Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis

 

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Inhalt

 

Zusammenfassung

 

1   Einleitung

2   Religion und Vernunft

     2.1  Konflikte

     2.2  Gemeinsamkeiten

3   Lebensziele

     3.1  Übersicht

     3.2  Liebe und Genuss

     3.3  Macht

     3.4  Gerechtigkeit

     3.5  Erlösung

4   Das Leben als Erkenntnisprozess

     4.1  Vergänglichkeit

     4.2  Traumatische Erfahrungen

     4.3  Stufen der Wirklichkeit

5   Schlussfolgerungen

 

Literatur

 

 

 

 

 

Zusammenfassung

 

 

Ausgangslage

In der Philosophiegeschichte wurde der Begriff Transzendenz auf unterschiedliche Weise verwendet. Gemeinsam ist allen Bedeutungen nur, dass das Überschreiten einer Grenze angenommen wird, welche zwei fundamental verschiedene Bereiche trennt. Die Begriffe „Bereich“ und „Grenze“ sind hier nicht räumlich, sondern geistig zu verstehen; jeder der beiden Bereiche ist durch spezifischen Möglichkeiten der Erfahrung und Erkenntnis charakterisiert.

 

Mit Transzendenz ist oft ist eine Überschreitung der endlichen Erfahrungswelt auf deren göttlichen Grund hin gemeint. Der komplementäre Begriff des Immanenten bezeichnet das in den endlichen Dingen Vorhandene, sie nicht Überschreitende und daher ohne Rückgriff auf Transzendentes Erklärbare (Wikipedia, Transzendenz).

 

Seit dem Zeitalter der Aufklärung konkurrieren religiöse Deutungen der Transzendenz mit säkularen, an den Naturwissenschaften orientieren Deutungen. In diesem Aufsatz wird versucht, die gegensätzlichen Deutungen miteinander zu versöhnen. Als Ausgangslage eignet sich der Hinduismus, weil in den hinduistischen Lebenszielen sowohl religiöse als auch biologische Formen der Transzendenz zum Ausdruck kommen.

 

 

Problemstellung

- Welche Wünsche und Bedürfnisse stehen hinter den Erfahrungen von Transzendenz?

- Wie verändern sich diese Erfahrungen im Laufe des Lebens?

- Welche Konsequenzen hat die Zunahme des ethischen Wissens für die Lebenspraxis?

 

 

Resultat

Die hinduistischen Lebensziele werden als anthropologische Erkenntnis, d.h. als allgemeingültige Charaktermerkmale des Menschen aufgefasst. Die Gewichtung der vier Lebensziele wird massgeblich durch transzendente Erfahrungen bestimmt.

 

Hinter den Erfahrungen von Transzendenz in den Bereichen Liebe und Macht steht die biologische Nutzenfunktion, d.h. sie sind ursprünglich zweckgerichtet. Im Laufe der kulturellen Evolution werden sie teilweise modifiziert (sublimiert) oder in eine Traumwelt verschoben.

 

Die Verschiebung der transzendenten Erfahrungen zu den Lebenszielen Gerechtigkeit und Erlösung hängt mit spezifischen Erlebnissen (Unfälle, Krankheiten, Tod von nahe stehenden Personen usw.) und einem zunehmenden Bewusstsein der Vergänglichkeit zusammen. Je vergänglicher ein Phänomen ist, desto irrealer erscheint es und desto weniger kann man sich daran orientieren.

 

Die Suche nach einer unzerstörbaren Wirklichkeit führt zunächst zur Gemeinschaft und dann zur Mystik:

Gemeinschaft vermittelt Sicherheit, sofern sie die immer gleichen Gesetze (Traditionen) respektiert. Nicht nur religiöse Gesetze können transzendente Erfahrungen vermitteln, sondern auch die praktisch gelebte Tradition des Mitgefühls. Ein rationaler Zugang zum Lebensziel Gerechtigkeit kommt dann zustande, wenn man erkennt, dass ein Teil des Selbst in den anderen lebt.

 

Mystik ist eine spirituelle Form der Selbsthingabe oder Selbstauflösung, welche die Angst vor Verlust und Tod überwindet. Aus psychoanalytischer Sicht kann dies als Regression und Verleugnung der Realität gedeutet werden, aus theologischer Sicht als eine Hilfe zur Anpassung an die Realität.

 

 

 

 

 

1.   Einleitung

 

 

Ausgangslage

In der Philosophiegeschichte wurde der Begriff Transzendenz auf unterschiedliche Weise verwendet. Gemeinsam ist allen Bedeutungen nur, dass das Überschreiten einer Grenze angenommen wird, welche zwei fundamental verschiedene Bereiche trennt. Die Begriffe „Bereich“ und „Grenze“ sind hier nicht räumlich, sondern geistig zu verstehen; jeder der beiden Bereiche ist durch spezifischen Möglichkeiten der Erfahrung und Erkenntnis charakterisiert.

 

Mit Transzendenz ist oft ist eine Überschreitung der endlichen Erfahrungswelt auf deren göttlichen Grund hin gemeint. Der komplementäre Begriff des „Immanenten“ bezeichnet das in den endlichen Dingen Vorhandene, sie nicht Überschreitende und daher ohne Rückgriff auf Transzendentes Erklärbare (Wikipedia, Transzendenz).

 

Seit dem Zeitalter der Aufklärung konkurrieren religiöse Deutungen der Transzendenz mit säkularen, an den Naturwissenschaften orientieren Deutungen. In diesem Aufsatz wird versucht, die gegensätzlichen Deutungen miteinander zu versöhnen. Als Ausgangslage eignet sich der Hinduismus, weil in den hinduistischen Lebenszielen sowohl religiöse als auch biologische Formen der Transzendenz zum Ausdruck kommen.

 

 

Problemstellung

1.      Welche Wünsche und Bedürfnisse stehen hinter den Erfahrungen von Transzendenz?

2.      Wie verändern sich diese Erfahrungen im Laufe des Lebens?

3.      Welche Konsequenzen hat die Zunahme des ethischen Wissens für die Lebenspraxis?

 

 

 

 

2.   Religion und Vernunft

 

 

2.1  Konflikte

 

§  Ungefähr im 6.Jh. vor Chr. beginnt die indische und griechische Philosophie die sinngebende Funktion der Religion zu konkurrieren. Das Ziel (Befreiung vom Leiden) wird von der Vernunft gesetzt und kann mit Rationalität (deduktiv) verfolgt werden. Durch diese Verbindung von Gefühl (Befreiung) und Verstand schafft Philosophie ein Angebot an Lebenssinn. Die personifizierten Gottesvorstellungen des Polytheismus werden durch abstraktere, pantheistische Konzepte herausgefordert. Die Vertreter dieser Konzepte geraten in Konflikt mit der religiösen Tradition und die Philosophie erhält dadurch einen subversiven Charakter. Der Buddhismus, obwohl er keine gesellschaftlichen Machtansprüche stellt, steht in Konflikt mit dem Brahmanismus, die sokratische Wahrheitssuche steht in Konflikt mit den Vertretern der antiken Götterwelt. Die Durchsetzungskraft des Stoizismus verschafft der Vernunft-Ethik schliesslich eine gesellschaftlich anerkannte Stellung. In der römischen Gesellschaft erreicht sie ihren Höhepunkt durch das Bekenntnis Mark Aurels zur Stoa.

 

§  Unter dem Einfluss des Christentums gerät die antike Philosophie in Vergessenheit und wird erst im Zeitalter der Renaissance wieder entdeckt. Der pantheistische Standpunkt der Stoa wird neu belebt und gestärkt durch den Erkenntnisfortschritt der Naturwissenschaften. Die jetzt beginnende Entwicklung verläuft ähnlich wie diejenige im Zeitalter des Buddha und Sokrates. Obwohl Spinoza eine geniale Verbindung von Naturwissenschaft und Ethik gelingt, gerät er in Konflikt mit den Vertretern der Kirche; die Philosophie entwickelt erneut einen subversiven Charakter.

 

§  Im 19.Jh. wird die exklusive Stellung der Vernunft ironischerweise durch den Aufklärer Sigmund Freud erschüttert. Die Patienten werden in der Freudschen Psychoanalyse mit der Macht des biologischen Wertsystems konfrontiert. Die Methode der freien Assoziation führt zu einer Renaissance von Konflikten, welche im Polytheismus auf Götter projiziert wurden. Der Polytheismus bildet die Strukturen der Psyche besser ab als der (mit der Vernunft verwandte) nach Widerspruchlosigkeit strebende Monotheismus. Das quasi-religiöse Ziel der Philosophie ändert sich beim Übergang von Spinoza zu Freud in ein Therapieziel wie z.B. die Heilung von Hysterie. Psychoanalyse ist zwangsläufig individualistisch und tendiert zu einer politischen Forderung nach maximaler individueller Freiheit. Sie kann aus diesem Grunde auch nie die normierende und schützende Funktion der Religion ersetzen. Realitätssinn ist in der Psychoanalyse wichtiger als Trost und Geborgenheit. So ist etwa nach Freud der Patient geheilt, wenn neurotisches Elend in reales Elend umgewandelt ist. Die Suche nach dem Lebenssinn wird dem Einzelnen überlassen. Das Ausklammern bzw. die Individualisierung des Lebenssinnes in der Therapie entspricht weitgehend den liberalen gesellschaftlichen Normen (Meinungs- und Religionsfreiheit). In totalitären Systemen hat die Psychoanalyse demgegenüber einen deutlich subversiven Charakter.

 

§  Das naturwissenschaftliche Weltbild hat einen direkten Einfluss auf die Lebenspraxis, indem es mit religiösen Deutungen der Welt konkurriert. Kompensationen des Leidens durch Glückszustände im Jenseits werden in Frage gestellt. Der Sinn des Lebens wird nicht von „höheren“ Prinzipien bestimmt. Für viele Menschen war und ist der Abschied von der Religion ein Abschied von starken und tiefgründigen Gefühlen. Es ist ein Abschied von Trost, Sicherheit und Geborgenheit in einem übergreifenden Lebenssinn. Menschen, welche eine persönliche Beziehung zu Gott brauchen, verarbeiten den Verlust des Glaubens ähnlich wie den Tod der wichtigsten Bezugsperson. Für sie ist eine Kultur, welche keinen Lebenssinn anbietet krank und die Depression eine normale Reaktion. In Gesellschaften wie der ehemaligen Sowjetunion wurden umgekehrt solche Menschen als krank diagnostiziert und die atheistische Staatsideologie als normal. Das atheistische Sinnangebot ist der Glaube an den wirtschaftlich-technischen Fortschritt, welcher den Individuen ein zunehmend besseres Leben in Aussicht stellt. Auf der emotionalen Ebene ist dies jedoch kein Religionsersatz.

 

 

 

2.2      Gemeinsamkeiten

 

There are numerous similarities in the myths of East and West, particularly in the sacred texts of Buddhism and Christianity [Sick, 253].

 

 

Monotheismus

§  In India the whole tenor of literature changed when the polytheism decayed, or was absorbed, into the monistic framework. All subsequent Indian literature is saturated with the monistic view. Yet in Greece, literature in general continued the polytheistic view of Homer and Hesiod as if the monistic revisions of Xenophanes and others had never occurred. [McEvilley, 61]

§  Nach der monistischen Wende unterscheidet man im Hinduismus zwischen dem einen Gott und den (mannigfaltigen) Erscheinungsformen Gottes_

-        Brahman (der eine und einzige Gott) ist in den meisten Hindu Philosophien ein metaphysisches Konzept, nicht definierbar in Raum und Zeit.

-        Bei der Trimurti und allen untergeordneten Gottheiten handelt es sich lediglich um verschiedene Erscheinungsformen des einen Gottes. Das Konzept der Erscheinungsformen erklärt auch die im Hinduismus verbreitete Meinung, dass die verschiedenen Religionen nur verschiedene Wege zum selben Ziel sind.

-        Die Upanishaden könnte man als eine Symbiose von Philosophie und Religion bezeichnen.

§  In der Tradition der Aufklärung haben die Naturgesetze sicher die überragende Stellung eines allmächtigen Gottes. Man kann ihnen entweder keine Attribute zuschreiben oder diejenigen ihrer Auswirkungen (Erscheinungsformen):

-        Keine Attribute: Der Pantheist Spinoza beschreibt die (göttlichen) Naturgesetze als indifferent gegenüber Glück und Leiden.

-        Attribute der Erscheinungsformen: Die Auswirkungen der Naturgesetze sind (wie der allmächtige Gott im alten Testament) sowohl gut, als auch Furcht erregend.

§  Auch die jüdische und muslimische Tradition kennen den allmächtigen Gott als nicht-personale Entität. Der Unterschied zwischen der Philosophie und den Offenbarungs-Religionen liegt vor allem darin, dass die Erscheinungsformen des allmächtigen Gottes (bzw. der Naturgesetze) von der Vernunft nicht gleich erfahren werden wie von den Propheten und dass die Offenbarungen oft keinen Interpretations-Spielraum zulassen. Die Flexibilität des Hinduismus erleichtert demgegenüber den Zugang zur abendländischen Philosophie.

 

Für ein detailliertes Diagramm zur Evolution der Religionen hier klicken.

 

 

Wiedergeburtslehre

§  Several scholars have suggested that the Pythagorean doctrine of transmigration of the soul was learned from Indians whom the holy man encountered in Babylon [Sick, 264].

 

§  Die Wiedergeburtslehre des Hinduismus gilt als unwissenschaftlich und überholt. Aus wissenschaftlicher Sicht stimmt dies zwar für das Konzept einer persönlichen Seele (siehe Reinkarnation), nicht aber für die Perspektive der Gene. Das Konzept der Original Position ist die Grundlage einer zeitgemässen Reinkarnations-Ethik:

-        Es ist nicht mehr eine Seele, welche wiedergeboren und einem Lernprozess unterworfen ist, aber es sind Gene, welche wiedergeboren werden und einem Lernprozess unterworfen sind. Der genetische Unterschied zwischen den Menschen beträgt nur ca. 0.1 % (siehe Mendel und die Mathematik der Vererbung); d.h. Menschen werden genetisch zu 99.9 % reinkarniert.

-        Es gibt zwar viele Funktionen in unserer Psyche und in unserem Körper, die von einer ganz bestimmten Genkombination und Lebensgeschichte geprägt sind, aber die Leidensfähigkeit haben wir mit allen Menschen gemeinsam. Insofern lebt ein Teil unseres Selbst in den anderen.

-        Eine ähnliche Überlegung gilt auch für die Beziehung zwischen Menschen und leidensfähigen Tieren. Die genetische Übereinstimmung mit gewissen Primaten beträgt bis zu 98%. Selbst mit Mäusen gibt es noch eine Übereinstimmung von 91%:

 

 

 

 

 

Dieses Diagramm ist dem Internet entnommen (Autor unbekannt)

 

 

Aufklärung

Zwischen Ethik welche sich an der Aufklärung orientiert und dem Buddhismus gibt es mannigfache Bezüge. Der wichtigste ist folgender:

Aktuelle und überlieferte Leidenserfahrungen werden als Ausgangspunkt eines Erkenntnisprozesses verwendet welcher die Ursachen des Leidens ergründen und Gegenmittel finden soll.

Der Buddhismus kann als eine Art Aufklärung innerhalb des Hinduismus gelten, aus folgenden Gründen:

         Die Mythen und die Götterwelt wurden ablehnt oder umgedeutet und die Wiedergeburtslehre revidiert.

         Das Kastensystem der Hindus wurde durch die buddhistische Autonomie des Individuums herausgefordert. Buddha kritisierte u.a. auch die traditionelle hinduistische Zwangsheirat (Ajasattu, Wikipedia)

         In der Bewegung des Mahajana-Buddhismus wurde Chancengleichheit in Bezug auf das Lebensziel Erlösung angestrebt.

 

Der vorliegende Aufsatz beginnt mit den hinduistischen Lebenszielen und versucht dann den Erkenntnisprozess – welcher zu einer hierarchischen Ordnung dieser Ziele führte – in die heutige Zeit zu übertragen.

 

 

 

3.   Lebensziele

 

 

3.1  Übersicht

 

 

Definition

In der heutigen Zeit ist die Vielfalt der Lebensziele fast unüberblickbar. Um den Begriff Lebenspraxis etwas konkreter untersuchen zu können, muss man versuchen, diese Vielfalt auf ein paar einfache Grundstrukturen zurückzuführen. Die folgende Struktur der Lebensziele (Purusartha) ist dem Hinduismus entnommen und beruht auf einer mehrtausendjährigen Erfahrung. Sie ist in diesem Sinne eine Erkenntnis in Bezug auf die grundlegenden Charakter-Merkmale des Menschen, ein Resultat der Anthropologie.

 

Der Hinduismus formuliert vier Lebensweisen bzw. Lebensziele:

1)      Der Genuss von Sinnesfreuden (Kama)

2)      Der Erwerb und die Weitergabe von materiellem Wohlstand im Rahmen von Familie und Gesellschaft. (Artha)

3)      Ein rechtschaffenes Leben im Einklang mit moralischen Grundsätzen (Dharma).

4)      Die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und aus der fundamentalen Unwissenheit (Moksha).

Das dritte Lebensziel gilt als Grundlage, das letzte wird als das höchste eingestuft. Es gilt als erstrebenwert alle vier Ziele im Auge zu behalten und ein ausgewogenes Maß von allen vier Lebensweisen zu verwirklichen (Lexikon Hinduismus)

Die Lebensziele (Purushartas) sind den Veden entnommen. Nachfolgend eine Übersicht:

 

 

 

Liebe und Genuss

Kama

Vitales Ziel

das Angenehme

Macht

Artha

Ökonomisches Ziel

das Nützliche

Gerechtigkeit

Dharma

Ethisches Ziel

das Gerechte

Erlösung

Moksha

Ultimatives Ziel

die Erlösung

 

 

 

Die Erweiterung der Identität durch die Lebensziele Dharma und Moksha steht im Zentrum der hinduistischen Ethik. Die Gewichtung dieser Ziele ist aber nicht fix vorgegeben, sondern abhängig von den Lebensphasen (siehe Kap.4.1).

 

 

Charakter

Die hinduistischen Lebensziele lassen sich relativ gut mit Charakter-Eigenschaften in Verbindung bringen, welche aus der Faktorenanalyse des Interaktions-Verhaltens bekannt sind (siehe Konkurrierende Lebensziele).

Diese Charaktereigenschaften haben einen massgebenden Einfluss auf die Gewichtung der Lebensziele und auf das Weltbild. Umgekehrt wirkt die Wahl Lebensziele bzw. das Weltbild auch wieder auf den Charakter zurück. Charaktereigenschaften sind (abgesehen von der genetischen Komponente) langfristige Anpassungen an die Innen- und Aussenwelt und lassen sich meist nur langfristig verändern. Nebst der Dauer ist die Intensität von Erfahrungen massgebend für die Gewichtung der Lebensziele in der Psyche. Möglicherweise stellen transzendente Erlebnisse sogar den emotionalen Kern des Charakters dar und entscheiden darüber, ob eine Anpassung erfolgreich verläuft.

 

 

 

 

3.2  Liebe und Genuss

 

§  Hinter dem Phänomen Liebe steht ursprünglich die biologische Nutzenfunktion, d.h. die Zielsetzung, die Replikation der Gene zu maximieren. Die Liebe ist deshalb als Suchtmechanismus konzipiert, welcher nach Expansion drängt. Das Streben nach Liebe und Genuss ist ähnlich wie das Machtstreben einem Konkurrenzkampf unterworfen. Im Hinduismus wird das Lebensziel Kama mit der Kunst verbunden, seine Bedürfnisse nach Genuss zu befriedigen. Zu Bewältigung des Konkurrenzkampfes dient eine Typologie der menschlicher Gefühle und Reaktionen, vergleichbar mit derjenigen von Theophrastos (einem Schüler von Aristoteles) oder des französischen Moralisten La Bruyère. Als Quintessenz konstatiert La Bruyère, daß Egoismus, Geltungssucht und Eigennutz die wahren Handlungsmotive der Menschen sind.

 

§  Dieser nüchternen Sichtweise steht die Erfahrung der Transzendenz in der Liebe gegenüber. Bei der uneigennützigen (wahren) Liebe ist das Gemeinsame so stark, dass die Autonomie-Bedürfnisse in den Hintergrund treten. Im Zustand der Verliebtheit werden die positiven Eigenschaften des Partners oft überhöht und bis ins Göttliche verzerrt. Dabei werden auch die Grenzen zur Magie überschritten:

-          Die Zeit scheint still zu stehen

-          Das Zirpen der Grillen wird zur Musik, die Natur ist in perfekter Harmonie

-          Licht scheint aus dem Inneren der Objekte zu strömen

-          Alles erhält eine geheime Bedeutung

Im Hinduismus wird der Liebe ein eigener Gott (Kama) zugeschrieben, sodass der Name des Lebenszieles immer noch die Sehnsucht nach göttlichen Gefühlen ausdrückt.

 

§  Auch bei anderen, scheinbar selbstlosen Formen der Liebe gibt es diese Diskrepanz zwischen phänomenaler Erfahrung und wissenschaftlicher Erklärung. Die selbstlose Liebe der Eltern gegenüber ihren Kindern lässt sich z.B. durch Verwandtenselektion erklären. Aber der Suchtmechanismus des Lebens kennt auch dysfunktionale (nicht dem biologischen Ziel dienende) Ausprägungen. Da die Evolution teilweise ungerichtet fortschreitet, sind dysfunktionale Phänomene weit verbreitet. Im Hinduismus wird der Begriff Kama nicht nur mit Liebe, sondern mit vielfältigen Formen von Spontaneität, Genuss und Ekstase assoziiert. Starke Präferenzen dieser Art bilden die Grundlage für das Weltbild des Hedonismus.

„In zwei Zuständen nämlich erreicht der Mensch das Wonnegefühl des Daseins, im Traum und im Rausch“.

Diesen Satz findet man in Die dionysische Weltanschauung von Nietzsche, beim Einstieg in Die Geburt der Tragödie.

Dass Nietzsche dem Rauschzustand wohlgesinnt war, zeigt auch folgende Textstelle [Nietzsche]:

„…so tun wir einen Blick in das Wesen des Dionysischen, das uns am nächsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht wird. Entweder durch den Einfluss des narkotischen Getränkes, von dem alle ursprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjektive zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet.“.

 

§  Die biologische Glückssuche ist mit denjenigen Risiken verbunden, welche zum Begriff der Leidenschaft geführt haben. Traum und Drogenrausch vermeiden diese Risiken und ermöglichen eine risikoärmere Art der Transzendenz (zumindest bei weichen Drogen). Das Weltbild mit der engsten Beziehung zum Traum ist wahrscheinlich die Romantik. Zwischen dem Hedonismus und der Romantik gibt es insofern eine Verbindung, als der Lebenssinn im Gefühl gesucht wird. In der Romantik sind die Gefühle aber melancholisch gefärbt, d.h. sie drücken eine Distanzierung und Entfremdung von dieser Welt aus. Nicht nur die gesellschaftlichen Machtstrukturen (welche die Liebe verhindern) sondern auch das rationale Denken werden als „fremde“ Macht und als Hindernis zur Entfaltung der Gefühle gesehen. Um Gefühle entdecken zu können, muss die reale Welt in eine irreale transzendiert werden, auch wenn dies nur in der Phantasie möglich ist. In dieser Traumwelt können die Wünsche und Sehnsüchte erfüllt werden, welche an der Realität scheitern.

 

§  Nach den Drogen [Huxley][Wolfe] ist wahrscheinlich die Musik die intensivste kulturelle Möglichkeit transzendente Erfahrungen zu machen.

Die ungestillte Sehnsucht, welche in der Romantik zum Ausdruck kommt, ist eine Sehnsucht nach Vollkommenheit und Unvergänglichkeit, eine Suche nach dem Göttlichen in der menschlichen Liebe. Die Romantik ist nicht nur eine kulturgeschichtliche Epoche, sondern eine Gefühlswelt, welche in verschiedenen Zeitperioden und Formen weiterlebt:

 

 

 Stil

Komponist

Interpret/in

 Titel

 Klassik

Niccolo Paganini (*1782)

D.Garrett

  Io Ti Penso Amore

 Pop

Sting (*1951)

G.Sumner

  Fields of Gold

 Ethno

Shankar Tucker (*1988) 

R.Ravada

  Aaj Jaane Ki Zid Na Karo

 Jazz

Joseph Kosma (*1905) 

E.Cassidy

  Autumn Leaves

 

 

 

3.3  Macht

 

§  Die Mechanismen zur Machtentfaltung wurden schon früh erforscht um den entsprechenden Herausforderungen besser gewachsen zu sein. Nachstehend ein paar Hinweise:

-     Im Hinduismus wird Artha mit der Kunst verbunden, sich im Konkurrenzkampf zu behaupten.

-     Die chinesischen Strategeme

-     Thukydides: Der Peloponnesische Krieg.

-     Macchiavellis Il Principe

Dieser nüchternen, strategisch-taktischen Sichtweise steht die Erfahrung der Transzendenz im Kampf gegenüber. Menschen mit einem dionysischen Lebensstil (abgeleitet von der mythischen Gestalt Dionysos) folgen nach Nietzsche bedingungslos ihrem Lebens- und Machtwillen. Das Dionysische ist der Gegenpol des Kontrollierten und Kontrollierbaren.

 

§  Wie auch bei der Liebe steht hinter dem Phänomen Macht ursprünglich die biologische Nutzenfunktion, d.h. die Zielsetzung, die Replikation der Gene zu maximieren. Die Machtentfaltung nach biologischen Gesetzen führt zu einem gewalttätigen Austragen von Konkurrenzkämpfen bzw. zu einem mitleidlosen Sozial-Darwinismus. Individuen können sich aber zu grossen Machtblöcken zusammenfinden wenn damit die Chancen der Mehrheit verbessert werden. Weil die Organisation grosser Gemeinschaften nach innerer Kontrolle verlangt, entlädt sich das Anarchische im Verhalten gegenüber Aussenstehenden. Philosophen und Theologen entwerfen in solchen Situationen Weltbilder, welche erlauben die Grenzen zu überschreiten: „Transzendenz ist der Komplize des Faschismus“ (Adorno). Interessant sind die Parallelen zwischen den Machtphantasien bei Nietzsche und Hitler einerseits und D’Annunzio und Mussolini anderseits:

D´Annunzio, Philosoph der Selbstüberwindung und Propagandist des Übermenschen beeinflusste eine ganze Epoche italienischer Literaturgeschichte und entwickelte die äußeren Formen und die Rituale des Faschismus (Gabriele d’Annunzio – Philosophie und Politik).

 

§  Von Hitler wissen wir, dass er auf Rezept seines Leibarztes Theo Morell eine chronische Nasennebenhöhlen-Entzündung gleichzeitig mit Speed und Kokain zu kurieren versuchte [Gehriger][Ohler]. Wie auch bei Hitler ist bei D’Annunzio eine Abhängigkeit von der Fliegerdroge Kokain dokumentiert. Damit erhält die Vorstellung von der Transzendenz im Kampf eine zusätzliche Dimension. Bei Nietzsche wird z.T. die bewusstseinserweiternde und alle moralischen Normen sprengende Wirkung seiner Philosophie mit Drogen assoziiert [Bertaux, 7]. Dazu das passende Zitat:

Die jeweilige Art zu denken, die Philosophien der Philosophen sind nach Nietzsche auch aus deren körperlicher und geistiger Verfassung sowie ihren individuellen Erfahrungen abzuleiten (Nietzsche, Wikipedia).

 

§  Der kriegerische Machtkampf ist mit immensen Risiken verbunden, welche Angst erzeugen. Es gibt deshalb genug Gründe, um risikoärmere Formen des Machtstrebens zu suchen und zu pflegen. Unter Macht wird jede Form von Einflussnahme verstanden, nicht nur diejenige, welche sich aus kriegerischer Überlegenheit und materiellem Reichtum ergibt. Während Alkohol und Kokain bekanntermassen zu Selbstüberschätzung führen, hat die reale Steigerung der menschlichen Fähigkeiten durchaus einen biologischen Sinn. Überlegene Fähigkeiten verbessern die Überlebens-Chancen – Götter leben ewig.

-     Zivilisierte Formen des Wettkampfes können teilweise die transzendenten Erfahrungen eines existentiellen Kampfes ersetzen.

-     Die Überlebens-Chancen werden nicht nur durch physische Dominanz, sondern auch durch eine bessere Anpassung an die Umwelt verbessert. Die Perfektionierung des Wissens und der Fertigkeiten ist eine mehr oder weniger bewusste risikoarme Form des Machtstrebens. In einer technologisch orientierten Welt verfügen Spezialisten oft über mehr Macht als ihre Vorgesetzten.

-     Wie weit transzendente Erfahrungen durch Steigerung auf einer dysfunktionalen, d.h. nicht zweckorientieren Scale of Excellence erreicht werden können wurde z.B. von Iris Murdoch näher untersucht [Tugendhat 2007, 30]. Insbesondere die unabhängigen Forscher und Künstler sind oft fasziniert von den unendlichen Möglichkeiten, die sich vor ihnen auftun.

 

 

 

3.4  Gerechtigkeit

 

 

Tragische Sicht

§  Der Begriff tragische Sicht wird hier verstanden als Akzeptieren der Welt „so wie sie ist“, mit all ihrem Leiden. Transzendente Erfahrungen bei der Betrachtung der Welt können dann entstehen, wenn man sie als Resultat eines göttlichen Willens sieht. Das wird deutlich am Begriff des hinduistischen Dharma, welcher nicht nur eine soziale Ordnung darstellt, sondern auch vollkommen religiös durchdrungen ist. Das Dharma stellt eine überindividuelle Identität dar, welche die Eigeninteressen einschränkt und die gesellschaftlichen Konflikte entschärft. Es ist das Bild einer idealen Gesellschaft, in welcher jeder seinen vorbestimmten Platz hat. Die traditionelle indische Wiedergeburtslehre ist der Hauptgrund dafür, dass das Kastenwesen von den Hindus als gerecht empfunden wird. Die gesellschaftlichen Pflichten wirken in alle Bereiche hinein (siehe Sadharana Dharmas, allgemeine Verhaltensregeln der Hindus) und gelten ein Leben lang. Das Kastensystem zeigt exemplarisch die Grundidee des Strukturalismus. Das Verhalten, die Gefühle und das Wissen der Menschen werden stark von der Struktur bestimmt. Die Identifikation mit dem Dharma entspricht einem mystischen Aufgehen in der Struktur.

 

§  Ein Beispiel, welches die Verbindung des göttlichen Willens mit dem Begriff Gerechtigkeit dokumentiert, ist in der Bhagavad Gita zu finden:

„So oft ein Niedergang des Dharma (Rechtschaffenheit, Tugend) und ein Überhandnehmen von Ungerechtigkeit und Laster in der Welt eintritt, erschaffe ich mich selbst unter den Kreaturen. So verkörpere ich mich von Periode zu Periode für die Bewahrung der Gerechten, die Zerstörung der Boshaften und die Aufrichtung des Dharma.“

Der Mensch ist ein Werkzeug im Dienste dieses höheren Willens und muss seiner Pflicht nachkommen. Religiöse Legitimation verstärkt die Vorstellung vom „gerechten Krieg“:

Die Söhne des Fürsten Pandu werden von ihrem Onkel Dritarashtra aus dem Stamm der Kurus und von dessen Söhnen um ihren rechtmäßigen Thronanspruch betrogen und immer wieder Verfolgungen ausgesetzt. Schließlich kommt es auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra, der „Stätte der Kurus“, zu einer großen Schlacht. Arjuna, der dritte der Söhne des Pandu, befindet sich in einem persönlichen Konflikt zwischen der Zuneigung zu seinen Verwandten auf der Gegenseite und seiner Pflicht als Fürst und dem rechtmäßigen Anspruch seiner Familie auf Land und Thron. Er ist „von Furcht überwältigt“ und weigert sich zu kämpfen. Auf seinem Streitwagen befindet sich Krishna als Wagenlenker. Dieser versucht Arjuna durch religiös-philosophische Unterweisung aus seinem Zwiespalt zu befreien und zum Kampf zu bewegen.

 

§  Das Mahabharata Epos, aus welchem die Bhagavad Gita entnommen ist, entspricht ungefähr Nietzsches apollinischer Abbildung der Wirklichkeit, d.h. einer Umwandlung von Gefühlen in eine Formensprache. Dazu folgendes Zitat aus Die Geburt der Tragödie:

„Ja es wäre von Apollo zu sagen, daß in ihm das unerschütterte Vertrauen auf jenes principium und das ruhige Dasitzen des in ihm Befangenen seinen erhabensten Ausdruck bekommen habe, und man möchte selbst Apollo als das herrliche Götterbild des principii individuationis bezeichnen, aus dessen Gebärden und Blicken die ganze Lust und Weisheit des "Scheines", samt seiner Schönheit, zu uns spräche.

Auch hier entsteht Transzendenz erst durch die Verbindung der Gefühle mit einer göttlichen Instanz.

 

 

Wissenschaftliche Sicht

§  Wissenschaftliche Erkenntnis ist verwandt mit der apollinischen, sucht aber nach allgemeingültigen Kriterien der Beschreibung. Wissenschaftliche Weltbilder sind der gefühlsmässigen Indifferenz verpflichtet und erlauben nur insofern eine positive Bewertung, als sie ästhetische Bedürfnisse befriedigen:

-       Pantheisten bewundern die Schönheit und Allgegenwart der Naturphänomene.

-       Spinozas Gott ist indifferent gegenüber dem Leiden. Trotzdem bewertet Spinoza die Naturgesetze nicht neutral sondern mit moralischen Begriffen wie gut und notwendig. Das Erkennen der unvergänglichen Naturgesetze wird zu einem Erkennen Gottes und kommt einer Vereinigung mit Gott gleich.

-       Auch viele Wissenschaftler der Aufklärung und des Humanismus betonen in ihrer Bewertung die funktionale und strukturelle Ästhetik der Welt, ihre Logik und Gesetzmässigkeit.

In all diesen Fällen gilt: „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“.

 

§  Die zeitgemässe Auffassung von Gerechtigkeit ist ein Gesellschaftsvertrag mit einem Konsens bezüglich der Wohlfahrtsfunktion. In einem idealen Vertrag wird ein unparteiischer Standpunkt gesucht, z.B. mit der Idee der Original Position und der Anwendung der Spieltheorie. Weil der Gesellschaftsvertrag an die normative Kraft der Vernunft und nicht an gemeinsame Gefühle appelliert, wird jedem Individuum seine eigene Art zugestanden, transzendente Erfahrungen zu machen; die Religion wird privatisiert. Aus der Sicht des Wettbewerbes (von Weltanschauungen) kann die Trennung von Religion und Staat aber ein Nachteil sein. Die Stabilität des Systems wird zwar verbessert, wenn man trennende starke Gefühle privatisiert, sie ist aber noch deutlich grösser, wenn starke Gefühle übereinstimmen und öffentlich gemacht werden (wie z.B. bei den Offenbarungs-Religionen)

 

 

Die Sicht des Mitgefühls

§  Im Christentum und vielen anderen Religionen wird Gerechtigkeit erst im Jenseits geschaffen, z.B. in der Form eines transzendenten Jüngsten Gerichtes. Die Gläubigen gehen davon aus, dass hinter dem irdischen Leiden ein göttlicher Plan steht, den die Menschen nicht verstehen können oder dürfen. In der christlichen Ethik spielt die Nächstenliebe eine zentrale Rolle. Wenn der Gläubige nach dem „göttlichen Gesetz“ lebt, dann kann er Transzendenz in der selbstlosen Liebe erfahren. Der unbeirrbare Einsatz für die christliche Gerechtigkeit (d.h. für die Leidenden) wird durch eine beständige Art von Glück belohnt, auch wenn das Ziel im Diesseits nie erreicht werden kann.

§  Im Buddhismus ist soziale Gerechtigkeit insofern von Bedeutung, als alle leidensfähigen Lebewesen miteinander verbunden sind. Gemäss Anleitung des Buddha soll niemandem materielle oder spirituelle Unterstützung versagt werden, wenn dies notwendig und möglich ist. Dieses Verhalten ist aber nicht an einen Fortschrittsglauben gebunden. Im Buddhismus gibt es weder eine Aussicht auf soziale Gerechtigkeit in dieser Welt, noch eine Kompensation im Jenseits. Gerechtigkeit wird durch die (aus heutiger Sicht) unplausible Wiedergeburtslehre hergestellt.

§  Die Sicht des Mitgefühls lässt sich mit dem Konzept der Original Position in eine Sicht des Risikos transformieren, sodass eine ähnliche Situation entsteht wie beim hinduistischen Risiko einer schlechten Reinkarnation. Das Dharma verstehen heisst dann:

-     Erkennen, dass ein Teil des Selbst (99.5% der Gene) in den künftigen Generationen weiterlebt

-     Erkennen, welche Gesetze das Leben für die künftigen Generationen erträglicher machen

In diesem Sinne verbessert die Einhaltung des Dharma die Chance auf eine günstige Wiedergeburt.

 

 

Verbindung zur christlichen Ethik

Der „egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben, von autonomer Lebensführung und Emanzipation, von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie entsprungen sind“, ist für Habermas „unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik“ (Habermas, Wikipedia).

Aus dieser Sicht können wir den Entscheidungsträger in der Original Position, welcher die Gesetze des Zusammenlebens erlässt, als metaphysische Instanz deuten. Wenn dieser Entscheidungsträger eine mitfühlende Haltung einnimmt und damit die Schwächeren (und die vom Schicksal getroffenen) schützt, dann kann er durchaus als christlicher Gott verstanden werden. Dass die metaphysische Instanz aus dem Zusammenwirken aller Individuen entsteht, welche diese Ethik unterstützen, tut der Deutung keinen Abbruch. Sie entspricht der modernen christlichen Auffassung dass die Menschen ihr Schicksal selbst beeinflussen können, dass das Christentum eine Religion der guten Tat (d.h. praxisorientiert) ist und die Menschen nicht auf ein Zeichen von oben warten sollten.

Dass der „menschliche“ Gott von einem Vatergott geschaffen wurde lässt sich so deuten, dass die „höchste Wirklichkeit“ (die Naturgesetze) einen menschlichen Geist geschaffen hat, welcher Mitgefühl als vernünftige Lebenshaltung erkennen kann. Der Vatergott ist (dem alten Testament entsprechend) nicht nur gut, sondern auch furchterregend, der Sohn ist (dem neuen Testament entsprechend) ein Gott des Mitgefühls.

 

 

 

3.5  Erlösung

 

 

Moksha

-        Moksha bedeutet im Hinduismus und Buddhismus Erlösung, Befreiung und wird oft auch als Erleuchtung bezeichnet (…) Moksha beinhaltet die Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt (Samsara) und stellt das letzte Ziel des menschlichen Lebens dar. Zwar gibt es auch im Hinduismus eine Vorstellung vom Himmel, den eine Person mit gutem Karma nach dem Tod des Körpers genießen kann, dieser ist jedoch nur vorübergehend (…) Für die Anhänger des Advaita-Vedanta kann Moksha nur während des menschlichen Lebens erreicht werden, nicht nach dem Tode. Es heißt, dass zu diesem letzten Ziel selbst die Devas, die Himmlischen, erst als Mensch geboren werden müssten, da nur im menschlichen Leben Erlösung erreicht werden kann. Ihr Dasein im "himmlischen" Zustand ist nicht unendlich. Andere dagegen, besonders Gläubige in der dualistischen Bhakti-Tradition, nehmen an, dass man erst nach dem Tod durch Gottes Gnade Moksha erfahren kann (…).Wenn temporäre Erleuchtungserlebnisse gemeint sind, ist von Samadhi die Rede (Moksha, Wikipedia).

Die Erfahrung, dass nicht nur Menschen sondern auch Kulturen altern, erkranken und sterben führte im Hinduismus zur Überzeugung, dass alles aus einem Mysterium entsteht und wieder dahin zurückgeht. Das Mysterium ist kein Nichts, weil es in der Lage ist, belebte Welten zu produzieren. Es wird deshalb als eine spirituelle Form von Existenz gesehen.

-        Der Buddhismus übernahm die traditionelle hinduistische Vorstellung von einer Scheinwelt, welche überwunden werden muss, aber nicht die Vorstellung von der Wirklichkeit, welche dahinter steht. In buddhistischer Sicht besteht das Nirvana nicht als Örtlichkeit. Es ist kein Himmel und keine greifbare Seligkeit in einem Jenseits. Nirvana ist ein Abschluss, kein Neubeginn in einer anderen Sphäre. Somit ist es ein Zustand der Zustandslosigkeit, in dem alle Vorstellungen und Wunschgebilde gleichsam überwunden und gestillt sind (aus Nirvana, Wikipedia).

-        Bei den Hindus ist das Lebensziel Erlösung und damit der Austritt aus der Leistungsgesellschaft insofern dem Dharma untergeordnet, als es im letzten Teil des Lebens eingeplant wird. Es entbindet also nicht von den sozialen und religiösen Verpflichtungen im Jugend- und Erwachsenenalter. Die Religion schafft aber spezifische Rollen, welche einen vorzeitigen Rückzug erlauben. Die Toleranz bzw. der Respekt gegenüber Asketen und Mystikern ist gross.

Für einen zeitgemässen, rationalen Zugang zur Weltverneinung siehe The Denial of the World from an Impartial View.

 

 

Mystik

Mystik ist ein Ort der Ruhe und Besinnung in einem Leben, welches von den Maximalforderungen der Biologie und der kulturellen Selbstverwirklichung geprägt ist.

Menschen haben im Gegenzug zu diesem „immer weiter“ auch nach einem andern Willens- und Zeitbezug gestrebt, der diesem ersten entgegengesetzt ist:

-        statt „immer mehr“ -> Innehalten und Beständigkeit

-        statt Insistieren auf dem Gewünschten -> Zurücktreten vom eigenen Wollen.

[Tugendhat 2007, 194]

Mystik ist ein Hilfsmittel, um die Erlösung zu erreichen. Erlösung ist primär Erlösung vom Leiden, insbesondere vom Leiden der Vergänglichkeit. Man kann den Sinn des Lebens in der Liebe zu einer Person, in der Liebe zur Familie oder in einer beruflichen Aufgabe sehen, muss dann aber verzweifeln, wenn dieser Bezugspunkt verloren geht. Im Gegensatz dazu kann der orthodoxe Jude seinen Bezug zu Gott und der Zen-Buddhist seinen Bezug zur Leere des Universums nicht verlieren [Tugendhat 2006, 112].

 

In den üblichen Definitionen von Mystik werden verschiedene Sichtweisen erwähnt:

1)      Nach aussen gerichtete Sichtweise, Transzendierung des Selbst:

a)    Religiöse westliche Mystik: Das unmittelbare In-Kontakt-Treten mit Gott

b)   Nichtreligiöse westliche Mystik und indisches Vedanta: Meditatives Verschmelzen mit der letzten Realität

2)      Nach innen gerichtete Sichtweise, Auflösung des Selbst:

a)    Theravada-Buddhismus und Samkhya-Yoga: Aufgabe der phänomenalen Welt

b)   Daoistische Mystik: Beibehaltung der phänomenalen Welt.

[Tugendhat 2006, 116-117].

 

Der einzelne Mensch steht einer unvergleichlichen und rätselhaften Macht (dem Numinosen) gegenüber. Diese Sichtweise als Projektion der infantilen Erfahrung der eigenen Kleinheit zu deuten (wie Freud dies in Die Zukunft einer Illusion tat) mag zwar in gewissen Fällen zutreffen, ist aber im Allgemeinen eine unzulässige Vereinfachung. Das Gefühl der Ohn-Macht hat reale Gründe wie Katastrophen, Unfälle, Krankheit, Alter und Tod. Religion und Mystik entstehen beide aus der Erfahrung des Numinosen; ihre Zielrichtung ist aber gegensätzlich:

-        Die Religion versucht die menschlichen Wünsche (nach Vollkommenheit, Unsterblichkeit etc.) in einer transformierten Welt zu erfüllen.

-        Die Mystik versucht, sich von menschlichen Wünschen (Gier, Sorge etc.) zu befreien, d.h. das Selbst zu transformieren oder aufzulösen.

[Tugendhat 2006, 121-122].

Gemäss dieser Definition ist Mystik jedem zugänglich.

 

In manchen Kulturen wird Mystik mit religiöser Musik assoziiert, z.B. in der Sufi-Musik oder im Gregorianischen Choral.

Für indische Musiker wie Hariprasad Chaurasia sind die Tonleitern und Skalen ihrer Ragas außerhalb von Zeit und Raum stehende Symbole. Sie gelten als klangliche Entsprechungen einer transzendenten Wirklichkeit, die über die Magie der Klänge erfahrbar wird (Die Welt ist Klang, Deutschlandfunk, 25.12.2012)

In der südindischen Musik gibt es eine Jahrtausend alte Tradition, die auf heilige Schriften wie die Veden und Upanishaden sowie auf anonyme Weise (Rishis) und heilige Musiker zurückgeht (…) Sie alle verkündeten, dass gute Musik der Schlüssel zur Selbstfindung und damit Erlösung des Individuums von seinen inneren und äußeren Konflikten ist (Karnatische Musik, Wikipedia).

 

 

Christliche Mystik

-        Die christliche Mystik ist eine Bewegung innerhalb der christlichen Religionen, in der die unmittelbare Einswerdung mit Gott (Unio Mystica) angestrebt wird. Zu diesem Zweck verwendet sie unterschiedliche Mittel, vor allem die Kontemplation, aber auch Askese und Bußübungen, Gebete und Gesänge u.a. Das Ich wird - im Gegensatz zu fernöstlichen Philosophien - in der Einswerdung mit Gott nicht aufgegeben, sondern gerade in dieser geheimnisvollen Einigung besteht eine ureigene Individualität, man könnte geradezu sagen, es kommt in dieser Vereinigung gerade besonders zu einer echten und tiefen Selbstfindung des wahren Ich, wie es von Gott her gedacht und geschaffen ist. Entscheidend ist das persönliche Erleben, die Erfahrung durch Reflexion in der Hl. Schrift sowie die gelebte Einheit von Gottes- und Nächstenliebe. Jesus selbst sagte von sich: "Ich und der Vater sind eins." (Joh 10,30) und verwies dabei unmittelbar auf seine Werke. Der Kirchenvater Origenes spricht von der Geburt Gottes in des Menschen Seele (Christliche Mystik, Wikipedia).

-        Die christliche Mystik basiert auf dem Neuplatonismus in seiner christlichen Umprägung. Erleichtert wurde diese Adaption durch den Umstand, dass der Neuplatonismus starke monotheistische Tendenzen aufweist.

-        Aus psychoanalytischer Sicht handelt es sich bei der christlichen Mystik um eine Regression, siehe z.B. [Vinnai].

 

 

Hinduistische Mystik

-        Der Hinduismus ist aus erkenntnistheoretischer Sicht eine Art von Skeptizismus, weil die Wahrnehmung der Wirklichkeit hinterfragt wird. Der Lebenskampf wird als Rollenspiel gesehen, welches in einer Scheinwelt (Maja) stattfindet. Maya bezeichnet einerseits die Lebenswirklichkeit, andererseits die Verhaftung des Menschen an diese Wirklichkeit, die ihn in seinen Assoziationsketten mit sich reißt (…) Ist dagegen der Strom der Assoziationen gestillt, so hat der Mensch das Atman, den Wesenskern (…) erreicht und die Scheinwelt durchstoßen (Arnold Keyserling, Schule der Denkstile).

Hinter der Scheinwelt steht die wirkliche Welt des Brahman. Brahman ist die kosmische Weltenseele und die höchste Gottesvorstellung, während Atman die Einzelseele darstellt.

-        In der Frage der Gottesvorstellung gibt es eine Auseinandersetzung im indischen Vedanta zwischen der Advaita-Schule des Shankara und der auf Personalisierung beharrenden Richtung, die mit dem Namen des Ramanuja verbunden ist [Tugendhat 2007, 198]

Im Buddhismus wird die Personalisierung (Bhakti) als eine Übergangsstufe betrachtet, welche dazu dient, sich dem Abstrakten zu nähern. Das an einen persönlichen Gott gerichtete Gebet ist ein Hilfsmittel, um das Zurücktreten vom Ego zu üben, ähnlich wie die meditative Konzentration auf ein Objekt im Yoga nur eine Vorstufe ist [Soni, 229-230].

-        In der personalisierenden Bhakti Tradition gibt es Formen der Mystik welche der christlichen nahe kommen, speziell wenn sie mit Askese verbunden sind. In diesen Fällen dürfte die gleiche psychoanalytische Diagnose zutreffen wie in der christlichen Mystik. Die Frage ist jedoch, ob eine solche Analyse dem Phänomen gerecht wird. Die Auflösung des Egos enthält notwendigerweise regressive Elemente, ist aber anderseits auch eine Anpassung an die Realität der Vergänglichkeit. Mystik schafft eine eigene Wirklichkeit, in welcher die Wertungen des Überlebenskampfes nicht gelten. Dazu ein Gedicht des bengalischen Schriftstellers R.Tagore:

 

 

 

 

The Meeting

 

My heart longs day and night for the meeting with you -

For the meeting that is like all-devouring death.

Sweep me away like a storm;

Take everything I have;

Break open my sleep and plunder my dreams.

Rob me of my world.

In that devastation,

In the utter nakedness of spirit,

Let us become one in beauty.

 

Alas for my vain desire!

Where is this hope for union except for you, my God?

 

 

 

 

 

Buddhistische Mystik

In der buddhistischen Mystik, die insbesondere in den Strömungen des Mahayana und Vajrayana verbreitet ist, geht es wie in allen buddhistischen Schulen nicht um direkte Erfahrung eines göttlichen Wesens. Die Natur des Geistes wird als nicht-dual verstanden. Dies ist jedoch in der Regel nicht bewusst und wird durch das Anhaften am Ich verschleiert. Aus dieser grundlegenden Unwissenheit entsteht die Vorstellung eines unabhängig von anderen Phänomenen existierenden Ichs. Damit geht das Auftreten der Geistesgifte Verwirrung/Unwissenheit, Hass, Gier, Neid und Stolz einher, die Ursachen allen Leidens. Ziel ist es, die Geistesgifte in ursprüngliche Weisheit umzuwandeln, die Ich-Vorstellung aufzulösen und die den unerleuchteten Wesen eigene Aufspaltung der Phänomene in Subjekt und Objekt zu überwinden. Die den fühlenden Wesen innewohnende, bis dahin verschleierte Buddhanatur wird als immer schon zugrunde liegend erkannt. Wer dies erreicht wird erleuchtet oder schlicht Buddha genannt. Praktiken wie Meditation, Gebet, Opferdarbringungen, verschiedene Yogas und spezielle tantrische Techniken sollen dies ermöglichen (Mystik, Wikipedia)

 

 

Vergleich zwischen christlicher und buddhistischer Mystik

Im Bemühen, universale Charaktermerkmale des Menschen zu finden [Tugendhat 2007] werden oft die Gemeinsamkeiten der christlichen und buddhistischen Mystik betont. Aber die Unterschiede sind eigentlich interessanter. Im Folgenden ist mit buddhistischer Mystik die Vipassana-Meditation gemeint, welche sich am Theravada-Buddhismus orientiert:

1.      Gefühlsebene: Die christliche Mystik ist mit Anbetung, Ekstase und Bejahung verbunden (der Mystiker ist emotional engagiert), die buddhistische mit innerer Ruhe, Achtsamkeit und Unbeteiligtsein (der Mystiker ist emotional abwesend).

2.      Betrachtungsgegenstand: Die christliche Mystik sieht das Objekt der Anbetung in der Aussenwelt, die buddhistische fokussiert auf innere Zustände. Die christliche Mystik ist verwandt mit dem Bhakti Yoga, weil sie davon ausgeht, dass Liebe ein Objekt benötigt. Die buddhistische Mystik versucht sich von Objekten zu lösen.

3.      Ich-Bewusstsein: das Ich wird in der christlichen Mystik (im Gegensatz zur buddhistischen Ethik) nicht aufgegeben, sondern erhält durch die Vereinigung mit Gott eine transzendente Ausprägung.

4.      Biologische Bedürfnisse: Die (mittelalterliche) christliche Mystik verlangt Askese und teilweise sogar Misshandlung des Körpers, die buddhistische verwirft die Askese und sucht den „mittleren“ Weg. Der mittlere Weg des Buddha war allerdings immer noch eine sehr strenge Lebenspraxis, siehe Der Preis der Befreiung, Peter Masefield.

5.      Methode: Die christliche Mystik gründet auf dem Glauben, die buddhistische auf einem Erkenntnisprozess.

 

Die hinduistische Mystik vor Buddha kannte bereits Formen, welche der christlichen ähnlicher sind. Auch da bestand das Ziel darin, durch körperliche Askese einen ekstatischen Zustand zu erreichen. Buddha übte sich mehrere Jahre in dieser Art von Mystik, gab aber schliesslich einer erkenntnis-orientierten Meditationsform den Vorzug. Aus seiner Sicht ist die Suche nach einem himmlischen Zustand oder nach Perfektion ein Mangel an Wissen, ein Zeichen von Realitätsverlust. Wegen seiner Abkehr von traditionellen Mustern des Lebenssinnes wurde der Buddhismus z.T. mit dem Nihilismus in Verbindung gebracht. Der Buddhismus ist aber insofern nicht nihilistisch, als seine Motivation auf der Verhinderung von eigenem und fremdem Leiden gründet.

 

 

Drogen

In gewissen Formen der Mystik wird das Universum nicht als Einheit gesehen, in welcher das Mannigfaltige verschwindet, sondern die Vielheit der Dinge in Raum und Zeit wird beibehalten, aber in einem einheitlichen Zusammenhang gesehen [Tugendhat 2006, 125]. Es scheint dass gewisse Halluzinogene den gefühlten Zusammenhang zwischen Einheit und Mannigfaltigkeit herstellen können. Ein Teilnehmer einer wissenschaftlichen Studie zur Wirkung von Psilocybin beschrieb seine Erfahrungen z.B. wie folgt:

Ich erlebte direkt und unmittelbar die metaphysische Theorie, die als Emanatismus bekannt ist, bei der, beginnend mit dem klaren, ungebrochenen und unendlichen Licht Gottes, das Licht dann in Formen zerbricht und in seiner Intensität abnimmt, während es durch absteigende Grade der Wirklichkeit hindurchwandert (…). Die Emanationstheorie und insbesondere die detailliert ausgearbeiteten Seinsschichten der hinduistischen und buddhistischen Kosmologie und Psychologie waren bis anhin für mich nur Begriffe und Schlussfolgerungen gewesen. Jetzt waren sie Gegenstand der direktesten und unvermitteltsten Wahrnehmung. Ich konnte genau verstehen, wie diese Theorien entstanden waren, falls ihre Stammväter dieses Erlebnis gehabt hatten. Aber weit mehr als eine Erklärung ihres Ursprungs bezeugte mein Erlebnis ihre absolute Wahrheit [Metzinger, 315].

Der Konsum von Halluzinogenen birgt allerdings ein beträchtliches Risiko (Psychosen, Unfallgefahr, Horrortrips). Der Versuch, auf mühelose  Art und Weise mystischen Erfahrungen zu erreichen, hat auch seinen Preis.

 

 

Über die Angst vor dem Tode

Interessanterweise gibt es selten eine Angst vor dem Einschlafen, obwohl die bewusste Kontrolle vollständig abgegeben wird und immer die Möglichkeit besteht, nicht mehr zu erwachen. In einem bewussten Sterbeprozess hingegen, ist der Übergang nur schwer zu bewältigen. Opioide werden z.T. im Terminalstadium einer Krankheit verabreicht und haben einen euphorisierenden Effekt (terminal elation). Die wichtigsten Nebenwirkungen sind eine verringerte Aufmerksamkeit und Atemdepression. Die (Drogen-)Abhängigkeit dürfte am Ende des Lebens kaum mehr ins Gewicht fallen, sodass Opioide möglicherweise zu einer kulturell tolerierten, letzten Möglichkeit werden, Transzendenz zu erreichen.

 

Nicht nur Opioide sondern auch Halluzinogene werden erforscht, um Schmerzen und Angst im Terminalstadium einer Krankheit zu lindern [Gasser]. Weil bei Halluzinogenen wie LSD das Bewusstsein erweitert wird, spricht man von Psychedelischer Therapie. Wer in einer psychedelischen Therapie die Auflösung des „Ich“ angstfrei erlebt, der kann bei der Konfrontation mit dem Tod auf diese Erfahrung zurückgreifen.

 

Auch die klassischen Methoden der Reflexion und Meditation zielen auf eine Distanzierung von der egozentrischen Perspektive:

§  Es lohnt sich, an dieser Stelle an das Argument von Lukrez zu erinnern, in dem darauf hingewiesen wird, dass wir schliesslich auch aus dem Nichts hervorgegangen sind, gleichwohl schaudern wir nicht vor diesem (vergangenen) Nichts. Warum schaudern wir dann vor dem künftigen Nichtsein? [Tugendhat 2007, 162]

Der Buddhist entgeht diesem Widerspruch weil er keine Angst hat vor dem künftigen Nichtsein, sondern umgekehrt vor dem künftigen (Wieder-)Seinmüssen.

 

§  Die Angst vor dem Tode bezieht sich auf die Situation gleich oder bald [Tugendhat 2006, 102].

Man kann sich leicht klarmachen, dass, wie die Angst davor, bald zu sterben, (biologisch) funktional ist für das Überleben, ebenso die Angst davor, einmal (in der Zukunft) zu sterben, dysfunktional wäre, da sie sich nur lähmend auf den Lebenswillen auswirken würde [Tugendhat 2007, 165]

Die (biologische) Funktionalität der Todesangst erklärt auch, warum unsere Intuition betreffend Nicht-Existenz so negativ besetzt ist. Der Tod wird assoziiert mit Kälte, Einsamkeit, Machtlosigkeit, Verlust, Entbehrung, ewiger Nacht usw. obwohl dies ebenso wenig zutrifft wie das Gegenteil.

Die Fähigkeit sterben zu können hat (langfristig) auch Vorteile. Diese Vorteile sieht man aber nur, wenn man sich ein zukünftiges Leiden vorstellt. Der Tod ist genau in dem Masse schrecklich, als er positive Bindungen an die Welt zerstört. Wenn diese Bindungen langfristiger Art sind, dann ist auch der Gedanke schrecklich, in der Zukunft sterben zu müssen. Die Fähigkeit sterben zu können wird erst dann attraktiv, wenn die Bilanz von Glück und Leiden irreversibel ins Negative dreht. Im Normalfall wird das Problem der Dysfunktionalität (Lähmung des Lebenswillens durch Todesangst) durch Verdrängung gelöst.

 

§  Aus der egozentrischen Perspektive muss der Übergang ins Nichtsein schrecklich erscheinen (…) Der Tod lässt sich vielleicht nur aus einer mystischen Haltung heraus akzeptieren [Tugendhat 2006, 106].

-       Das Aufgehen im Brahman erfüllt eine „Unsterblichkeitsvorstellung ohne individuelle Seele“ und erleichtert damit den Abschied vom Ego. Die gleiche Funktion erfüllt auch die Identifikation mit der ganzen Menschheit oder mit den eigenen Kindern. Das ist noch kein religiöser Wahn, weil der Kosmos, die Menschheit und die Kinder ja wirklich weiterexistieren. Das Spezifische am Hinduismus liegt aber darin, dass das Brahman als bestmöglicher Zustand betrachtet wird. Die Vorstellung im Brahman aufzugehen wird nicht als Verlust einer „grossräumigen“ Perspektive (der Welt als Zusammenhang der fünf Sinne mit dem  Körper) gesehen, sondern umgekehrt als Befreiung vom Eingeschlossensein in einer „kleinräumigen“ Perspektive. Der Buddhismus geht noch einen Schritt weiter und verzichtet sogar auf die Vorstellung einer Weltseele. Das Rezept gegen die Angst vor dem Tod besteht einzig und allein darin, den Tod als Erlösung vom Leiden zu sehen. Das setzt aber voraus, dass man die Vergänglichkeit des Glücks kennt und die Erfahrung des Leidens gemacht hat.

-       Metapher: Wenn man das Spielzeug eines Kindes in seine Einzelteile zerlegt (tötet) und dann sagt „es ist ja immer noch alles vorhanden“ dann weint das Kind, weil die Einzelteile kein Ersatz für das Ganze sind.

Buddhistische Gegen-Metapher: Das Spielzeug tut dem Kind weh und macht ihm Angst. Wenn man das Spielzeug jetzt in seine Bestandteile zerlegt, dann lacht das Kind. Es hat erkannt, dass das gefährliche Spielzeug ja nur aus ungefährlichen Einzelteilen besteht.

 

 

 

 

4.  Das Leben als Erkenntnisprozess

 

 

4.1  Vergänglichkeit

 

 

Lebensphasen

Die ersten drei Lebensphasen (Ashramas) beziehen sich auf alle Hindus mit Ausnahme von auserwählten Brahmanen und Mönchen. Die Mehrheit sucht

-        Gesundheit, Wohlstand und Nachkommen

-        Eine vorteilhafte Wiedergeburt

Diese Ausrichtung ist geprägt vom älteren Teil des Veda (Samhitas, Brahmanas und Aranyakas)

 

1.      Brahmacharya: Ursprünglich verstand man darunter das Studium des Veda, welches man den Weisen schuldete. Dazu gehört insbesondere auch das Studium der entsprechenden Hilfswissenschaften, der Vedangas. In der Ausbildungs- und Disziplinierungszeit muss der junge Mensch das Weltbild und die Regeln der Gemeinschaft (das Dharma) kennen lernen. Das Dharma bildet in der Folge eine Randbedingung für die Selbstverwirklichung. Wenn man den Begriff Dharma durch Vernunft-Ethik ersetzt, dann lässt sich die erste Lebensphase gut in die heutige Zeit übersetzen.

 

2.      Grihastha: Das Erfüllen der normalen menschlichen Sehnsüchte entspricht den Lebenszielen Kama und Artha. Gleichzeitig muss man aber seinen Pflichten nachgehen. In deren Zentrum stand ursprünglich die Geburt eines Sohnes, den man den Ahnen schuldete und die Opfer, welche man den Göttern schuldete. Die Wirksamkeit des Opfers sah man durch die minutiöse Einhaltung von rituellen Handlungen gewährleistet. Die Grundidee, dass man durch die Einhaltung von solchen Regeln sein Schicksal günstig beeinflussen könne, führte mit der Zeit zu einer Vielfalt von Zeremonien und Ritualen, den Samskaras. Die Opfer erscheinen zunächst irrational, sind aber nicht so weit von unserer heutigen Lebenspraxis entfernt. Auch die aufgeklärten Menschen verfallen dem Irrtum, dass ein diszipliniertes (in diesem Sinne Opfer bringendes) Leben die Mächte des Zufalls und des Zerfalls günstig stimmen und die schlimmsten Formen des Leidens abwenden könne.

 

3.      Vanaprashta (Waldeinsiedler): Durch die Konfrontation mit Krankheiten, Unfällen, Niederlagen, Alter und Tod entdeckt man die Vergänglichkeit der zeitlichen Werte und des materiellen Besitzes. Das Hauptmotiv von Vanaprashta ist die Abgabe von Macht und das Loslösen von Bindungen. Vanaprashta ist für die weltlich orientierten Hindus die Vorbereitung auf eine günstige Wiedergeburt und damit ein Zwischenziel. Das Endziel ist die Befreiung vom Kreislauf der Wiedergeburten (Moksha).

Der Ort der dritten Lebensstufe, die Walderemitage, in die sich der Familienvater mit seiner Frau zurückzog, um sich durch Studium und Meditation auf die Erlösung (bzw. eine günstige Wiedergeburt) vorzubereiten, erhielt die Bezeichnung Ashram (Ashram, Wikipedia).

In unserer Gesellschaft entspricht Vanaprashta der Abgabe von Verantwortung in Familie und Beruf [Vrinda]. Typische Übergangspunkte sind der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus, die Pensionierung oder die Geburt des ersten Enkelssohnes (siehe Heilige Schriften). Die Vorbereitung auf eine günstige Wiedergeburt (übersetzt in die heutige Zeit) würde heissen, dass man etwas zur Verbesserung der Welt beiträgt, in welcher 99.5% unserer Gene permanent reinkarniert werden.

 

Lebensphasen enden nicht wie Kalenderjahre sondern überschneiden sich im Allgemeinen. Der oben beschriebene Ablauf hat aber eine idealtypische Bedeutung in Bezug auf die Verschiebung der Interessen. Die Interessen steuern eine selektive Wahrnehmung, eine spezifische Ausrichtung der Aufmerksamkeit. Dabei gebührt der Lebensmitte eine besondere Bedeutung:

 

 

Die Krise der Lebensmitte

 

1.      Weltliche Orientierung

Bei der Krise in der Lebensmitte treffen Erfahrungen mit dem Verlust von Liebe und Macht auf das zunehmende Bewusstsein des körperlichen Verfalles (siehe z.B. Midlife Crisis von Peter Bartning). Die Krise bewirkt eine Distanzierung von der aktuellen Lebensgestaltung, ein Abstandnehmen von der Art und Weise wie man „vom Leben getrieben wird“. Die Volatilität der biologischen Lebensziele weckt das Bedürfnis nach einer Gesamtbetrachtung und einem festen Halt. Das unvergängliche Lebensziel Erlösung gewinnt an Bedeutung, die Aufmerksamkeit wird auf die Verhinderung von Leiden verschoben.

 

2.      Geistliche Orientierung

Eine andere Art von Midlife Crisis wird nicht durch die Volatilität der Lebensziele Liebe und Macht ausgelöst, sondern durch die Unterdrückung dieser Lebensziele. Die biologischen Möglichkeiten Transzendenz zu erfahren, werden in der ersten Lebenshälfte durch kulturell auferlegte Selbstkontrolle behindert oder gar zerstört. Die Krise bewirkt ein Innehalten in der Art und Weise, wie man die Tage „an sich vorbeiziehen lässt“. In der Mitte des Lebens wird klar, dass der Machtgewinn durch Selbstkontrolle den Verlust an Transzendenz nicht kompensieren kann und dass die Versprechungen auf ein späteres Glück nicht einlösbar sind. Dieses schleichende Bewusstsein, auf einem falschen Wege unterwegs zu sein, das Wesentliche zu verpassen oder sich selbst einzuschliessen wurde schon in der vormodernen Zeit thematisiert, als die Dämonen noch als real empfunden wurden:

 

In der Acht-Laster-Lehre des spätantiken Asketen Evangrius Ponticus und – in Anschluss an diesen – bei Cassian ist der Dämon der Akedia die vom meditierenden Mönch am meisten gefürchtete Bedrohung: „Es ist jener Dämon, den die Wüstenväter auch als ,Mittagsdämon‘ bezeichnen, da sein Angriff auf den Mönch in der Einsamkeit seines Kellion in der Regel um die vierte Stunde(10 Uhr) beginnt und etwa bis um die achte Stunde (14 Uhr) andauert.“ (aus Jürgen Daiber: Der Mittagsdämon. Zur literarischen Phänomenologie der Krise der Lebensmitte).

 

Immerhin ist bei meditierenden Mönchen christlicher oder buddhistischer Prägung die Selbstkontrolle direkt auf das Ziel ausgerichtet transzendente Erfahrungen zu machen, während sie in unserer Kultur auf Macht ausgerichtet ist und die in Aussicht gestellte Transzendenz (z.B. der Transhumanismus) in weiter Ferne liegt. Die Aufmerksamkeit, welche auf Utopien ausgerichtet ist, wird durch den körperlichen Zerfall wieder in die Gegenwart gezwungen.

 

Fazit: Die Krise der Lebensmitte ist primär durch das zunehmende Bewusstsein der Grenzen und der Vergänglichkeit bedingt und nicht abhängig davon, ob die erste Lebenshälfte durch eine sehr spontane oder eine sehr kontrollierte Lebensweise geprägt war.

 

 

 

Ist der Charakter der ersten Lebenshälfte unbefriedigte Sehnsucht nach Glück;

so ist derjenige der zweiten Besorgnis vor Unglück.

 

Arthur Schopenhauer

 

 

 

 

Die Bewertung von „Vergänglichkeit“

Kann man nicht eine Erfahrung gerade deshalb schätzen, weil sie einzigartig ist und nur kurze Zeit dauert? Kann man nicht Volatilität gegenüber Stabilität und Vergänglichkeit gegenüber Dauer aufwerten?

In dieser allgemeinen Fassung muss man die Frage sicher bejahen. Wir müssen sie aber wie folgt präzisieren:

„Ist es möglich, die Vergänglichkeit des Glücks aufzuwerten?

-        In den Fällen, wo dies plausibel erscheint, z.B. in der Metapher vom Tanz auf dem Vulkan, handelt es sich um eine Fehldeutung. Wer auf dem Vulkan tanzt, der kennt ihn nicht wirklich. Die Gefahr ist nur erwünscht um die Spannung (und damit das Glückserlebnis) zu steigern. Dies ist besonders deutlich bei der Spielsucht, bei welcher Spiele ohne Totalrisiko stark an Attraktion verlieren. Nicht die Vergänglichkeit des Glücks wird durch die Gefahr aufgewertet, sondern die Intensität.

-        Die Vergänglichkeit einzelner Erfahrungen kann zum Glück beitragen; ein abwechslungsreiches Leben kann z.B. interessanter sein als ein ausgeglichenes. Aber wenn jemand ein abwechslungsreiches Leben wünscht, dann darf dieser Wunsch nicht enttäuscht werden.

Die Art des Glücks kann spezifisch und individuell sein, aber nicht das Prinzip seiner Bewahrung oder Steigerung. Nietzsches zentraler Satz in Also sprach Zarathustra  „Doch alle Lust will Ewigkeit…“ ist ein psychologisches Gesetz, ebenso wie seine Umkehrung (aller Schmerz will Vergänglichkeit).

 

 

 

4.2  Traumatische Erfahrungen

 

 

Leiden als Erkenntnisform

Es gibt nicht nur transzendente Erfahrungen des Glücks, sondern auch solche des Leidens. Wir wollen sie im Folgenden als traumatische Erlebnisse bezeichnen und dabei daran denken, dass der Betroffene in eine unwirkliche (transzendente) Welt versetzt wird (obwohl der Wortstamm nicht auf den Begriff Traum zurückgeht). Das „Ausser-sich-sein“ vor Schmerz und die daraus resultierende Vermeidungs-Strategie bestimmen in der Folge massgeblich die Suche nach einer risikoarmen Lebensweise. Ein traumatisches Erlebnis kann das Leben ebenso verändern wie eine Drogenerfahrung und schon in früher Jugend den Charakter prägen. Das Grundprinzip ist eine Zunahme von traumatischen Erfahrungen im Laufe des Lebens, wobei die unwirkliche Welt langsam zur wirklichen wird. Gehen wir zurück zur oben erwähnten Episode aus der Bhagavad Gita:

 

§  Der Autor schafft durch die Beschreibung Distanz zur Wirklichkeit und damit Distanz zum Leiden. Die Welt ist „so wie sie ist“, der Einzelne kann sie nur beobachten, ist aber gleichzeitig geschützt durch seinen Beobachter-Status. Dazu folgendes Zitat aus Die Geburt der Tragödie:

Und so möchte von Apollo in einem excentrischen Sinne das gelten, was Schopenhauer von dem im Schleier der Maja befangenen Menschen sagt. (Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 416): "Wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegrenzt, heulend Wellenberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeug vertrauend; so sitzt, mitten in einer Welt von Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gestützt und vertrauend auf das principium individuationis".

 

§  Nicht nur der Traum des Künstlers, sondern auch die distanzierte Haltung des Philosophen zur „wirklichen“ Welt ist vom Zusammenbruch bedroht. Das Zerbrechen dieser Erkenntnisform, d.h. das Hineingezogen-Werden in eine andere Welt kann mit Angst und Schrecken, aber auch mit grosser Lust verknüpft sein, weil die Gefühle in der (dionysischen) Welt viel intensiver sind als in der (apollinischen) Abbildung. Dazu folgendes Zitat [Nietzsche]:

An derselben Stelle hat uns Schopenhauer das ungeheure Grausen geschildert, welches den Menschen ergreift, wenn er plötzlich an den Erkenntnisformen der Erscheinung irre wird, indem der Satz vom Grunde, in irgend einer seiner Gestaltungen, eine Ausnahme zu erleiden scheint. Wenn wir zu diesem Grausen die wonnevolle Verzückung hinzunehmen, die bei demselben Zerbrechen des principii individuationis aus dem innersten Grunde des Menschen, ja der Natur emporsteigt, so tun wir einen Blick in das Wesen des Dionysischen.

Wenn die Distanzierung von der Welt, welche sich in der apollinischen Haltung ausdrückt durch Verliebtheit oder durch Drogen aufgehoben wird (wie im Falle von Nietzsche insinuiert wurde), dann kann sie zu wonnevoller Verzückung führen. Wenn der Zusammenbruch der strukturierten und voraussagbaren Welt aber z.B. durch einen Unfall, eine Naturkatastrophe oder eine Krebs-Diagnose erfolgt, dann wird der Betroffene mit Schopenhauers „ungeheurem Grausen“ konfrontiert.

 

Weil die Menschen in der zweiten Lebenshälfte einem Zerfallsprozess ausgesetzt sind, nehmen die traumatischen Erlebnisse zu im Verhältnis zu den positiven Überraschungen. Mit traumatischen Erlebnissen und Ent-Täuschungen ist auch ein Verlust an Idealen, Hoffnungen und Erwartungen verbunden. Die Menschen werden mit dem Alter vorsichtiger und konservativer.

 

 

Das Glück des Alters

Solange die traumatischen Erlebnisse ausbleiben können ältere Menschen (in Meinungsumfragen) sogar angeben sie seien glücklicher als in der ersten Lebenshälfte. Dabei muss man aber Folgendes berücksichtigen:

-        Es handelt sich um eine andere Art des Glücks, ein Glück welches durch die Abnahme von Verantwortungen (Kinder, Arbeit etc.) und Konkurrenzkämpfen und nicht zuletzt auch durch ein Nachlassen der Anforderungen an sich selbst erklärt werden kann. Es ist die Art des Glücks, welche Epikur schon jungen Menschen empfahl und welche in die Richtung des Lebensziels Erlösung weist.

-        Pensionierung ist oft mit einem Gewinn an Selbstbestimmung verbunden. Dass diese Selbstbestimmung auch bedeutet, dass man nicht mehr gebraucht wird und dass sie aus Krankheits- oder Altersgründen schon bald wieder verloren geht, lässt sich eine gewisse Zeit lang verdrängen.

-        Menschen haben die Tendenz, ihr Leben als eine Erfolgsgeschichte darzustellen. Der in Meinungsumfragen zur Schau gestellt Optimismus hat biologische Wurzeln und verbessert die Überlebens-Chancen. Es ist der gleiche Mechanismus welcher auf die Frage „Wie geht es dir?“ ein positive Antwort produziert, obwohl der Betreffende vielleicht gerade einen Therapeuten um Hilfe gebeten hat.

-        Je nach Fragestellung ist der Vergleich nicht korrekt; die angefragten Personen sind noch nicht am Ende ihrer Reise. Sie können wohl die erste Lebenshälfte abschliessend kommentieren, nicht aber die zweite. Wer das Lebensgefühl in Alters- und Pflegeheimen kennt, der weiss, dass auch das Glück des Alters bei den meisten Menschen vergänglich ist.

 

 

 

4.3  Stufen der Wirklichkeit

 

 

Der Wert der Erfahrung

Sind Weltbilder nur die Rationalisierung von Gefühlen? Nach welchen Kriterien kann man sagen, dass etwas gelernt wird im Leben? Inwiefern ist die Wahrnehmung in der zweiten Lebenshälfte „wahrer“ oder „realistischer“ als in der ersten? Ist sie nicht genauso situationsbedingt wie die Wahrnehmung in der ersten Lebenshälfte? Zweifellos gibt es einen starken Bewertungsanteil, welcher die aktuelle Situation spiegelt. Der Unterschied besteht aber darin, dass die Bewertungen in der zweiten Lebenshälfte auch einen vergleichenden und kumulativen Charakter haben. Frühere Bewertungen können korrigiert werden:

-        Die gefühlsmässige Wahrnehmung der jungen Menschen unbegrenzt expandieren zu können wird schrittweise korrigiert. Der intellektuelle Hinweis auf die Vergänglichkeit von Macht und Liebe hat keine Wirkung, sondern nur das eigene Scheitern.

-        Traumatische Erlebnisse kann man nicht intellektuell verstehen und einordnen. Das Gefühl der Unverletzbarkeit welches dem jugendlichen (und noch unversehrten) Beobachter eigen ist, wird abrupt widerlegt.

-        Die gefühlsmässige Wahrnehmung unbegrenzt leben zu können wird durch den körperlichen Zerfall schrittweise korrigiert.

 

 

 

Man empfindet das Glück als Geschenk

und stellt später fest, dass es sich um einen Kredit handelt.

 

Autor unbekannt

 

 

 

 

Der Kampf der Deutungen

Dass es sich beim zunehmenden Bewusstsein der Verletzbarkeit und Vergänglichkeit aufgrund von Unfällen, Krankheiten, Alter (d.h. körperlichem und geistigem Zerfall), Tod von nahe stehenden Personen usw. um schwer zu bewältigende Erfahrungen handelt kann man daran erkennen, dass sich die Mehrzahl der Menschen einem Fortschrittsglauben oder dem Trost der Religionen verschreiben. Die Verbreitung von Sinnkonstruktionen wie jene der Eschatologie, der Mythos von der Vertreibung aus dem Paradies und die Sehnsucht dahin zurückzufinden (Stichwort Paradise Engineering) sprechen eine deutliche Sprache. Interessant ist auch die Bewertung des Diesseits im Hinduismus und Buddhismus. Wenn das höchste Ziel einer Kultur die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten ist, dann muss man von einer negativen Bewertung dieses Kreislaufes ausgehen.

Zur Bewältigung der negativen Erfahrungen und zur Legitimation der Status Quo (d.h. des geltenden Wertsystems) gibt es in jeder Kultur Epen (Mythen), welche die (dionysischen) Machtkämpfe und Naturkatastrophen aus einer distanzierten (apollinischen) Sicht beschreiben und ästhetisieren. Die Wahrheit hat also zwei Seiten:

1.      Das Abwägen von Glück und Leiden mit einem möglicherweise negativen Resultat [Johnson].

2.      Die Fähigkeit der Menschen zur Verdrängung, Ästhetisierung und Sinnkonstruktion mit einem positiven Resultat. Das positive Resultat kann notfalls mit Fortschritts- und Erlösungs-Szenarien in die Zukunft verlegt werden. Hinter den positiven Deutungen des Weltgeschehens steckt der Überlebenswille, aber auch ganz konkret die Tatsache, dass Epen von Beobachtern (Siegern) und Offenbarungen von „Auserwählten“ geschrieben werden. Das Bedürfnis nach positiven Deutungen ist unermesslich und den Menschen, welche in der Lage sind eine solche zu finden winkt eine entsprechend hohe Belohnung. In Anbetracht der Interessenlage liegt der Verdacht nahe, dass die Wahrnehmung manipuliert wird:

Das Bedürfnis (der Wunsch) etwas zu glauben, ist nicht etwa nur ein unzureichender Grund, es zu glauben, sondern es ist an und für sich, wenn es keine unabhängigen Evidenzen gibt, immer ein Gegengrund dafür, dass es so sein könnte [Tugendhat 2007, 191]

 

Each of the two basic interests survival and liberation from suffering is able to interpret the world in a radically different manner (as lawyers do):

         Liberation from suffering: The example of voluntary euthanasia demonstrates that the value of survival can be measured within a hedonistic framework. The interest to survive is non-hedonistic, but can be reinterpreted within the framework of motivational hedonism.

         Survival: No matter what kind of ethics we denote as “rational” or “higher”, it is impossible to control the forces of evolution globally and long-term. Life creates and destroys ethical systems. Ethics can always be interpreted in an evolutionary context.

 

Für eine analytische Untersuchung zur Bewertung der Welt siehe The Denial of the World from an Impartial View.

 

 

Die Hierarchie der Lebensziele

Schopenhauer übernahm aus dem Hinduismus die Auffassung, dass nicht nur die künstlerische Darstellung der Wirklichkeit (z.B. das Mahabharata Epos) eine Scheinwelt ist, sondern auch die Wirklichkeit, welche in der Kunst abgebildet wird:

Der philosophische Mensch hat sogar das Vorgefühl, dass auch unter dieser Wirklichkeit, in der wir leben und sind, eine zweite ganz andre verborgen liege, dass also auch sie ein Schein sei (aus Die Geburt der Tragödie).

 

Festhalten an vergänglichen Dingen bedeutet, sich an einer illusionären Wirklichkeit zu orientieren. Eine Wirklichkeit ist umso illusionärer, desto schneller sie vergeht. In diesem Sinne ist

1.      die Wirklichkeit der Liebe vergänglich gemessen an derjenigen der Macht

2.      die Wirklichkeit der Macht (Eliten, Familien-Dynastien) vergänglich gemessen an derjenigen des Dharma (Gesetz, Gerechtigkeit)

3.      die Wirklichkeit des Dharma vergänglich gemessen an den Naturgesetzen, welche der kulturellen Evolution zugrunde liegen. Kulturen und ihre Gesetze zerfallen ebenso wie Dynastien und Individuen. Die Naturgesetze aber sind unvergänglich und stellen in diesem Sinne die höchste Wirklichkeit dar.

 

Daraus ergibt sich die folgende Hierarchie der Lebensziele:

1.      Erlösung (durch das Erkennen der höchsten Wirklichkeit)

2.      Gerechtigkeit (die zeitgemässe Version des Dharma)

3.      Macht

4.      Liebe

 

Während der Hinduismus die Lebensziele der Liebe und Macht abwertet indem er sie als Rollenspiele versteht, ist der Buddhismus von einem unbedingten Willen geprägt, sich direkt an der höchsten Wirklichkeit zu orientieren. Das antike Primat des Lebensziels Erlösung wurde erst durch die Abwertung der Religionen in der Aufklärung und Moderne (Nietzsche, Freud) relativiert (siehe Konkurrierende Lebensziele). Interessanterweise wird die Freud’sche Umkehrung der Hierarchie im hinduistischen Epos ebenfalls erwähnt:

 

Das Mahabharata (12.167) berichtet von einem Disput darüber, welches der Lebensziele das höchste sei. Bhima, einer der Pandava-Brüder, tritt für Kama ein. Dies sei die erste Pflicht des Menschen, denn ohne Begierde sei jede Leistung unmöglich. Er sieht Kama als das Geheimnis allen Erfolges, ob materieller oder geistiger Art (Kama, Wikipedia)

 

Wenn „Liebe“ für die unerschöpfliche Lebenskraft steht (und nicht für die vergängliche Liebe zu einer Person), dann hat sie durchaus etwas Transzendentes, was sich ja auch in der Zuordnung einer Gottheit (Kama) ausdrückt. Schliesslich hat sich (im Hinduismus) aber doch die oben erwähnte Hierarchie durchgesetzt. Vielleicht weil im zyklischen Weltbild der Hindus die Lebenskraft von einer höheren Macht zerstört und wieder neu geschaffen wird. Vielleicht aber auch einfach, weil die Schöpfungen der Lebenskraft immer wieder mit Leiden verknüpft sind.

 

 

 

 

5.  Schlussfolgerungen

 

 

Die hinduistischen Lebensziele werden als anthropologische Erkenntnis, d.h. als allgemeingültige Charaktermerkmale des Menschen aufgefasst. Die Gewichtung der vier Lebensziele wird massgeblich durch transzendente Erfahrungen bestimmt.

1)      Hinter den Erfahrungen von Transzendenz in den Bereichen Liebe und Macht steht die biologische Nutzenfunktion, d.h. sie sind ursprünglich zweckgerichtet. Im Laufe der kulturellen Evolution werden sie teilweise modifiziert (sublimiert) oder in eine Traumwelt verschoben.

2)      Die Verschiebung der transzendenten Erfahrungen zu den Lebenszielen Gerechtigkeit und Erlösung hängt mit spezifischen Erlebnissen (Unfälle, Krankheiten, Tod von nahe stehenden Personen usw.) und einem zunehmenden Bewusstsein der Vergänglichkeit zusammen. Je vergänglicher ein Phänomen ist, desto irrealer erscheint es und desto weniger kann man sich daran orientieren.

3)      Die Suche nach einer unzerstörbaren Wirklichkeit führt zunächst zur Gemeinschaft und dann zur Mystik:

a)      Gemeinschaft vermittelt Sicherheit, sofern sie die immer gleichen Gesetze (Traditionen) respektiert. Nicht nur religiöse Gesetze können transzendente Erfahrungen vermitteln, sondern auch die praktisch gelebte Tradition des Mitgefühls. Ein rationaler Zugang zum Lebensziel Gerechtigkeit kommt dann zustande, wenn man erkennt, dass ein Teil des Selbst in den anderen lebt.

b)      Mystik ist eine spirituelle Form der Selbsthingabe oder Selbstauflösung, welche die Angst vor Verlust und Tod überwindet. Aus psychoanalytischer Sicht kann dies als Regression und Verleugnung der Realität gedeutet werden, aus theologischer Sicht als eine Hilfe zur Anpassung an die Realität.

 

 

 

 

 

Danksagung

 

Ich möchte Michael Hampe danken für die inspirierenden Gespräche im Zusammenhang mit diesem Aufsatz.

 

 

 

 

 

Zitierte Literatur

 

1.      Bertaux Pierre (1979), Hat das Ungeheuer sich selbst vergiftet?, in Zeit Online

2.      Gasser Peter (2007), LSD – unterstützte Psychotherapie bei Personen mit Angstsymptomatik in Verbindung mit fortgeschrittenen lebensbedrohenden Erkrankungen.

3.      Gehriger Urs (2008), Weltwoche Nr.35, 28.Aug., S.47

4.      Huxley Aldous (1954), The Doors of Perception. Deutsch: Die Pforten der Wahrnehmung, München 2005.

5.      Johnson Denis (2008), In der Hölle: Blicke in den Abgrund der Welt, Rororo Verlag

6.      McEvilley Thomas (2001), The Shape of Ancient Thought. Comparative Studies in Greek and Indian Philosophies, New York, Allworth Press

7.      Metzinger Thomas (2009), Der Ego Tunnel, Berlin Verlag

8.      Nietzsche Friedrich (1872), Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, Originaltext

9.      Ohler Norman (2015), Der totale Rausch – Drogen im Dritten Reich, Kiwi-Verlag, Köln

10.  Sick David H. (2007), When Socrates met the Buddha: Greek and Indian dialectic in Hellenistic Bactria and India. Journal of the Royal Asiatic Society, 17:253-278.

11.  Soni Jayandra (2010), Patañjali’s Yoga as Therapeia, Royal Institute of Philosophy Supplements, Vol.66: 219-232, Cambridge University Press, UK

12.  Tugendhat Ernst (2006), Egozentrizität und Mystik, Verlag C.H.Beck, München

13.  Tugendhat Ernst (2007), Anthropologie statt Metaphysik, Verlag C.H.Beck, München

14.  Van Hooft Stan, Philosophy as Therapy, Deakin University, Melbourne

15.  Vinnai Gerhard, Jesus und Ödipus, Zur Psychoanalyse der Religion.

16.  Von Heintze Florian (2006), Religionen und Glaube

17.  Vrinda, Yoga und die Welt

18.  Wolfe Tom (1968), The Electric Kool-Aid Acid Test, Macmillan Publishers, New York