines Gegenstandes und seiner Anziehung durch den Mahlstrom entspricht einem Naturgesetz und damit einer Art von Beschreibung, welche zur Auswahl steht. Die wissenschaftliche Beschreibung zeigt eine Rettungsmöglichkeit, während magische bzw. religiöse Beschreibungen (wie Höllenschlund, Strafe Gottes usw.) zum Tode führen. Kontrollverlust und Aberglaube müssen zwar nicht tödlich enden, aber Selbstkontrolle und Reflexion erweitern die Handlungsoptionen, während irrationale Ängste die Freiheit einschränken.

Beispiel: Geschichten über Magnetberge, welche Schiffe anziehen und zerschellen lassen, bewirkten, dass gewisse Meeresgegenden weniger befahren wurden. Die naturwissenschaftliche Beschreibung des Erdmagnetfeldes vergrösserte umgekehrt die Freiheit. Der Magnetkompass wird noch heute zur Navigation eingesetzt.

 

Die Erzählung von Edgar Allan Poe illustriert, dass die Handlungsoptionen auch erweitert werden können ohne Gesetzmässigkeit zu durchbrechen, nämlich dann, wenn es gelingt Lücken im Muster der Determination zu erkennen.

Der Fischer überlebt nicht trotz, sondern wegen der Gesetzmässigkeiten des Wirbels. Ein Vogel oder ein Flugzeug fliegen nicht trotz, sondern wegen der Gesetzmässigkeiten, die für schwere Körper gelten [Hampe 1996, 74].

 

Lebewesen haben viel mehr Freiheitsgrade als feste Körper. Ein Stein und ein Vogel unterliegen beide der Schwerkraft, aber der Vogel hat Systemeigenschaften, welche ihm erlauben, die Bewegungsrichtung selbständig anzusteuern. Der Vogel überwindet die Schwerkraft oder er nutzt sie zu seinem Vorteil (etwa wenn er sich fallen lässt). Der Vogel ist in diesem Sinne freier als der Stein. Die Menschen können sich nicht von den Naturgesetzen befreien aber sie können (wie der Vogel) versuchen, sie zu ihrem Vorteil zu nutzen.

 

Distanzierung kann mit einem Figur-Grund-Verhältnis illustriert werden [Hampe 1996, 76]:

1)      Das Unlebendige bildet den Hintergrund, vor dem die Gesetzmässigkeiten der Lebewesen als Figur sichtbar werden

2)      Das Sittliche, die Selbstbestimmung durch ein moralisches Gesetz, macht die Figur vor dem Hintergrund einer lediglich organisch determinierten Existenz aus.

 

Der Grad der Distanzierung, den ein Individuum erreicht hat (…), kann auch von aussen gleichsam „gemessen“ werden. Massstab ist dabei die Häufigkeit, mit der man in der Prognose des Verhaltens eines Individuums bei der Anwendung einer bestimmten Gesetzmässigkeit Erfolg hat. [Hampe 1996, 77].

 

Die höhere Ebene determiniert die offenen Bereiche der unteren Ebene aus und übt damit eine gewisse Kontrolle aus [Hampe 1996, 80-81].

Beispiel: Hierarchie der menschlichen Rede:

1.      Hervorbringung stimmlicher Laute. Diese Ebene lässt die Kombination der Laute zu Wörtern weitgehend offen

2.      Regelung der Laute zu einem Vokabular: Auf dieser Ebene bleibt offen, wie die Wörter zu Sätzen verbunden werden.

3.      Grammatik: Auf dieser Ebene bleibt offen, welcher Gedankengang vermittelt werden soll.

Ein Hinaufsteigen in der Hierarchie entspricht einer Zunahme der Ordnung. Es sind aber nicht beliebige Ordnungen möglich. Es kann nicht beliebige lebendige Organisationen geben und man kann auch nicht aus den physikalischen Gesetzen auf die Gattungen und ihre Physiologie schliessen.

 

Der Gedanke, dass Individualität gesteigert werden kann und dass diese Steigerung mit einer Vervielfältigung der Möglichkeiten einhergeht, relativiert das Selbstbild des Menschen, der einer gesetzmässigen Natur gegenübersteht (…). Die Fähigkeit zur Freiheit und zur Erkenntnis hängen miteinander zusammen [Hampe 1996, 86].

 

 

Willensfreiheit

Willensfreiheit entsteht erst, wenn auch die eigenen Präferenzen (Motive, Wünsche und Überzeugungen) reflektiert werden können und zu Handlungsoptionen werden. Die Reflexion der eigenen Präferenzen bildet die Grundlage der Moralität. Menschen haben eine gewisse Fähigkeit sich von ihrer biologischen Determination zu befreien und ihre Energie auf kulturell anerkannte Verhaltensweisen umzulenken (sog. Sublimierung). Die typisch menschliche Freiheit besteht darin, dass diese Verhaltensweisen verwirklicht werden können (aber nicht müssen).

 

 

 

 

5.6  Kritik aus Sicht des harten Determinismus

 

 

Letzt-Urheberschaft

Kompatibilisten sind der Auffassung, dass die Forderung nach Letzt-Urheberschaft übertrieben ist (siehe Kap.4.3)

Wenn man den Begriff Freiheit so verwendet, dann sind Menschen unfrei allein durch die Tatsache, dass sie Menschen sind.

 

Die harten Deterministen vertreten tatsächlich die Auffassung, dass Menschen unfrei sind allein durch die Tatsache dass sie Menschen sind. Sie betrachten Menschen als eine Art Roboter mit biotechnisch implementierter Intelligenz.

 

 

Der Zwang der Naturgesetze

Aus Sicht des Inkompatibilismus ist der Vorwurf der Projektion von menschlichen Gefühlen auf die Natur (siehe Kap.4.3) unzutreffend.

1.      Eine Projektion wäre z.B. die Aussage „die Planeten werden durch die Gesetze der Mechanik in ihre Bahn gezwungen“. Eine solche Aussage wird aber von Inkompatibilisten nicht vertreten. Planeten wollen nicht aus ihrer Bahn ausbrechen, weil sie keine Präferenzen haben. Wille und Präferenzen sind Eigenschaften von Lebewesen. Im Gegensatz zu Planeten verspüren Lebewesen den Zwang der Gravitationskraft.

2.      Die Prozesse auf der Mikroebene gehören nicht zu unserem Erfahrungsbereich, weil diese Erfahrungen für das Überleben nicht nützlich sind und ihre Verarbeitung unnötig Energie verbrauchen würde. Das ändert aber nichts an ihrer Zwangsläufigkeit.

Die kompatibilistische These zur Illusion eines Zwanges lässt sich deshalb wie folgt umkehren:

 

Die Vorstellung, dass Freiheit in einer durch Naturgesetze beschriebenen Welt möglich wäre, ergibt sich aus dem Gedanken, dass der nicht spürbare Zwang ignoriert werden kann.

 

 

Vorausberechenbarkeit

Manche Beispiele, welche zeigen, wie durch die Entdeckung von Naturgesetzen die Freiheit vergrössert wird (Kap.5.5), unterschlagen die Beschreibung der Mikroebene. Das lässt sich z.B. anhand von Edgar Allan Poes Erzählung Sturz in den Mahlstrom illustrieren:

Eine Beschreibung der Gehirnprozesse des Fischers auf Mikroebene hätte die Botschaft der Erzählung (Vergrösserung der Freiheit durch Selbstkontrolle und Reflexion) in Frage gestellt. Zurzeit von Edgar Allan Poe wurde die Natur durch die Newtonsche Mechanik beschrieben und der Mensch als Rädchen in einer grossen Weltmaschine betrachtet. Selbstkontrolle und Reflexion wären aus dieser Sicht vorausberechenbare Prozesse gewesen.

 

Das Newtonsche Weltbild ist zwar in der Zwischenzeit überholt und die Synergetik hat Argumente zugunsten der Kompatibilisten geliefert, aber eine Reihe von anderen Wissenschaften haben Zweifel innerhalb des Kompatibilismus gesät. Von diesen soll in der Folge die Rede sein.

     

 

 

6. Skeptizismus

 

 

Zweifel an der Existenz eines freien Willens gibt es auch bei den Kompatibilisten. Es ist nämlich weitgehend unklar

1.      ob die im Unterbewussten gespeicherten Präferenzen vom Individuum „gewollt“ sind (Kap.6.1 bis 6.4)

2.      ob das Bewusstsein überhaupt eine steuernde Funktion ausübt (Kap.6.5). 

Eine Person ist nur dann Urheber ihres Willens wenn alle Formen von innerer Unfreiheit aufgelöst sind [Bieri, 226]

 

 

 

6.1  Soziologie

 

 

Gefangenheit im Ideal und Befreiung

Das Streben danach, dem göttlichen Vorbild und seinen Anforderungen gerecht zu werden, steht einer freien Lebensgestaltung diametral entgegen. So sagt etwa Augustinus:

 

Wenn du dich selbst erbaust, wirst du eine Ruine erbauen.

 

Der idealisierende Humanismus übt eine ähnliche Funktion aus wie die Religion. Die Fixierung auf ein idealisiertes oder übermächtiges Wesen des Menschen verunmöglicht die Entwicklung eines individuellen Lebenssinnes und die Versöhnung mit den menschlichen Schwächen. Das humanistische Ideal ersetzt das religiöse Ideal. Einen ersten Schritt zur Befreiung von einem fixen Menschenbild und zu mehr Toleranz tat Erasmus von Rotterdam bereits im 16.Jh:

 

Höhepunkt des Glücks ist es, wenn der Mensch bereit ist, das zu sein, was er ist (aus Philosophie….was ist das?)

 

Eine Gegenbewegung zum idealisierenden Humanismus im 20. Jh. war die Existenzphilosophie. Begründet wurde sie von Kierkegaard, philosophisch analysiert von Heidegger und Jaspers, literarisch ausformuliert von Camus und Sartre.

Der Existentialismus ist eine besondere Ausdrucksform der französischen Existenzphilosophie. Im Kern des Existentialismus stehen die Schriften von Sartre, welche auf Ideen von Hegel, Heidegger und Husserl aufbauen [GAD, Strassberg]. Sartre wehrt sich gegen die Wesensbestimmung des Menschen durch Theorien und betrachtet die individuellen existentiellen Erfahrungen des Menschen als massgebend. Der Mensch ist nicht auf eine Ordnung bezogen, sondern schafft Ordnungen mit seinem Beispiel (L'être et le néant).Was aber heisst existentiell?

 

Was wirklich wichtig ist, findet der Mensch meist erst heraus, wenn er in eine kritische Situation gerät, durch Tod, Kampf, Leiden, Schuld ganz auf sich selbst zurückgeworfen wird. Was dann noch wichtig ist, ist existenziell, was hinfällig wird, ist überflüssig (aus Philosophie….was ist das?)

 

Der metaphysische Humanismus, jede Fixierung auf ein idealisiertes oder übermächtiges Wesen des Menschen, artet nach Sartre in Antihumanität aus. (…) Notwendig ist eine umfassende, negative, kritische Position, die gegen einfache und feste Menschen- und Weltbilder andenkt und anrennt, die auch das Unmenschliche aufrichtig in den Blick rückt. Die Epoche des (nur) positiven Humanismus, der Renaissance und der (optimistischen) Aufklärung ist zu Ende (aus Jean Paul).

 

Während die Existenz-Philosophie zur Befreiung von metaphysischen Idealen aufrief, entdeckte eine Gruppe von Linguisten, Psychologen, Soziologen und Anthropologen (später Strukturalisten genannt), dass metaphysische Ideale nur einen Spezialfall einer allgemeinen Form von Gefangenschaft darstellen.

 

 

Strukturalismus

Der Strukturalismus entstand aus dem Versuch, naturwissenschaftliche Methoden auf die Sprache anzuwenden. Die Beziehungen zwischen Sprach-Phänomenen sollten im gleichen Sinne untersucht werden, wie die Beziehungen zwischen Natur-Phänomenen. Hauptprinzip ist das Auffinden von Einsetzungs- und Ersetzungsregeln, d.h. eine Art Reduktionismus. Später wurde dieser Versuch auch auf andere geisteswissenschaftliche Bereiche ausgedehnt.

 

Levi-Strauss argumentiert, dass die Kultur wie eine Sprache sei: nur ein Aussenstehender könne die ihr zugrunde liegenden Regeln verstehen.

 

Dass das menschliche Denken durch die Sprache limitiert wird, ist offensichtlich. Wir denken in vorgegebenen Begriffen und Satz-Strukturen. „Der Mensch verhält sich so, als ob er der Schöpfer und Herr der Sprache sei, es ist aber ganz im Gegenteil die Sprache, die sein Gebieter ist und bleibt.“ (Heidegger). Wenn es eine Analogie gibt zwischen Sprache und Kultur, dann wird das Handeln im gleichen Sinne limitiert wie das Denken.

Das strukturalistische Weltbild wurde u.a. von folgenden Philosophen beeinflusst [GAD, Strassberg]:

1.      Marx, welcher die Macht der ökonomischen Verhältnisse analysierte („Das Sein bestimmt das Bewusstsein“)

2.      Freud, welcher die Macht des Über-Ichs analysierte (soziale Normen werden im Unbewussten verankert).

3.      Nietzsche, welcher den Willen zur Macht analysierte („Wahrheit ist die Lüge, welche gewonnen hat“).

Nicht nur die Handlungen, auch die Reflexionen, welche hinter diesen Handlungen stehen und sogar die Fähigkeit zur Reflexion sind durch die Kultur bestimmt. Warum kann z.B. der eine der zwei Brüder in Poe’s Novelle Sturz in den Mahlstrom die Phänomene naturwissenschaftlich reflektieren und der andere nicht? Ein Strukturalist würde sagen, dass den beiden Brüdern verschiedene Rollen in der Gesellschaft zugewiesen wurden.

 

Eine Analyse ist struktural, wenn sie nicht von isolierten Phänomenen sondern von Beziehungen ausgeht. Ein einzelnes Element hat keine Bedeutung, nur die Beziehungen sind massgebend [GAD, Strassberg]:

1.      Ausgangspunkt dieser Sichtweise war Freuds Hinweis, dass im Traum einzelne Elemente nicht von sich aus etwas bedeuten würden, sondern erst im Zusammenhang zu sprechen anfingen. Gemäss Lacan ist das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert.

2.      Auch jedem kulturellen Gegenstand geht eine Ordnung voraus. Erst der Katalog macht die Bibliothek aus, die Nachbarschaft eines Buches definiert die Eigenschaften des Buches. Der Begriff Bedeutung entspricht dem Platz in der Landkarte der Nachbarschaften. Die Welt wird erst zugänglich, wenn wir uns in einem Symbolsystem (analog dem Bibliotheks-Katalog), d.h. in einer Sprache bewegen. Regeln und Gesetze (d.h. symbolische Ordnungen) prägen anschliessend die Wahrnehmung von Realität. Auch das Ich, die Gefühle, ergeben sich aus einem Netz von Verpflichtungen. Daraus folgt Foucaults These vom Tod des Subjekts, wie er sie in seinem Buch Die Ordnung der Dinge präsentierte

3.      Man könnte die Lacan’sche Sichtweise auch umdrehen und sagen, dass die Sprache strukturiert ist wie das Unbewusste: „Es“ spricht. (Was von der Nacht übrig bleibt). Das Unbewusste kommt entwicklungsgeschichtlich vor der Sprache. Die Beziehungen existieren zunächst im Unbewussten und werden nach und nach in ein Symbolsystem übersetzt. Die Welt wird jetzt auf eine andere Art zugänglich.

 

 

Gefangenheit in der Struktur und Befreiung [GAD, Strassberg].

1)      Was unterscheidet die Kultur von der Natur? Nach Levi-Strauss verlässt der Mensch dort die Natur, wo er über die Familie hinaus zu tauschen beginnt (speziell: Inzest-Verbot und Tausch von Frauen und Gütern). Jetzt entwickeln sich Gesetze und bestimmte Rollen bzw. Funktionen in der Gesellschaft. Das Gesetz bestimmt die (richtigen) Gefühle und nicht umgekehrt. Das Gesetz bestimmt was menschlich ist, aber es ist nicht vom Menschen geschaffen. Gesetze definieren Beziehungen, welche sich aus der Natur der Dinge notwendig ergeben. Das Subjekt kann nur den ihm zugeordneten Platz in der Struktur einnehmen. Mit der Stellung in der Struktur sind auch seine Präferenzen (Gefühle, Neigungen, Interessen) bestimmt

 

2)      Weshalb gibt es Strukturen? Strukturen müssen das Triebhafte binden und Machtverhältnisse festigen [Erdheim]. Historische Ereignisse werden zu diesem Zweck – z.B. in der Form von Mythen – zu einer Art Naturgesetz umgedeutet. Die Illusion, dass wir autonom handeln verstellt uns den Blick, dass unsere Triebe in der Struktur gebunden sind. Die Illusion des Ich macht die Leute gefügig. Wer sich durch Reflexion ganz in die Struktur hineinbegibt kann erkennen, wie das Ich aus kulturellen Beziehungen zusammengesetzt ist. Die Struktur wird transparent und die  Illusion des Ich bricht zusammen. Nur aus dieser Position heraus ist ein Widerstand denkbar. Wie aber könnte dieser aussehen? Das, was ausserhalb der Struktur ist, kann nicht mit den Mitteln innerhalb der Struktur beschrieben werden. Ein bewusster Austritt ist in diesem Sinne nicht möglich.

 

3)      Es gibt aber trotzdem eine Sehnsucht, über die Struktur hinauszukommen. Diese Sehnsucht wurde von gewissen Strukturalisten mit der Schizophrenie oder mit einer angestrebten Herrschaft des Unbewussten in Verbindung gebracht. Wo Es war soll (wieder) Es werden (Lacan). Gemäss Lacan sind Strukturen immer instabil; es droht der Einbruch des Unbewussten bzw. (in der Terminologie von Lacan) der Einbruch des Realen.

a)      Ein Versuch, dem Leiden an der Struktur zu entfliehen besteht darin, die Nicht-Existenz des Ich und damit eine fremdbestimmte Rolle zu akzeptieren. Dies wurde von einigen Strukturalisten als mystischen Aufgehen in der Struktur bezeichnet und erinnert an das hinduistische Dharma.

b)      Ein anderer Versuch der Befreiung wäre das Schaffen einer individuellen Sprache (z.B. in der Psychoanalyse) oder das Eintauchen in eine fremde Kultur. Ein Strukturalist würde jedoch auch die Psychoanalyse als Teil des Systems betrachten und zudem postulieren, dass die fremde Kultur nur mit den Augen der eigenen Kultur gesehen werden kann. Kommt hinzu dass die fremden bzw. wirklich alternativen Kulturen am aussterben sind. Die Lebensweise der Jäger und Sammler kann z.B. in absehbarer Zeit nicht mehr nachvollzogen werden. Im Unterschied zur Existenzphilosophie nimmt der Strukturalismus vorwiegend einen deskriptiven Standpunkt ein.

c)      Aus normativer Sicht kann man versuchen, die individuelle Freiheit als Ziel der Struktur zu definieren. In einer liberalen Gesellschaft ist es einfacher, die Gefangenschaft in der Struktur zu akzeptieren. Aber Freiheit wird im Allgemeinen nicht geschenkt, sondern muss erkämpft und verteidigt werden.

 

 

 

6.2  Soziobiologie

 

 

Die biologische Nutzenfunktion

Da der Mensch ein biologisches Wesen ist, muss auch die biologische Nutzenfunktion in der Psyche prominent vertreten sein.  Das Streben nach Individualität, nach Selbstverwirklichung und Selbstbehauptung sind das Resultat eines biologischen Programms. Diese Aussage hat einen erkenntnistheoretischen Status, welcher nahe bei einem Naturgesetz liegt. Wir kommen mit einer beträchtlichen Zahl von natürlichen Wünschen auf die Welt (wie Beckermann sagt), aber diese Präferenzen sind letztlich dem biologischen Ziel (die DNA zu replizieren) untergeordnet.

 

Das biologische Ziel kann beim Menschen derart durch kulturelle Normen überlagert werden, dass es nur noch im Unbewussten wirkt. Ob wir durch die biologische Nutzenfunktion manipuliert werden oder nicht ist eine Frage der Identifikation. Wer sich voll mit seiner biologischen Natur identifiziert, fühlt sich nicht durch biologische Bedürfnisse manipuliert. In einer Kultur, welche Sublimierung verlangt, kann umgekehrt das biologische Ziel zu einem Hindernis bei der Verfolgung von kulturellen Zielen werden.

 

Die biologischen Strategien zur Vermehrung von Genen sind vielfältig und teilweise indirekt [Gräff] [Voland, 143]. Das bedeutet, dass die Psyche eines Menschen nicht zwangsläufig durch das biologische Ziel geprägt ist, viele Kinder zu haben.

Selbst dort, wo wir anderen nützen, wo wir uns also sozial oder altruistisch und damit moralisch hochwertig zu verhalten glauben, ist häufig nichts weiter als jener Gen-Egoismus am Werk. Daß wir anderen nützen und uns dabei vielleicht sogar selbst schaden, ist - wie die Soziobiologie zeigt - gar kein Widerspruch zur Darwinschen Lehre, sondern unter gewissen Bedingungen sogar deren unausweichliche Konsequenz [Vollmer 1994].

Es gibt sogar Versuche, das Phänomen „Gewissen“ auf evolutionärer Basis herzuleiten. Bestimmte Gene würden Erzieher dazu bewegen, in die Entwicklung ihrer Zöglinge in einer Weise einzugreifen, welche den genetischen Interessen der Erzieher nützt und den genetischen Interessen der Zöglinge schadet. Das Gewissen des Zöglings könnte man als parasitische Funktion des erweiterten Phänotyps des Erziehers deuten [Mittwollen, 156-160].

 

 

 

Man traue keinem erhabenen Motiv,

wenn sich auch ein niedriges finden lässt.

 

Edward Gibbons

 

 

 

 

Handeln gegen die Gemeinschafts-Interessen

Die traditionelle Verhaltensforschung war zwar durchaus schon überzeugt, daß "altruistisches" Verhalten biologisch-genetische Gründe haben könne und müsse. Sie nahm jedoch an, daß es nur über eine besondere Art von Selektion, über Gruppenselektion, erklärt werden könne: Tiere verhielten sich eben arterhaltend (…). Die Soziobiologie widerspricht. Gruppenselektion gibt es überhaupt nicht oder nur in Ausnahmefällen. Mit einem natürlichen Bedürfnis, für den Erhalt der Menschheit zu sorgen, ist auch beim Menschen nicht zu rechnen (…). Es ist deshalb überhaupt nicht verwunderlich, daß Appelle, wir sollten für die gesamte Menschheit etwas tun, so wenig fruchten [Vollmer 1994].

 

Das ökologische Verhalten liegt z.B. im Interesse der gesamten Menschheit, wird aber von unbewussten, aus der biologischen Evolution stammenden Mechanismen hintertrieben:

         Die biologische Evolution ist nicht bloss kurzsichtig, sondern absolut ziel- und zukunftsblind: Das Design der Organismen ist an einen „Wettlauf im Hier und Jetzt“ angepasst.

         Genetischer Reproduktionserfolg – das Mass aller Dinge – beruht zu einem wesentlichen Teil auf effizienter Ressourcenausnutzung.

Beides hat unserer Psyche den Stempel aufgedrückt und damit die Mentalität des Raubbaus kreiert [Voland, 145].

Marx hatte Recht in vielerlei Beziehungen, aber er überschätzte die Kräfte des gesellschaftlichen Bewusstseins und unterschätzte die Kräfte der Evolution. Dass diese Fehleinschätzung nicht nur das Konkurrenzverhalten betrifft, sondern auch das Verhältnis der Genossen zur Natur, illustriert die Umweltverschmutzung in der ehemaligen Sowjetunion.

 

 

Handeln gegen die eigenen Interessen

Der Mechanismus der egoistischen Gene wirkt nicht nur gegen die Interessen der Allgemeinheit, sondern auch gegen die eigenen Interessen.

Obwohl wir wissen, dass Rauchen, salz- und fettreiche Ernährung, Bewegungsarmut usw. zu gesundheitlichen Risiken führen, fällt es erfahrungsgemäss schwer, entsprechende Gewohnheiten zu ändern. Gesundheitsapostel stossen in der Regel auf taube Ohren. Wovon hängt die Bereitschaft eines Organismus ab, jetzt geringe Kosten zu tragen, um höhere Kosten später zu vermeiden? Die Antwort ist verblüffend trivial: von der Wahrscheinlichkeit, dass der Organismus die späteren Zeiträume auch tatsächlich erlebt. Als Beispiel mag hier der Pleiotropie-Effekt dienen. Gene mit vorteilhaften Effekten in jungen Lebensjahren können sich auch dann in der Population ausbreiten, wenn sie mit deutlichen Nachteilen im Alter verbunden sind. In der Evolution wird der junge Körper auf Kosten des alten optimiert. Es lohnt sich im Mittel frühe Vorteile mit späten Nachteilen zu erkaufen. Die Verschuldungsmentalität, welche sich in Kreditkarten und Hypotheken ausdrückt, entspricht genau dieser Logik. Es gibt zwar ein generationenübergreifendes Interesse, aber dieses ist dynastischer und nicht allgemeiner Art [Voland, 146-148].

 

 

 

6.3  Verhaltens-Psychologie

 

 

Genetische Bestimmung

         Die beste Methode um die genetische Bestimmung des Verhaltens und damit das Mass der inneren Einschränkungen abzuschätzen ist die Zwillingsforschung. Erblichkeit wird oft missverstanden als der Anteil der Erbanlagen an der Ausprägung eines Merkmals bei einem bestimmten Menschen. Sie bestimmt aber den genetischen Anteil an den Unterschieden. Menschen unterscheiden sich, weil sie verschiedene Genvarianten tragen und weil sie in verschiedenen Umwelten leben. Eine Erblichkeit von z.B. 88 % für den Body-Mass-Index würde bedeuten, dass 88 % der Unterschiede des Body-Mass-Index in der Bevölkerung durch genetische Unterschiede bedingt sind, nicht aber, dass ein einzelner Mensch nur zu 12 % für sein Gewicht verantwortlich ist (siehe Zwillingsforschung, Wikipedia).

         Das Temperament wird nach Strelau als überwiegend genetisch bestimmt, aber es muss unterschieden werden zwischen (gering veränderbarem) Temperament und dem Verhalten, in welchem das Temperament zum Ausdruck kommt, denn das Verhalten ist veränderbar.

 

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Interaktions-Verhalten

In verschiedenen Analysen wurde versucht, die persönlichen Eigenarten bei Interaktionen auf wenige Hauptmerkmale zu reduzieren (Berkowitz). Dabei haben sich zwei Dimensionen und ihre Kombination als besonders klärend für die Darstellung des Aufbaus von Beziehungsstilen erwiesen [DTV, 213]:

1.      Die erste Dimension beschreibt in zwei Begriffen die Neigung zur Kommunikation: Affiliation und Detachment.

2.      Die zweite Dimension bezieht sich auf zwei Begriffe, die mit dem Zuordnungsverhältnis zu tun haben: Dominanz und Komplianz

Das Interaktions-Verhalten steht in Zusammenhang mit der Ausschüttung von biochemischen Konzentraten im Gehirn. Diese Ausschüttungen sind teilweise genetisch bestimmt:

1.      Die Neigung zur Affiliation steht in Zusammenhang mit dem Neurotransmitter Dopamin.

2.      Die Neigung zur Dominanz steht in Zusammenhang mit dem Steroidhormon Testosteron.

Die Einschränkung der persönlichen Freiheit durch biochemische Mechanismen wird bereits von Personalberatern, Karriereplanern und Marketing-Experten ausgewertet (siehe z.B. Brain-Script von H.Häusel).

 

Trotz der biochemischen Steuerung von Gefühlen und Bewertungen besteht eine gewisse Freiheit bei der Wahl der Lebensziele

         weil ein im präfrontalen Cortex beheimatetes System uns befähigt, aufsteigende Impulse zu bremsen, innezuhalten, abzuwägen und zu überlegen, was wir langfristig aus unserem Leben machen wollen [Bauer]:

         weil die geistige und körperliche Beschäftigung mit einem Ziel auch wieder auf die Biochemie zurückwirkt.

 

 

 

 

Ein kleiner Indianerjunge unterhielt sich mit seinem Großvater:

„Wie denkst du über die Lage in der Welt?“ fragte er.

 

Der Großvater antwortete:

„Ich habe ein Gefühl, als kämpften Wölfe in meinem Herzen.
Einer ist voller Wut und Hass, der andere voller Liebe, Vergebung und Frieden.“


„Wer wird siegen?“
fragte der Junge.


Darauf antwortete ihm sein Großvater:

„Derjenige, den ich füttere.“

 

(Autor unbekannt)

 

 

 

 

 

Verhaltensstörungen

1.      Viele Verhaltensstörungen im Jugend- und Erwachsenenalter werden mit genetisch bedingten, vorgeburtlichen oder frühkindlichen Störungen der sogenannten neuromodulatorischen Systeme im Gehirn in Verbindung gebracht. Diese Systeme sind der Entstehungsort neuronaler Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin, die vom sogenannten Hirnstamm aus über ein sehr weitverzweigtes Netz von Nervenfasern in viele Bereiche des Gehirns verteilt werden und unsere psychische Befindlichkeit stark beeinflussen [Roth, 11].

2.      Auch das kriminelle Verhalten ist genetisch beeinflusst, wobei jedoch in der Regel nicht ein spezifisches Verhalten, sondern ein Verhaltens-Stil vererbt wird. Selbst bei konkret definierten Störungen wirken Gene nicht deterministisch sondern erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit des Auftretens [Nedoptil] [Rowe].

 

 

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Lövheim Cube of Emotion

 

 

Verkaufspsychologie

Die Übereinstimmung von Wollen und Tun erreicht man leichter, wenn Handlungsoptionen existieren. In der Verkaufspsychologie wird z.B. gelehrt, dem potentiellen Käufer immer Alternativen anzubieten, damit er das Gefühl hat, selbst entscheiden zu können. Dass die angebotenen Alternativen bereits vom Verkäufer vorselektioniert sind, wird vom Kunden meist nicht wahrgenommen. Für Kunden, „welche nie zufrieden sind“ muss man noch eine Strategie vorbereiten, bei welcher der Kunde alle Vorschläge ablehnen kann und selbst eine Lösung findet.

Offenbar hat Freiheit etwas mit Macht zu tun, Unfreiheit mit Machtlosigkeit. Macht kann sich auf andere beziehen oder auf das eigene Selbst.

1.      Wer über keine Selbstkontrolle verfügt, ist seinen Leidenschaften machtlos ausgeliefert und wird unfrei.

2.      Wer unter dem Einfluss anderer Menschen steht, wird auch unfrei, es sei denn er identifiziert sich mit ihnen oder sie kommen den eigenen Wünschen entgegen (wie z.B. im Verhältnis von Verkäufer und Kunde).

 

Die Handlungsoptionen müssen nicht unbedingt bewusst sein:

1.      Das Gefühl der Willensfreiheit entsteht dann, wenn man sich als Agent der Denkvorgänge wahrnimmt, welche das Wollen und Tun aufeinander abstimmen.

2.      Ein Gefühl der Freiheit entsteht aber auch dann, wenn Wollen und Tun unbewusst zur Deckung gebracht werden (und gleichzeitig Handlungsfreiheit besteht). Beispiel: Offenbar erleben viele Menschen in Warenhäusern ein befreiendes Gefühl, obwohl sie unbewusst manipuliert werden. Die Verkaufspsychologen und Marketingspezialisten erforschen, erraten und lenken die unbewussten Wünsche der Kundschaft.

 

 

 

Je pense – donc je suis

 

René Descartes

 

Je dépense – donc je suis 

 

Le Devoir

 

 

 

 

6.4  Psychoanalyse

 

 

Geschichte

Freuds Lehre pendelte zwischen Freiheit und Determinismus [GAD, Guggenheim]:

1)      Die Psychoanalyse war zuerst durch die Traumdeutung, d.h. durch eine hermeneutische Methode geprägt. In der freien Assoziation versucht sich der Patient von der kausalen Denkweise zu lösen und „zufällige“ Gedanken zu akzeptieren, Gedanken die keinen „Grund“ haben, unlogisch erscheinen und (scheinbar) unvernünftig sind.

2)      Die Triebtheorie ist ein Versuch, die Psychoanalyse auf eine naturwissenschaftliche Basis zu stellen, wobei man beachten muss, dass zu Freuds Zeiten naturwissenschaftliche Theorien immer auch deterministische Theorien waren. Freud war aber nicht konsequent in dieser Zielsetzung. Innerhalb der Triebtheorie findet man den Begriff des Triebschicksals welcher den Zufall betont und damit den Determinismus wieder untergräbt.

3)      Das Freudsche Strukturmodell unterteilt die Psyche grob in drei Instanzen: Ich, Es und Über-Ich. Am Schluss der Theorieentwicklung steht die Metapher vom Reiter (Ich), dessen Pferd (Es) ab und zu den Gehorsam verweigert, d.h. eine Mischung aus Handlungsfreiheit und unbewusstem Zwang

 

 

Freiheit als Gefühl

Die Psychoanalyse hat wesentlich dazu beigetragen, das Gefühl der Freiheit besser zu verstehen. Es ist nämlich durchaus möglich, genau die gleiche Tätigkeit im Gefühl der Freiheit auszuführen und im Gefühl der Fremdbestimmung. Das Gefühl der Freiheit entsteht aus der Übereinstimmung von Wollen und Tun. Es kann auch dann entstehen, wenn man eine von aussen verlangte Tätigkeit ausübt, dann nämlich, wenn man sich mit der befehlenden Instanz identifiziert oder wenn das Verlangte dem (unbewusst) Erstrebten entgegenkommt. Das deutet darauf hin, dass die Wahrnehmung der Tätigkeit entscheidend ist und nicht die Tätigkeit selbst [Hampe 2006, 2]. Beispiel:

1.      Viele Musiker spielen um Geld zu verdienen und fühlen sich unfrei wegen der Verpflichtungen

2.      Berühmte Musiker fühlen sich oft frei trotz vieler Verpflichtungen, wenn sie gerne Konzerte geben.

Die Psychoanalyse beschäftigt sich u.a. mit der Frage, unter welchen Bedingungen das Fremdbestimmte (z.B. der Musikunterricht) als etwas Eigenes wahrgenommen wird. In unserem Beispiel kann eine gefühlsmässige Befreiung zwei völlig unterschiedliche Formen annehmen:

1.      Man verlässt die Welt der Musik, weil sie von aussen aufgezwungen wurde.

2.      Man entdeckt das befreiende Potential der Musik.

Willensfreiheit würde in diesem Beispiel heissen die Motive „jemandem gefallen wollen“ und „vor jemandem Angst haben“ im Inneren zu erkennen und dann zu entscheiden, ob sie realistisch sind und ob man ihnen folgen will.

 

Wer gegen den eigenen Charakter lebt (z.B. indem er Musik studiert, obwohl er keinen inneren Drang dazu verspürt) der wird langfristig mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit bestraft. Durch die Reflexion von Gefühlen gewinnt man ein Stück gedankliche Freiheit, welche sich aber nicht sofort oder nicht dauerhaft in Handlungen umsetzen lässt. Auf der intellektuellen Ebene lassen sich Handlungsoptionen spielerisch erkunden – im obigen Beispiel erkennt der Musikschüler z.B. dass er spielt, um seinen Eltern zu gefallen, bzw. aus Angst sie zu enttäuschen – aber gefühlsmässige Befreiung ist ein mühsamer, langwieriger und oft auch schmerzhafter Prozess. Ein Patient muss sich zuerst im geschützten Rahmen der Analyse gegen seine eigenen emotionalen Widerstände (Über-Ich) durchsetzen und kann dann immer noch scheitern in der Lebenspraxis, wo dieser geschützte Rahmen wegfällt.

 

 

Freiheit als psychisches Gleichgewicht

Die Psychoanalyse hat gezeigt, dass es nicht nur Risiken der Leidenschaft gibt, sondern auch Risiken der Triebunterdrückung. Das Bestreben, alle Handlungen der Vernunft zu unterwerfen birgt die Gefahr, dass die Gefühle als Steuerungsinstrument des Handelns verdrängt werden. Aber zur Vernunft gehört auch, dass man den Gefühlen Raum lässt. Ein zu starkes Insistieren auf Idealen kann durch psychische und psychosomatische Krankheiten zu schwerem Leiden führen und damit genau das bewirken, was man mit den Idealen eigentlich vermeiden wollte. Die Gefahr einer moralischen Überforderung wurde von den antiken Ethikern schon früh erkannt:

1)   Im Hinduismus wird eine gewisse Ausgewogenheit der Lebensziele angestrebt, welche die biologischen Bedürfnisse der Menschen respektiert. Aus dem Wünschbaren (Idealen) entsteht durch die Praxis das Mögliche. Auch im Buddhismus (welcher aus dem Hinduismus entstanden ist) wird durch den sog. mittleren Weg ein psychisches Gleichgewicht angestrebt und zerstörerische Askese bewusst vermieden.

2)   Das aristotelische (übergewichtete) Streben nach vernünftigem Tun – insbesondere das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis – erfordert eine spezielle Konstitution. Bei Aristoteles wird die Problematik der moralischen Überforderung durch den seelischen Reinigungsprozess (Katharsis) angesprochen.

Das ethische Ideal der Ausgewogenheit zielt auf ein Gleichgewicht zwischen kulturellen und biologischen Interessen, in welchem sich beide Parteien kritisch gegenüberstehen. Ohne Meinungsvielfalt gibt es keine Freiheit, weder im politischen noch im individuellen Denken. Wenn wir die Psyche mit einem demokratischen Parlament vergleichen dann würde das heissen, dass eine starke Opposition vorhanden sein muss, welche die Interessen (das Lobbying) hinter den Argumenten aufdeckt und Rationalisierungen entlarvt.

1.      Für Menschen, welche in einer kulturell homogenen Umgebung sozialisiert werden ist es schwierig, Rationalisierungen zu durchschauen. Das verfügbare Wissen und die Sprache sind bereits so konzipiert, dass Alternativen ausgeschlossen werden. Man muss zuerst erkennen, dass es Alternativen gibt und dass diese unterdrückt werden. Philosophische Therapie, welche von der Unterdrückung durch gesellschaftliche Normen befreit, steht in der Tradition von Nietzsche und Freud. Aus der Sicht der Unterdrückten spricht vieles dafür, Selbstverwirklichung zur moralischen Norm zu erheben, wie dies z.B. der moralische Perfektionismus von Stanley Cavell vorgibt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Psychoanalysen zu einer Expansion der Wünsche und Geltungsansprüche beitragen und innere Konflikte in äussere verwandeln. Neurotisch gebundene Energie wird befreit und die Agression nach aussen gelenkt. Passivität wird tendenziell zu Aktivität und Angepasstheit zu Rebellion. Psychoanalyse schafft die Voraussetzungen für eine wirksame Opposition gegen verkrustete oder totalitäre Gesellschaftssysteme (und ist konsequenterweise in solchen Systemen verboten).

2.      Die Befreiung der biologischen Kräfte von ihrer neurotischen Verzerrung hat aber auch eine Kehrseite. Die Denkfreiheit wird jetzt nicht mehr durch ein totalitäres (Glaubens-)system bedroht, sondern durch die biologischen Kräfte. Wer leidenschaftlich lebt, kommt nicht mehr zum Nachdenken. Wer die Gesetze selbst schafft, bedroht die Freiheit der anderen. An einem gewissen Punkt wird die Vernunft selbst als unterdrückende Instanz empfunden und der Weg zu einer rationalen Kooperation verschlossen. Damit stossen wir auf den Konflikt zwischen Selbstverwirklichung und Gerechtigkeit (siehe Konkurrierende Lebensziele). Die biologischen Kräfte wirken wie ein totalitäres System, welches keine Alternativen zulässt. In Kulturen, welche unter strengen moralischen Vorschriften leiden geht oft vergessen, dass die Abwesenheit von Moral zu einer Tyrannei der Stärkeren führt oder zu einem Chaos von Konflikten. Es ist die Erfahrung von Tyrannei und Chaos, welche die Vorteile der Moralität bewusst macht. Philosophische Therapien in der hellenistischen Tradition haben gezeigt, dass entsprechende Reflexionen zu mehr Selbstkontrolle und Verzicht führen.

Fazit: Innere Freiheit ist verknüpft mit emotionaler Freiheit. Es ist ein fragiles Gleichgewicht zwischen den Forderungen der Aussenwelt (zum Teil in einer internalisierten Form) und den Forderungen der eigenen (biologischen) Natur.

 

 

 

6.5  Hirnforschung

 

Bei der Definition der Freiheit in Kap.2.2 und 2.3 wird nicht explizit gesagt, aber angenommen, dass die Entscheidungsprozesse bewusst ablaufen. Was aber ist Bewusstsein?

 

Theorie des Bewusstseins

Physikalische Grundlage:

1)      Für spezifische Formen von Bewusstseinsinhalten sind neuronale Korrelate bekannt. Es ist jedoch unklar, wie weit die Entdeckung solcher Korrelate das Phänomen Bewusstsein erklären kann. [Metzinger, 37]

2)      Untersuchungen zeigen, dass bei bewusster Wahrnehmung von Sinneseindrücken (Stimuli) weit verteilte Regionen der Grosshirnrinde vorübergehend exakt synchronisierte Hochfrequenz-Oszillationen aufweisen. Wenn die Stimuli nicht bewusst wahrgenommen werden, dann lassen sich zwar ebenfalls Hochfrequenz-Oszillationen nachweisen, die sich aber nicht zu synchronisierten Mustern verbinden [Metzinger, 105].

Für mehr Informationen zu diesem Thema siehe

         Global Workspace Theory

         Integrated Information Theory

 

Funktionalität

1.      Menschliches Bewusstsein ist gefilterte Information. Es ist nur der Schatten von etwas (physikalisch) viel Reicherem und Grösserem und hat keine unabhängige Existenz [Metzinger, 41]

2.      Aus Informatik-Sicht hat das Bewusstsein vermutlich die Funktion eines Arbeitsspeichers. Es ist die Teilmenge der gerade im Gehirn aktiven Informationen, welche eine ständige Überwachung erfordert, weil sie nächstens benötigt werden könnte. Diese These wird gestützt durch die Beobachtung, dass uns eine Tätigkeit immer dann bewusst ist, wenn wir sie zum ersten Mal erlernen (z.B. das Binden von Schuhen oder das Fahrradfahren). Sobald wir jedoch die Tätigkeit vollständig beherrschen, vergessen wir alles, was mit dem Lernvorgang zu tun hat [Metzinger, 89].

3.      Eine Hauptfunktion des Bewusstseins besteht darin einen festen Bezugsrahmen für den Organismus zu schaffen, d.h. zu definieren was real ist [Metzinger, 95]. Die Repräsentationen der Realität im Gehirn werden aber als Realität und nicht als Repräsentation wahrgenommen [Metzinger, 72].

 

Eine gesicherte Theorie des Bewusstseins existiert (noch) nicht. Eine solche Theorie müsste die folgenden Probleme lösen:

1.      Das Eine-Welt-Problem: Warum wird das Bewusstsein als Einheit gesehen und nicht als eine Ansammlung verschiedener bewusster Komponenten?

2.      Das Jetzt-Problem: Wie kann der Eindruck eines Momentes entstehen, wo doch die Zeit immer im Fluss ist?

Was wir Gegenwart nennen und als Kontinuum wahrnehmen, ist das Resultat neuronaler Rekonstruktionen. Das Gehirn rezipiert Zeit nicht im Newtonschen Kontinuum, sagt der Psychologe Ernst Pöppel, sondern ruckartig. "Und alle dreissig Millisekunden fragt es, was in der Welt passiert ist." Eintreffende Reize unter dieser Zeitdauer können nicht mehr zeitlich geortet werden. Umgekehrt ist das Gehirn auch nicht in der Lage, Informationen während mehr als drei Sekunden zu einer einzigen Wahrnehmungsgestalt zu gruppieren [Büttner]

3.      Das Wirklichkeits-Problem: Warum können wir nicht erkennen, dass wir die Wirklichkeit nur indirekt wahrnehmen? Warum sind wir als naive Realisten geboren?

4.      Das Problem der Unaussprechlichkeit: Warum können wir Dinge wahrnehmen, über die wir nicht sprechen können?

5.      Das Wer-Problem: Wer ist dieses „Ich“, dem die bewussten Erlebnisse zugeordnet werden?

6.      Das Evolutionsproblem: Wozu dient überhaupt das Bewusstsein?

 [Metzinger, 45]

Für die Frage der inneren Freiheit sind vor allem die Fragen 5 und 6 von Bedeutung. Im Folgenden untersuchen wir das Wer-Problem. Auf das Evolutionsproblem kommen wir weiter unten zurück

 

 

Das Wer-Problem

Traditionell bezieht sich der Begriff Bewusstsein auf eine Person. Dass eine Person bewusst entscheidet, bedeutet, dass sie (moralische) Bewertungen für ihre Entscheidung verwendet. Wer ist aber dieses „Ich“, welches über Bewusstsein verfügt?

Buddha sprach: „Handlungen existieren und auch ihre Folgen, aber der Handelnde existiert nicht (…). Es gibt kein Individuum, es ist nur ein konventioneller Name, der (einer Menge von) Elementen gegeben wird“ [Metzinger, 351].

 

Am Ich-Gefühl ist immer ein Körpergefühl beteiligt. Dieses Körpergefühl besteht aus mehreren Komponenten:

1)      Automatische Selbstzuschreibung. Sie integriert Bewusstseinsinhalte in das, was als das eigene Selbst erlebt wird. Beispiele:

a)      Ein Blinder kann eine Tastempfindung am Ende des Stockes entwickeln [Metzinger, 113].

b)      Wiederholte Übung kann ein Werkzeug (oder ein Sportgerät) in einen Teil der Hand verwandeln [Metzinger, 117]

2)      Agentivität, d.h. das bewusste Erleben von Entscheidungen und Handlungen

3)      Ein Ort im Raum

4)      Interozeption (Körperwahrnehmungen)

5)      Hintergrund-Emotionen

[Metzinger, 116]

 

Welche dieser Komponenten sind notwendig für das Ich-Gefühl?

Agentivität ist nicht notwendig, wie das Beispiel der Meditation zeigt. Das Ich-Gefühl entsteht wahrscheinlich, wenn aus räumlicher Orientierung, Körperwahrnehmungen und Selbstzuschreibung (bzw. Selbstabgrenzung) das Wissen von der eigenen Existenz auftaucht. Diesen Vorgang kann man z.B. nachvollziehen, wenn man am Morgen aufwacht und zu sich kommt [Metzinger, 151]. Wenn man sich jedoch als denkendes Subjekt erleben will und nicht einfach (wie in der Meditation) die Gedanken vorbeiziehen lässt, dann braucht es eine kognitive Agentivität, d.h. innerliches Handeln beim Denken, verbunden mit dem Gefühl die eigenen Gedanken zu verursachen [Metzinger, 177].

 

Gibt es ein Bewusstsein ohne Ich-Gefühl? Diese Frage muss man bejahen, weil auch selbst-lose Formen des bewussten Erlebens bekannt sind. Bei bestimmten psychiatrischen Störungen, wie etwa dem Cotard Syndrom, hören die Patienten manchmal auf das Pronomen der ersten Person zu verwenden, und – was noch erstaunlicher ist – behaupten, dass sie in Wirklichkeit gar nicht existieren [Metzinger, 99-100].

 

Laut Antonio Damasio sind die Aspekte des Bewusstseins in eine hierarchische Struktur eingebettet:

1)      Zuunterst steht die Metarepräsentation des Körpers (das Proto-Selbst), welche bereits in niedrigen Tieren vorhanden ist. Dazu gehört u.a. auch die Wahrnehmung des Wachheitszustandes. Es gibt einen kontinuierlichen Übergang von Wachheit zu Unaufmerksamkeit, zu Schlaf, zum Komazustand und schliesslich zum Tod.

2)      Die nächst höhere Stufe ist das sog. Kernbewusstsein, das Gefühl für das was passiert bzw. das Gefühl dafür, dass sich das Proto-Selbst durch die Welt bewegt und mit der Welt interagiert. Damasio beschreibt den Fall einer Patientin, welche infolge einer Hirnverletzung 6 Jahre lang nur mit dem Kernbewusstsein lebte, d.h. in einer Welt ohne Vergangenheit und Zukunft. Das Kernbewusstsein ist auch bei intelligenten Tieren vorhanden.

3)      Auf der obersten Stufe steht das erweiterte Bewusstsein, die Verknüpfung des Kernbewusstseins mit autobiographischen Daten, mit einer Lebensgeschichte und ihrer Projektion in die Zukunft. Das erweiterte Bewusstsein gibt es nur bei Menschen und ev. bei gewissen Primaten.

a)      Im Gegensatz zur lange vertretenen These wonach die Sprache im Zentrum des erweiterten Bewusstseins steht, scheinen es eher die Gefühle zu sein, bzw. das Wissen darüber, Gefühle zu haben. Bei Schlaganfällen verlieren Patienten z.T. die Sprache. Im Falle einer Heilung erzählen solche Patienten dass ihr Bewusstsein vollkommen intakt war, dass sie aber ihren Zustand einfach nicht kommunizieren konnten.

b)      Eine wichtige Rolle scheint auch die Verbindung der linken mit der rechten Gehirnhälfte zu spielen. Wenn man diese Verbindung zerstört, dann entstehen zwei Bewusstseins-Instanzen: die eine beschreibt die Welt verbal, die andere räumlich. Zwischen den beiden Instanzen gibt es keine Kommunikation, sie werden aber trotzdem mit dem gleichen „Ich-Gefühl“ repräsentiert.

Wenn Damasios These stimmt, d.h. wenn Bewusstsein einen biologischen Körper bzw. ein Körpergefühl voraussetzt, dann ist es unmöglich, Bewusstsein innerhalb eines Computers zu erzeugen.

 

 

Entscheidungsprozesse

1.      Betrachten wir zunächst die Etymologie des Begriffes Bewusstsein: Der lateinische Begriff der conscientia ist die Wurzel, aus der sich alle späteren Terminologien in den englischen und romanischen Sprachen entwickelt haben. Er leitet sich seinerseits von cum (mit, zusammen) und scire (wissen) ab. In der Antike, genau wie in der scholastischen Philosophie des Mittelalters, bezog sich conscientia vorwiegend auf moralisches Wissen, d.h. Wissen über Werte. Interessanterweise wurde „echtes“ Bewusstsein also mit moralischer Einsicht verknüpft [Metzinger, 45]. Moralische Einsicht ist das Resultat von Reflexionen, welche Präferenzen hinterfragen, gewichten und gegeneinander abwägen, d.h. das Resultat von Reflexionen höherer Ordnung. Dass das Abwägen von Präferenzen ohne Einsicht (Bewusstsein) ablaufen könnte, wurde traditionell gar nicht in Erwägung gezogen.

2.      Mit zunehmender Akzeptanz der Psychoanalyse änderte sich dieses Bild. Die Existenz unbewusster Entscheidungsprozesse wurde nun zumindest als vertretbare These betrachtet. Die gleichzeitige Existenz von bewussten Entscheidungsprozessen schien aber offensichtlich und wurde von niemandem bestritten.

3.      Erst in der Folge des Libet-Experimentes entstand die Vermutung, dass alle Entscheidungsprozesse unbewusst ablaufen könnten und dass das Bewusstsein nur ein etwas verspätet eintreffendes Begleit-Phänomen darstellt. Die spezifische Hirnaktivität, welche mit einer Bewegung korreliert, kann der bewussten Entscheidung (die Bewegung auszuführen) bis zu 10 Sekunden vorausgehen (siehe Der unbewusste Wille).

 

 

 

Chief Witch:

“Yes, that’s right!”

Macbeth:

“I understand you can foretell the future?”

 

Shakespeare

 

 

 

 

Alvaro Pascual-Leone führte 1992 ein Experiment durch, bei dem die Probanden gebeten wurden, zufällig die rechte oder die linke Hand zu bewegen. Er fand heraus, dass durch die Stimulation der verschiedenen Hirnhälften mittels magnetischer Felder die Wahl der Person stark beeinflusst werden konnte. Normalerweise wählen Rechtshänder die rechte Hand in ca. 60 % aller Fälle. Wurde jedoch die rechte Hirnhälfte stimuliert, wurde die linke Hand in 80 % aller Fälle ausgewählt (die rechte Hemisphäre des Hirns ist im Wesentlichen für die linke Körperhälfte zuständig und umgekehrt).

Trotz dieses nachweislichen Einflusses von außen berichteten die Probanden weiterhin, dass sie der Überzeugung waren, die Wahl frei getroffen zu haben (Freier Wille, Wikipedia).

 

Wolf Singer weist auf folgendes Experiment hin: Gibt man der nichtsprachlichen Hirnhälfte eines Probanden einen Befehl durch eine elektrische Reizung motorischer Cortex Areale, dann führt die Person diesen aus, ohne sich der Verursachung bewusst zu werden.

Fragt man dann nach dem Grund für die Aktion, erhält man eine vernünftige Begründung, die aber mit der eigentlichen Ursache nichts zu tun hat (Philosophie und Hirnforschung, Patrick Albertini).

Was immer das Bewusstsein des eigenen Willens noch sein mag, es scheint auf jeden Fall etwas zu sein, das man mit Hilfe eines schwachen elektrischen Stromes und einer Elektrode im Gehirn an- und ausschalten kann [Metzinger, 181].

 

Gemäss Wegner und Wheatley wird das phänomenale Erleben des Willens oder der mentalen Verursachung durch folgende drei Prinzipien beherrscht [Wegner]:

1.      Ausschliesslichkeit: der Gedanke der Versuchsperson ist die einzig mögliche und introspektiv verfügbare Ursache der Handlung

2.      Konsistenz: die subjektive Absicht muss inhaltlich zur Handlung passen

3.      Priorität: der bewusste Gedanke muss der Handlung innerhalb eines angemessenen Zeitraumes vorangehen.

[Metzinger, 183]

 

In den zitierten Experimenten ist die Willensfreiheit offenbar eine doppelte Illusion, weil die Entscheidungsprozesse nicht nur deterministisch, sondern auch unbewusst ablaufen. Die bewusste Wahrnehmung hat keine steuernde Funktion, sondern ist nur ein (mehr oder weniger genaues und verspätetes) Abbild des unbewussten Prozesses. Aber kann man diesen Befund verallgemeinern?

 

Die Frage, ob die Bewegung einer Hand etwas über den freien Willen einer Person aussagt, muss vorsichtig diskutiert werden. Denn die für die Handbewegung notwendigen Fertigkeiten sind im prozeduralen Teil des Langzeit-Gedächtnisses enthalten. Wenn wir aber eine freie und moralisch fundierte Willensentscheidung treffen wollen, dann nutzen wir die Erfahrungen und das Wissen des episodischen Teils des Langzeit-Gedächtnisses. Libets Experiment kann daher nur Aussagen über Entscheidungen machen, welche wie die Handbewegungen nicht moralisch gewertet werden müssen. Eine ausführliche und differenzierte Betrachtung dieses Problems nehmen Prof. Dr. Benedikt Grothe und Prof. Dr. Martin Korte in ihren Vorlesungen an der LMU München bzw. Universität Tübingen vor, die als Videoaufzeichnungen öffentlich zugänglich sind (Freier Wille, Wikipedia).

 

Neuere Experimente haben zudem gezeigt, dass die spezifische Hirnaktivität, welche mit einer Bewegung korreliert und der bewussten Entscheidung (die Bewegung auszuführen) vorausgeht, nicht bedeutet, dass das Hirn die Bewegung vorausplant. In einem dieser Experimente konnten die Teilnehmer frei entscheiden eine Taste zu drücken (oder auch nicht), wenn sie einen Ton hörten. Es zeigte sich, dass die spezifische Hirnaktivität unabhängig von der Entscheidung vorhanden war und einer nach aussen gerichteten Aufmerksamkeit entsprach. Im Libet-Experiment ist die Aufmerksamkeit nach innen gerichtet. Es wird vermutet, dass die Entscheidung (die Bewegung auszuführen) dann ausgelöst wird, wenn (permanent vorhandene) Zufallsschwankungen im zuständigen Hirnareal einen gewissen Wert überschreiten [Ananthaswamy].

 

 

Störungen

Beim sog. Alien-Hand-Syndrom, unterliegt eine der beiden Hände nicht mehr der willentlichen Steuerung, führt aber zielgerichtete Handlungen aus (wie etwas das Ziehen eines Steines im Damespiel). Die betreffenden Personen erleben die unkontrollierte Hand immer noch als ihre eigene. Was fehlt ist die Wahrnehmung eines Willensaktes. Es scheint unbewusste Mechanismen zu geben, welche festlegen, wann uns eine Bewegung als Willensakt erscheint [Metzinger, 172].

Auch bei diesem Beispiel kann man argumentieren, dass es sich nicht um moralische Entscheidungsprozesse handelt und die Aussagekraft für das Problem der Willensfreiheit entsprechend limitiert ist. Es gibt allerdings Störungen, welche sich nicht nur auf die Bewegung einer Hand beziehen und wo möglicherweise das semantische Gedächtnis (ein Teil des deklarativen Langzeit-Gedächtnisses) mitbeteiligt ist [Metzinger, 173]:

1.      Gewisse Patienten erleben jedes bewusst wahrgenommene Ereignis in ihrer Umgebung als direkt durch sie selbst verursacht.

2.      Umgekehrt haben gewisse Schizophrenie das Gefühl, dass der eigene Körper und die Gedanken ferngesteuert sind.

Im Vergleich mit gesunden Personen stimmt die Wahrnehmung des Willens noch viel weniger mit der realen Situation überein. Im ersteren Fall wird ein Übermass an Wirkung vorgetäuscht im letzteren Fall (in einer Art Umkehrsituation) ein völliges Ausgeliefertsein. Alles spricht dafür, dass es sich bei der Wahrnehmung der Willens um eine eigenständige Funktion handelt, welche mehr oder weniger korrekt mit der realen Situation gekoppelt wird. Es ist deshalb theoretisch denkbar, dass diese Funktion bei allen Entscheidungsprozessen mit etwas Verzögerung aufgerufen wird und eine Illusion erzeugt.

Beim akinetischen Mutismus fällt der Patient keine Entscheidungen [Metzinger, 179]. Es besteht entsprechend kein Anlass, die Funktion „Wahrnehmung des Willens“ zu aktivieren. Die Wahrnehmung „Nichts zu wollen“ stimmt mit der realen Situation überein.

 

 

Das Evolutionsproblem

Verschafft Bewusstsein einen evolutionären Vorteil?

Die Evolution wird weitgehend von Zufallsereignissen getrieben und verfolgt kein Ziel. Es ist falsch anzunehmen, dass die Evolution zum Bewusstsein führen musste. Andere Pfade der Evolution waren möglich und bleiben immer noch möglich [Metzinger, 87]. Nachdem das Phänomen Bewusstsein aber einmal (möglicherweise zufällig) entstanden war, bewies es einen Wert im Überlebenskampf. Eine Funktion, welche keinen evolutionären Vorteil verschafft, verschwindet wieder mit der Zeit, weil sie unnötig Energie verbraucht.

 

Die Frage, welchen Überlebensvorteil das Bewusstsein konkret bietet, ist noch weitgehend ungeklärt. Es gibt eine ganze Reihe von Eigenschaften des Bewusstseins, welche seinen Trägern Vorteile verschafft haben könnten, z.B.

1)      Das Verstehen der geistigen Zustände von Artgenossen und die Vorhersage ihres Verhaltens in sozialen Interaktionen [Halligan].

2)      Die Anpassung von Handlungsplänen für längere Zeiträume

3)      Die Lösung von inneren Konflikten, die durch „festgefahrene“ geistige Verarbeitungsvorgänge entstehen.

usw. [Metzinger, 88]

Einer dieser Überlebensvorteile wird vermutlich dominiert haben. Bei den anderen  handelt es sich dann eher um eine Art „kreative Zweckentfremdung“ (Exaptation) [Metzinger, 122]. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Reflexionen höherer Ordnung eine solche Zweckentfremdung darstellen.

 

Die These, wonach das Bewusstsein die Entscheidungsprozesse verbessert, ist aber umstritten. Falls das Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist, wie die meisten Hirnforscher vermuten, dann müssen wir alle Thesen verwerfen, bei welchen der evolutionäre Vorteil durch direkte Verbesserung der Entscheidungen erklärt wird.

 

Um Entscheidungsprozesse zu verbessern, müsste das Bewusstsein die Realität unverfälscht darstellen. Die traditionelle Annahme, dass uns die Inhalte unseres phänomenalen Bewusstseins auf direkte und unmittelbare Weise gegeben sind, ist aber falsch:

1)      Es gibt z.B. eine neurologische Störung, welches es unmöglich macht, Gegenstände durch Ertasten zu erkennen (Astereognosie). In diesem Falle ist das Sinnesorgan (die Haut) intakt, aber die Verbindung zum Bewusstsein gestört [Metzinger, 48].

2)      Umgekehrt kann sich das Bewusstsein von sinnlichen Eindrücken einstellen, obwohl die betreffenden Sinnesorgane geschädigt sind:

a)      Besonders augenfällig wird dies bei einer bestimmten Gruppe von Störungsbildern, die in der Neuropsychologie als Anosognosien bezeichnet werden. Sie bestehen darin, dass der Patient ein bestehendes Bewusstseinsdefizit nicht mehr als solches erleben kann. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist Antons Syndrom. Patienten, die durch eine Verletzung des visuellen Cortexes von plötzlicher Blindheit befallen werden, bestehen in manchen Fällen hartnäckig darauf, dass sie noch sehen. Sie stoßen sich gleichzeitig an Möbelstücken und anderen Hindernissen, sie zeigen alle Anzeichen funktionalen Blindseins. Trotzdem verhalten sie sich so, als ob ihnen das subjektive Verschwinden der visuellen Welt nicht bewusst wäre. So produzieren sie zum Beispiel auf Fragen nach ihrer Umgebung falsche, aber konsistente Konfabulationen: Sie erzählen Geschichten über nicht-existente phänomenale Welten, die sie selber zu glauben scheinen, und streiten jedes funktionale Defizit in Bezug auf ihre Sehfähigkeit ab [T.Metzinger, Das Problem des Bewusstseins].

Das Bewusstsein ist in diesem Falle gekoppelt mit einer Traumwelt, welche die Bewältigung der Realität erschwert. Es stärkt das Gefühl intakt zu sein, verschlechtert aber gleichzeitig die adaptiven Fähigkeiten des Organismus.

b)      Blinde Menschen sind manchmal in der Lage, im Traum zu sehen [Metzinger, 199].

 

Das Bewusstsein bezieht sich auch bei intakten Personen auf Repräsentationen und nicht auf die Wirklichkeit selber, so dass eine Wirklichkeit vorgetäuscht werden kann. Beispiele:

1.      Die Simulation von virtuellen Realitäten (z.B. im 3D-Film) erzeugt ein Gefühl der Präsenz und des vollständigen Eintauchens. Wie im Traum wird dabei verhindert, dass echtes körperliches Verhalten erzeugt wird. Wenn im Traum diese motorische Hemmung im versagt (REM-Sleep Behavior Disorder) dann ist der Patient gezwungen, auch dramatische und gewalttätige Träume auszuagieren.

2.      Das Phänomen des falschen Erwachens zeigt, dass das Gefühl sich in der Realität zu befinden ein- und ausgeschaltet werden kann. Das Traum-Selbst ist wie der asognostische Patient, dem nach einer Hirnverletzung die Einsicht in geistige Defizite fehlt. Offenbar ist die Lebendigkeit, Klarheit und Prägnanz eines bewussten Erlebnisses kein hinreichender Beleg dafür, dass man sich tatsächlich in der Wirklichkeit befindet.

3.      Der Traum ist ein gutes Beispiel für die Tendenz unseres Gehirnes, Sinn zu konstruieren. Während des REM-Schlafes werden chaotische innere Signale durch PGO-Wellen erzeugt. Das Gehirn versucht, diese Signale zu interpretieren und konstruiert zu diesem Zweck ein Märchen, in welchem das Ego des Traumzustandes die Hauptrolle spielt. Das System erkennt die Signale, die es in eine innere Erzählung verwandelt nicht als Eigenprodukte.

[Metzinger, 197-202].

Damit stellt sich die Frage, ob der evolutionäre Vorteil des Bewusstseins nicht generell auf der Gefühlsebene zu suchen ist. Es ist denkbar, dass Bewusstsein erst in der Form des Selbst-Bewusstseins (d.h. durch intrinsische Motivation, emotionale Stärkung) einen Überlebensvorteil bietet [Metzinger, 88]. Die bewussten Informationen erhalten durch emotionale Stärkung eine höhere Priorität und werden dann möglicherweise dauerhafter abgespeichert. Dies lässt sich vergleichen mit dem Anfertigen einer Dokumentation über Entscheidungen. Man dokumentiert nur wichtige Entscheidungen und immer nachträglich, d.h. die Dokumentation trägt nichts zur Entscheidungsfindung bei. Sie verbessert aber möglicherweise die Qualität von zukünftigen Entscheidungen. Trauminhalte werden nach dem Erwachen oft sehr schnell vergessen. In unserer Analogie würde das heissen, dass (als Täuschung erkannte) Dokumente nachträglich abgewertet oder entsorgt werden.

John-Dylan Haynes vergleicht das Bewusstsein mit einem Spotlight. Das Unterbewusste entscheidet, ob das Licht eingeschaltet und worauf der Lichtstrahl gerichtet wird [Douglas, 32]. Die beleuchtete Szene wird dokumentiert und erhält eine gewisse Priorität im Gedächtnis, der Rest bleibt im Dunkeln.

 

 

 

7. Verantwortung

 

 

7.1  Definition

 

 

Freiheit als Bedingung

Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man frei entscheiden kann. Freiheit ist die Voraussetzung für Verantwortung. Entsprechend den verschiedenen Definitionen von Freiheit gibt es deshalb verschiedene Definitionen von Verantwortung.

1.      Für Inkompatibilisten, welche nicht an einen Leib-Seele-Dualismus glauben, gibt es überhaupt keine Verantwortung.

2.      Für alle anderen besteht das Hauptproblem darin, das moralische Gewicht der unbewussten Motive richtig einzuschätzen:

 

 

Verantwortung, welche unbewusste Motive einschliesst

Im Unbewussten stecken persönliche Erfahrungen und Bewertungen und man kann sie deshalb auch als Teil des Selbst betrachten. Dass man positive Leistungen des Unbewussten (z.B. die Fähigkeit im Schlaf Probleme zu lösen) der eigenen Person gutschreiben darf, wird nicht bestritten. Warum sollte das nicht auch für negative Leistungen gelten? Sowohl die Abgrenzung zwischen Ich und Es als auch die Abgrenzung zwischen Entscheidungsanfang und –ende ist unscharf. Es gibt keine punktuellen Entscheidungen. Im Allgemeinen kommt eine Mischung aus bewusster aktueller Reflexion und unbewussten, langfristig entstandenen Motiven zur Anwendung. Man ist in einem gewissen Masse determiniert durch seine Geschichte, aber man ist auch mitverantwortlich für diese Geschichte [GAD, Hampe].

 

Beispiel: Bei einem Penalty muss ein Fussball-Torhüter blitzartig entscheiden, ob er stehen bleiben oder in eine Ecke hechten soll. Wegen der Knappheit der Zeit wird die Entscheidung im Wesentlichen im Unbewussten getroffen. Dabei werden sehr viele Informationen (Bewegung des Schützen, Erfahrungen, Tipps etc.) in einem individuellen Entscheidungsprozess verarbeitet. Der Torhüter ist verantwortlich für seine Entscheidung, obwohl ein grosser Teil der Bewertungen im Unbewussten erfolgt. Die Verantwortung wird akzeptiert, weil die unbewussten Bewertungen das Resultat einer langen, persönlich geprägten Geschichte sind. Zu dieser Geschichte gehört insbesondere das Antrainieren von Fussball-spezifischen Reflexen.

 

 

Verantwortung, welche unbewusste Motive ausschliesst

In einem engeren Sinne liegt Verantwortung nur dann vor, wenn die Entscheidung durch bewusstes Abwägen von Präferenzen getroffen wird. Für unbewusste Motive, welche diese Abwägung beeinflussen, ist der Entscheidungsträger nicht verantwortlich. In diesem Falle ist massgebend, wie weit der Einfluss des Unbewussten reicht.

1.      Soziologische, soziobiologische und psychologische Forschungsresultate legen nahe, dass die Bedeutung des Unterbewussten unterschätzt wird (Kap.6.1 bis 6.4).

2.      Eine fast unbeschränkte Macht des Unbewussten wird durch die Hirnforschung postuliert (Kap.6.5). Die meisten Hirnforscher gehen davon aus, dass das Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist und alle Bewertungen durch unbewusste Prozesse zustande kommen. Das Gefühl, frei entscheiden zu können und nicht von physikalischen Prozessen determiniert zu sein, ist möglicherweise eine Funktion des Gehirns, welche je nach Situation ein- oder ausgeschaltet werden kann. Wenn aber beim bewussten Abwägen von Präferenzen eine Täuschung vorliegt, dann kann überhaupt nicht von Verantwortung gesprochen werden.

 

Beispiel: Die Entscheidung eines Torhüters zu trainieren und sich damit Fussball-spezifische Reflexe anzueignen würde nicht (der Wahrnehmung entsprechend) durch bewusste Reflexion entschieden, sondern (entgegen der Wahrnehmung) unbewusst. Die Reflexion würde nur nachträglich im Bewusstsein mehr oder weniger genau dokumentiert. Möglicherweise wird sogar nach Freud’schen Kriterien dokumentiert, d.h. Tatsachen werden verzerrt oder unterschlagen, um unbewussten Wünschen entgegenzukommen. Die steuernde Rolle des Bewusstseins bei der Entscheidungsfindung ist Gegenstand einer kontroversen Diskussion (siehe Epiphänomen, Wikipedia).

 

 

 

7.2  Semantik

 

 

Tradition

Selbst wenn die Hirnforscher Recht behalten sollten, so brauchen wir doch im Alltag und in der Rechtssprechung immer noch den Verantwortungsbegriff, welcher unbewusste Motive einschliesst.

1)      Wenn eine Person sagt, dass sie frei und bewusst entschieden habe, dann sollten wir diese Sprachregelung akzeptieren, weil wir wissen, was sie damit meint. Es ist eine Intuition, die wir alle kennen [Bieri, 222-226]

2)      Nach gängiger Gerichtspraxis ist eine (voll zurechnungsfähige) Person für ihre unbewussten Entscheidungsprozesse verantwortlich.

 

Die Frage, ob wir menschliches Handeln unter Zuhilfenahme von Gründen und Rechtfertigungen betrachten oder es als Naturereignis mit Naturgesetzen erklären, ist eine grundlegende (…). Denn bei ihr geht es um die Frage, ob wir überhaupt eine Sprache zulassen, in der es so etwas wie Handlungen gibt. Sobald wir etwas mit Naturgesetzen erklären wollen, hört es auf eine Handlung zu sein [Hampe 2007, 177].

 

Es dürfte schwierig sein, eine Gesellschaft zu organisieren ohne den Begriff Verantwortung und ohne Berücksichtigung der Gründe und Rechtfertigungen, welche sich aus der Innenperspektive ergeben. Der Begriff Schuld wird vielleicht aus der Sprache der Gerichte verschwinden, aber nicht aus der Alltagssprache [Singer] [Pauen].

 

 

Interessen

Die Befürchtung, dass nur noch naturwissenschaftliche Sprachen zugelassen werden, wird durch die zunehmende gesellschaftliche Relevanz von naturwissenschaftlichen Beschreibungen genährt. Dem steht aber die Befürchtung gegenüber, dass Wissenschaftler, welche die Existenz eines freien Willens verneinen, von religiöser Seite angefeindet werden. Aus Sicht der Problemlösungsinteressen haben die Freiheitsskeptiker nämlich schlechte Karten. Das Interesse der Gesellschaft, dass es eine Willensfreiheit und Verantwortung gibt, ist überwältigend:

         Der Glaube an die Willensfreiheit stärkt das Selbstbewusstsein und den Glauben an die Beeinflussbarkeit der persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Er verschafft offensichtlich einen evolutionären Vorteil und wirkt damit wie eine positive Rückkopplung.

         Umgekehrt ist die Botschaft der Freiheitsskeptiker derart unangenehm, dass die Überbringer oft mit der Botschaft verwechselt werden. Sie werden zwar nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt wie gewisse Vertreter der Prädestination im Mittelalter, aber ihre Forschungsergebnisse stossen in manchen Kreisen auf wenig Sympathie.

 

Unter den säkularen Promotoren des Begriffes Willensfreiheit sind diejenigen speziell zu vermerken, welche eine formale Sprache verwenden. John Searle weist darauf hin dass – wenn man die Bedingung der Letzt-Urheberschaft fallen lässt – theoretisch auch Roboter mit einem freien Willen konstruiert werden könnten. Dieses Argument scheint insbesondere Informatiker nicht abzuschrecken. Forscher im Bereich der künstlichen Intelligenz bevorzugen eine Sprachregelung, gemäss welcher sie (dereinst) Wesen erschaffen werden, welche über ein Ich-Bewusstsein und Willensfreiheit verfügen [Metzinger, 279-282].

 

Fazit: Bei der Deutung des Begriffes Willensfreiheit gibt es nicht nur einen Wettbewerb zwischen der Innen- und Aussenperspektive, sondern auch einen Wettbewerb zwischen Einzelwissenschaften. Während die Hirnforscher den Begriff Willensfreiheit durch eine naturgesetzliche Beschreibung der Gehirnprozesse eliminieren, wird er bei den A.I.-Forschern unter Verwendung von Programmiersprachen wieder eingeführt. Lieber etwas zu viel freier Wille als zu wenig.

 

 

 

8. Schlussfolgerungen

 

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Willensfreiheit

1)      Libertarier sprechen nur dann von Willensfreiheit, wenn der Mensch Letzt-Urheber seiner Entscheidungen ist und die Kausalkette der physikalischen Hirnprozesse durchbrechen kann. Diese Definition stimmt mit der Intuition überein, dass wir in einer „kausalen Lücke“ gegen die eigenen Präferenzen entscheiden können.

2)      Naturalisten postulieren, dass sämtliche Entscheidungen auf physikalischen Hirnprozessen basieren, eine zeitliche Ausdehnung haben und die Kausalketten nicht unterbrechen. Die Intuition der „kausalen Lücke“ wäre demzufolge eine Täuschung.

a)      Naturalisten, welche auf der Letzt-Urheberschaft beharren, sehen keine Grundlage für die Existenz einer Willensfreiheit (Hard Determinism).

b)      Kompatibilisten betrachten die Idee des absolut freien Willens als eine sprachliche Verirrung. Sie postulieren, dass ein korrektes Konzept von Willensfreiheit mit den bekannten Naturgesetzen kompatibel ist (Soft Determinism).

c)      Die Reichweite der kompatibilistischen Willensfreiheit ist umstritten. Zum Freiheitsskeptizismus beigetragen haben insbesondere die Hirnforscher welche postulieren, dass Bewusstsein nur ein Epiphänomen ist.

 

 

Einschränkungen durch die Aussenwelt

         In diesem Aufsatz geht es nicht um die bewussten und bekannten Fälle von politischer Freiheitsberaubung. Soweit soziale Strukturen reflektiert werden können, sind sie auch offen für eine gesellschaftliche Diskussion und für Widerstand. Es geht hier darum, dass die Willensfreiheit bereits durch die Verdrängung von Wünschen und Möglichkeiten eingeschränkt ist. Es gibt eine gesellschaftliche Produktion von Unbewusstem, welche der Kontrolle von Trieben und der Festigung von Machtverhältnissen dient.

         Wenn Strukturen der Triebbewältigung dienen, dann haben sie oft eine Doppelfunktion: sie schränken die Freiheit in einem Bereich ein, aber vergrössern sie in einem anderen Bereich. Sie gleichen deshalb eher einem Kloster als einem Gefängnis. Das Kloster schränkt die Freiheit ein, aber es bietet auch Schutz vor den Gefahren der Aussenwelt und erlaubt das ungestörte Meditieren. So wie der Pianist künstlerische Freiheit gewinnt, indem er die Tastentechnik im Unbewussten verankert, so gewinnt eine Kultur Freiheit, indem sie gewisse Agressionshemmungen im Unterbewussten verankert.

 

 

Einschränkungen durch die Innenwelt

         Die langfristig etablierten, sich nur langsam im Laufe des Lebens ändernden Einflusszonen der psychischen Instanzen definieren das Mass der inneren Freiheit. Diese Einflusszonen können als grundlegende Einschränkung der individuellen Freiheit betrachtet werden aber auch als eine spezifische Anpassung an die Umwelt, in welcher sich Individualität und damit ein Stück Freiheit ausdrückt.

         Trotz der biochemischen Steuerung von Gefühlen und Bewertungen besteht eine gewisse Freiheit bei der Wahl der Lebensziele, weil die geistige und körperliche Beschäftigung mit einem Ziel auch wieder auf die Biochemie zurückwirkt. Wie gross diese Freiheit ist und welche Rolle dabei die Konstitution (Genetik) und das Bewusstsein spielt ist zurzeit noch wenig geklärt.

 

 

Verantwortung

         Man kann nur für etwas verantwortlich gemacht werden, worüber man auch entscheiden kann. Nach der zurzeit plausibelsten These muss Verantwortung auf der kompatibilistischen Willensfreiheit aufbauen.

         Im Wesentlichen dürfte das Eisbergmodell zutreffen welches besagt, dass nur ein kleiner Anteil der Entscheidungen bewusst gesteuert wird. Ob und in welchem Ausmass der unbewusste Anteil dem Entscheidungsträger zugerechnet werden darf, ist umstritten.

 

 

 

 

 

Danksagung

 

Ich möchte Michael Hampe danken für die wertvollen Hinweise und Anregungen im Zusammenhang mit diesem Aufsatz.

 

 

 

 

 

Zitierte Literatur

 

1.      Ananthaswamy Anil (2012), New chapter opens in free will debate, New Scientist, London, 11 Aug

2.      Bauer Joachim (2015), Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, Karl Blessing, München

3.      Beckermann Ansgar (2005), Haben wir einen freien Willen?, in Philosophie verständlich

4.      Berry Hugues, Cessat Bruno (2010), Chaos im Gehirn, in Spektrum Spezial, Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft, Heidelberg, 60-67

5.      Bieri Peter (2001), Das Handwerk der Freiheit, München

6.      Boltzmann Ludwig (1896), Entgegnung auf die wärmetheoretischen Betrachtungen des Hrn. E.Zermelo, Zusammenfassung von S.G.Brush in Kinetische Theorie Band II, Akademie Verlag Berlin, 1970

7.      Brooks Michael (2011), Physik, Hrsg. Blackburn Simon, Spektrum Akademischer Verlag

8.      Büttner Jean-Martin (1996), Sein oder Nichtsein ist keine Frage mehr, Zürcher Tages-Anzeiger

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12.  DTV Atlas zur Psychologie (1994), 4.Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München

13.  Erdheim Mario (1982), Die gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

14.  GAD (2006), Herausforderungen an die Freiheit im 20.Jh., Tagesseminar in der Helferei Grossmünster in Zürich vom 11.März

a.    Hampe Michael, Gesetzmässigkeit und Freiheit

b.   Guggenheim Josef, Freiheit und Triebschicksal

c.    Strassberg Daniel, Der unglückliche Strukturalist

d.   Vollenweider Franz, Gehirn und Freiheit, Gehirn und Geist, das gefährdete Ich

15.  Eigen Manfred, Winkler Ruthild (1975), Das Spiel, Sonderausgabe 1978, R.Piper & Co.Verlag, München/Zürich

16.  Esfeld Michael (2000), Is Quantum Indeterminism Relevant to Free Will? in Philosophia Naturalis, Band 37, Heft 1, 177-187

17.  Falkenburg Brigitte (2007), Quantentheorie und Kausalität, Deutsche Philosophische Gesellschaft, Arbeitsgruppe Philosophie der Physik

18.  Falkenburg Brigitte (2012), Wieviel erklärt uns die Hirnforschung?, Information Philosophie, Heft 1, Verlag Claudia Moser, Lörrach

19.  Guggenheim Josef (2006), Freiheit und Triebschicksal, Bulletin 2 der GAD, Zürich

20.  Graeff Johannes (2008), Das Darwinsche Paradox der Homosexualität, Neue Zürcher Zeitung Nr.199 vom 27.Aug., Beilage B1, Forschung und Technik

21.  Haas Markus (2007), Kausalität, Corona Magazin 185

22.  Haken Hermann, Knyazeva Helena (2000), Synergetik: zwischen Reduktionismus und Holismus, in Philosophia naturalis Band 37, Heft 1, 21-44

23.  Halligan Peter, Oakley David (2015), Consciousness isn’t all about you, New Scientist, London, 15 Aug, 26-27

24.  Hampe Michael (1996), Gesetz und Distanz, Universitätsverlag C.Winter, Heidelberg

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38.  Roth Gerhard (2006), Wer oder was bestimmt unser Handeln? Artikel von Gerhard Roth

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48.  Vollmer Gerhard (1994), Die vierte bis siebte Kränkung des Menschen, in Aufklärung und Kritik 1, 81 ff.

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52.  Wegner Daniel, Wheatley Thalia (1999), Apparent Mental Causation

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