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Konkurrierende Lebensziele

 

B.Contestabile       admin@socrethics.com        First version 2007   Last version 2017

 

 

 

 

Inhalt

 

Zusammenfassung

 

1.      Einleitung

2.      Die Struktur der Lebensziele

2.1  Hinduismus

2.2  Plato

      2.3  Aristoteles

      2.4  Persönlichkeits-Psychologie

      2.5  Quervergleich

3.   Wahrnehmung und Interesse

      3.1  Grundlagen

      3.2  Mit den Augen der Liebe

      3.3  Die strategisch-taktische Sicht

      3.4  Der Sinn für Gerechtigkeit

      3.5  Die Sehnsucht nach Erlösung

4.   Ethik und Interesse

      4.1  Grundlagen

      4.2  Freud

      4.3  Nietzsche

      4.4  Rawls

      4.5  Buddha

      4.6  Konflikte

5.   Subjektive Zielkonflikte

      5.1  Macht gegen Liebe

      5.2  Individuelle Interessen gegen Gerechtigkeit

      5.3  Erlösung gegen Liebe

      5.4  Erlösung gegen Macht

      5.5  Erlösung gegen Gerechtigkeit

 6.  Objektiver Zielkonflikt

      6.1 Überzeugungskraft gegen Gewalt

      6.2 Kulturpessimismus gegen Optimismus

      6.3 Theorie gegen Praxis

7.   Schlussfolgerung

 

Literatur

 

 

 

 

 

Zusammenfassung

 

 

Ausgangslage

In einer Diskussion zum Thema Lebensphilosophie kann man feststellen, dass die Teilnehmer trotz rationaler Argumentation oft zu völlig verschiedenen Schlussfolgerungen kommen.

 

 

Problemstellung

- Wie ist es möglich, dass rational denkende Menschen völlig verschiedene Lebensphilosophien verfolgen?

- Wie ist es möglich, dass sogar eine einzelne Person trotz rationaler Reflexion nicht zu einer widerspruchsfreien Lebensphilosophie gelangt?

- Wie kann man mit diesen Widersprüchen umgehen?

 

 

Herkunft der Widersprüche

Dass der Mensch von widersprüchlichen Lebenszielen gesteuert wird, ist eine anthropologische Erkenntnis:

1. Wer liebt muss auf das Glück der Macht und Kontrolle verzichten. Wer Macht ausüben will, muss auf das Glück der Hingabe und des Vertrauens verzichten.

2. Das Lebensziel Selbstverwirklichung steht oft in Widerspruch zum Lebensziel Gerechtigkeit.

3. Der Körper, welcher in der Jugend eine Quelle des Glücks ist, wird im Alter zu einer Quelle des Leidens. Das biologische Lebensziel steht in Konflikt mit dem Lebensziel Erlösung vom Leiden.

Lebensziele (Interessen) beeinflussen die Wahrnehmung und damit die Entstehung von ethischen Überzeugungen. Widersprüchliche Interessen führen zu widersprüchlichen Intuitionen.

Es ist ebenfalls eine anthropologische Erkenntnis, dass Intuitionen rationalisiert werden, d.h. die Menschen suchen und finden rationale Argumente, welche die gefühlsmässigen Überzeugungen stützen.

 

 

Umgang mit Widersprüchen

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Strategien, mit Widersprüchen umzugehen:

1. Der Versuch, Zielkonflikte zu lösen und Kompromisse zu finden. Dies muss nicht zwangsläufig zu Einbussen führen. Es gibt oft Lösungen, welche einen beidseitigen Gewinn ermöglichen.

2. Der Versuch, mit Widersprüchen zu leben. Sowohl ein Individuum als auch eine Gemeinschaft kann flexibler auf innere und äussere Veränderungen reagieren, wenn widersprüchliche Bewertungen zugelassen werden.

 

 

 

 

 

 

 

English Translation

 

An English translation of this paper is available from Competing Life Goals.

 

 

 

 

 

1. Einleitung

 

 

Ausgangslage

In einer Diskussion zum Thema Lebensphilosophie kann man feststellen, dass die Teilnehmer trotz rationaler Argumentation oft zu völlig verschiedenen Schlussfolgerungen kommen.

 

 

Problemstellung

         Wie ist es möglich, dass rational denkende Menschen völlig verschiedene Lebensphilosophien verfolgen?

         Wie ist es möglich, dass sogar eine einzelne Person trotz rationaler Reflexion nicht zu einer widerspruchsfreien Lebensphilosophie gelangt?

         Wie kann man mit diesen Widersprüchen umgehen?

 

 

 

 

2. Die Struktur der Lebensziele

 

 

2.1  Hinduismus

 

In der heutigen Zeit ist die Vielfalt der Lebensziele fast unüberblickbar. Um die Zielkonflikte etwas konkreter untersuchen zu können, muss man versuchen, diese Vielfalt auf eine einfache Struktur zurückzuführen. Die folgende Struktur der Lebensziele (Purusarthas) ist dem Hinduismus entnommen und beruht auf einer mehrtausendjährigen Erfahrung. Sie ist in diesem Sinne eine Erkenntnis in Bezug auf die grundlegenden Charakter-Merkmale des Menschen, ein Resultat der Anthropologie.

 

Der Hinduismus formuliert vier Lebensweisen bzw. Lebensziele welche den Veden entnommen sind:

1.      Der Genuss von Sinnesfreuden (Kama)

2.      Der Erwerb und die Weitergabe von materiellem Wohlstand im Rahmen von Familie und Gesellschaft. (Artha)

3.      Ein rechtschaffenes Leben im Einklang mit moralischen Grundsätzen (Dharma).

4.      Die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und aus der fundamentalen Unwissenheit (Moksha).

 

 

Liebe und Genuss

Kama

vitales Ziel

das Angenehme

Macht

Artha

ökonomisches Ziel

das Nützliche

Gerechtigkeit

Dharma

ethisches Ziel

das Gerechte

Erlösung

Moksha

ultimatives Ziel

die Erlösung

 

 

 

2.2  Plato

 

Die hinduistischen Lebensziele lassen sich den platonischen Kardinaltugenden zuordnen.

Die Gruppe von vier Haupttugenden ist erstmals bei dem griechischen Dichter Aischylos belegt, in seinem 467 v. Chr. entstandenen Stück Sieben gegen Theben (Vers 610). Er scheint sie als bekannt vorauszusetzen; daher wird vermutet, dass sie schon im griechischen Adel des 6. Jahrhunderts v. Chr. geläufig waren (…)

Platon übernahm in seinen Dialogen Politeia und Nomoi die Idee der Vierergruppe. Er behielt die Tapferkeit, die Gerechtigkeit und die Verständigkeit bei, ersetzte aber die Frömmigkeit durch Klugheit oder Weisheit. Durch diesen Schritt wurde die Frömmigkeit aus dem Tugendkatalog verdrängt (Kardinaltugend, Wikipedia).

 

Tugenden sind Verhaltensmuster und diese sind auf Ziele ausgerichtet. Die platonischen Kardinaltugenden sind auf die hinduistischen Lebensziele ausgerichtet mit folgenden Präzisierungen:

1)      Die spirituelle Dimension von Moksha verweist auf die ursprüngliche Kardinaltugend Frömmigkeit, die erkenntnistheoretische Dimension auf die Kardinaltugend Weisheit. Die Fähigkeit sich von der Umwelt (und den eigenen psychischen Vorgängen) zu distanzieren und sie zu reflektieren diente ursprünglich dem Überleben. Im Laufe der Kulturgeschichte wurde aber der Weg zum Ziel:

a)      In der griechischen Kultur wurde Erkenntnis als Selbstzweck bzw. Lebensziel anerkannt

b)      In der indischen Kultur wurde der Rückzug von der Welt als Lebensziel anerkannt.

2)      Der Begriff Dharma definiert eine bereits existierende und (wegen der Wiedergeburtslehre) als gerecht empfundene Ordnung. Die Tugend, welche dem Dharma dient, ist durch Achtung vor dem Gesetz, Dienst an der Gemeinschaft und Pflichterfüllung charakterisiert. Einen „Kampf um Gerechtigkeit“, kann es nur geben, wenn das Dharma gefährdet ist.

 

 

 

Moksha

Weisheit

 

Artha

Tapferkeit

 

Dharma

Gerechtigkeit

 

Kama

Mässigung

 

 

 

2.3  Aristoteles

 

Aristoteles hat die Philosophie seines Lehrmeisters Platon (vor allem die Ideenlehre) weitgehend abgelehnt und in seinem Werk Nikomachische Ethik eine eigene Ethik entworfen. Beide haben sie jedoch eine Tugend-Ethik entwickelt und der Einfluss der platonischen Kardinaltugenden auf die Lebensformen und die Mesotes-Lehre des Aristoteles ist offensichtlich. Im Kontext der Analyse des guten Lebens unterscheidet Aristoteles drei Lebensformen:

1)      das Genussleben – mit dem Ziel Lust;

2)      das politische Leben – mit dem Ziel Ehre;

3)      das theoretische Leben – mit dem Ziel Erkenntnis

Diese lassen sich den platonischen Kardinaltugenden wie folgt zuordnen:

 

 

 

Theoretisches Leben

Weisheit

 

(Machtstreben)

Tapferkeit

 

Politisches Leben

Gerechtigkeit

 

Genussleben

Mässigung

 

 

Gelderwerb und Reichtum hält Aristoteles nicht für eine Lebensform, da Geld immer nur Mittel zu einem Zweck, aber nie selbst Ziel sei. Diese Sichtweise könnte damit zusammenhängen, dass Aristoteles’ persönlicher Erfolg durch intellektuelle Leistungen zustandekam. Trotzdem hält Aristoteles (wie die Hindus) auch äussere Güter wie Reichtum, Freunde und Macht  für Bedingungen, die hilfreich oder sogar notwendig sind, um glücklich zu werden (Aristoteles, Wikipedia). In diesem Aufsatz wird die hinduistische Position vertreten, nämlich dass individuelle Macht durchaus ein eigenständiges Lebensziel sein kann und sich klar vom Einhalten gesellschaftlicher Pflichten unterscheidet:

1.      Den Begriff Macht im Sinne von Sozialprestige hat Aristoteles vermutlich dem politischen Leben zugeordnet. Die antike griechische Gesellschaft orientierte sich stark am Begriff der Ehre.

2.      Im Weiteren darf man den Begriff Macht nicht auf die Dimension des materiellen Reichtums und der Ämter einschränken. Macht ist Einfluss in allgemeinster Form, Wirkung auf die anderen durch unverwechselbare Eigenschaften. Einfluss kann ausgeübt werden durch Klugheit, Schönheit, Stärke, Originalität usw. und steht oft in einem direkten Zusammenhang mit Selbstverwirklichung.

 

Tugenden, welche sich an der Mesotes-Lehre orientieren versuchen die Extreme zu vermeiden. Im Bereich des Genusslebens besteht das Ziel z.B. darin, die Mitte zwischen Sucht/Abhängigkeit und Gefühlskälte/Lustlosigkeit zu finden. Auf dieser Grundlage versuchte Aristoteles ein universell gültiges Charakterideal zu konstruieren. Dieser normative Anspruch wird aber durch die buddhistische und hellenistische Ethik in Frage gestellt, siehe The Moral Ideal of the Complete Life).

 

 

 

2.4  Persönlichkeits-Psychologie

 

 

Interaktions-Verhalten

Die hinduistischen Lebensziele lassen sich relativ gut mit Stilen in Verbindung bringen, welche aus der Faktorenanalyse des Interaktions-Verhaltens bekannt sind [DTV, S.213] [Berkowitz]. Diese Stile lassen sich gut durch die zwei Faktoren Dominanz (Durchsetzungsfähigkeit) und Affiliation (Geselligkeit) bzw. ihre Umkehrung Komplianz und Detachement beschreiben:

 

1.      Biologische Bedürfnisse, Expansion des Selbst

a.       Affiliation

b.      Dominanz

2.      Kulturelle Ideale, Selbst-Einschränkung

a.       Detachment

b.      Komplianz

 

 

 

Detachment

Moksha

 

Dominanz

Artha

 

 

Komplianz

Dharma

 

 

Affiliation

Kama

 

 

 

Der Begriff Dharma hat zwei Bedeutungen:

1.      Er bezeichnet die geltende Gesellschafts-Ordnung. In der Faktorenanalyse entspricht dies der Versuchsanordnung und der Autorität des Versuchsleiters. In dieser Bedeutung müsste das Wort Dharma über der Gesamtheit der vier Quadrate stehen.

2.      Er bezeichnet die Einhaltung der gesellschaftlichen Pflichten, d.h. eines von vier Lebenszielen

 

Für die Operationalisierung der beiden Faktoren Dominanz und Affiliation im Rahmen der Big Five siehe Interpersonelle Stile, Wikipedia.

 

 

Gewichtung der Lebensziele

Charaktereigenschaften wie das Interaktionsverhalten haben einen massgebenden Einfluss auf die Gewichtung der Lebensziele. Umgekehrt wirken die Erfahrungen mit den Lebenszielen auch wieder auf den Charakter zurück:

1.      Im Laufe der Lebensgeschichte spezialisiert sich das Individuum (aktiv) auf bestimmte Lebensziele oder wird durch Sozialisation (passiv) in die Rollen gedrängt, welche noch zu haben sind.

2.      Aktiv gewählte Lebensziele hängen mit lang andauernden oder transzendenten Erfahrungen zusammen. Erfahrungen mit dem Ausser-sich-sein vor Glück bestätigen oder verstärken die Bindung an intensive (biologische) Formen des Glücks. Ausser-sich-sein vor Schmerz führt zu einer Fluchtbewegung in risikoärmere Formen. Obwohl transzendente Erfahrungen häufig durch Zufall zustande kommen, werden sie als unmittelbar wahr empfunden und ihre Intensität kann selbst die Logik zu Fall bringen. Mehr zu diesem Thema in Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis.

 

 

 

2.5  Quervergleich

 

 

Dharma

Der Begriff Dharma umfasst nicht nur die soziale Ordnung der Gesellschaft sondern auch die Religion. Dharma ist das Bild einer idealen Gesellschaft, in welcher jeder seinen vorbestimmten Platz (Varna) hat.

 

Varna ist Sanskrit und bedeutet wörtlich „Klasse, Stand, Farbe“. Es gibt vier Varnas:

1.      Brahmanen (traditionell die intellektuelle Elite, Ausleger heiliger Schriften (Veda), Priester

2.      Kshatriyas (traditionell Krieger und Fürsten, höhere Beamte)

3.      Vaishyas (traditionell Händler, Kaufleute, Grundbesitzer, Landwirte)

4.      Shudras (traditionell Handwerker, Pachtbauern, Tagelöhner)

Darunter stehen die „Unberührbaren“, auch als Paria bekannt (Kaste, Wikipedia)

 

Aus Sicht der Aufklärung ist dieses Konzept ungerecht, weil das Prinzip der Chancengleichheit verletzt wird. Aus Sicht des Hinduismus ist das Dharma aber gerecht, weil der vorbestimmte Platz in der Gesellschaft ein Resultat des moralischen Verhaltens in vorangegangenen Lebenszyklen ist. Die Wiedergeburtslehre der Hindus ist unplausibel aber es ist doch interessant, dass man in manchen Bereichen wieder von egalitären Konzepten weggekommen ist (siehe z.B. Fall des Kommunismus 1989). Die Kasten sind vielfältig und durchlässig geworden aber es geht immer noch um das Prinzip der Spezialisierung:

1.      Die Chancengleichheit scheitert in unserer Gesellschaft an der Ungleichheit der angeborenen Begabungen. Sogar die Grundstruktur der Spezialisierung ist kaum verändert gegenüber dem Hinduismus: Philosophen und Theologen (die Nachfolger der Brahmanen) legitimieren oder heiligen immer noch Kriege und militärische Stärke schafft die Rahmenbedingungen, innerhalb welcher sich die Wirtschaft erst entfalten kann. Wissenschaftler kann man teilweise als Nachfolger der Brahmanen sehen. Sie verfügen heute über das Geheimwissen, welches der Kriegerkaste zum Sieg verhilft. In Friedenszeiten wird der klassische Krieg durch den Wirtschaftskrieg ersetzt.

2.      Für die Klassenschranken gibt es im Hinduismus z.T. extreme Beispiele. So dürfen die Parias z.B. nicht das Essgeschirr einer oberen Klasse benützen, weil sie als unrein gelten. In unserer Gesellschaft können die Armen aus Gründen der Kaufkraft kein (teures) Restaurant besuchen. Die Klassenschranken gelten nicht de jure aber de facto.

3.      Westliche Partnervermittlungsinstitute und auch selbstständig aktive Individuen bevorzugen in der Regel Partner aus der gleichen sozialen Schicht. Damit wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass auch die Kinder wieder der gleichen sozialen Schicht angehören.

 

Die Struktur des Idealstaates nach der Politeia zeigt Parallelen zum Kastensystem der Hindus, obwohl Plato die Magie der Brahmanen durch die Rationalität der Philosophen ersetzte.

Platon ordnet jedem der drei von ihm angenommenen Seelenteile und jedem der drei Stände seines Idealstaats eine Tugend zu, nämlich dem obersten Seelenteil bzw. Stand die Weisheit, dem zweitrangigen die Tapferkeit und dem niedersten die Verständigkeit oder Fähigkeit des Maßhaltens. Die Gerechtigkeit ist allen drei zugewiesen, sie sorgt für das rechte Zusammenwirken der Teile des Ganzen (Kardinaltugend, Wikipedia).

 

Im folgenden Diagramm wird Gerechtigkeit an die erste Stelle gesetzt, weil sie eine Art Rahmenbedingung darstellt für die übrigen Tugenden. Platon’s Struktur des Idealstaates bzw. das hinduistische Kastensystem ist Garant für soziale Stabilität, ähnlich wie das Gewaltmonopol in demokratischen Gesellschaften.

 

 

Kardinaltugend

 

Hinduismus

Platonismus

Gerechtigkeit

 

Alle

Alle

Weisheit

 

Brahmanen

Philosophen

Tapferkeit

 

Kshatriyas

Wächter

Masshalten

 

Untere Kasten

Niedrigster Stand

 

 

 

Moksha

Die Fähigkeit sich von der Umwelt (und den eigenen psychischen Vorgängen) zu distanzieren und sie zu reflektieren diente ursprünglich dem Überleben. Im Laufe der Kulturgeschichte wurde aber der Weg zum Ziel:

         In der griechischen Kultur wurde Weisheit als Selbstzweck bzw. Lebensziel anerkannt

         In der indischen Kultur wurde Moksha (die Befreiung vom Rad der Wiedergeburten) als Lebensziel anerkannt.

 

Das hinduistische Lebensziel Moksha (Erlösung) entspricht in seiner Priorität ungefähr dem aristotelischen Ziel der Weisheit.

Die höchste Glückseligkeit erreicht man nach Aristoteles durch die Tugend der Weisheit (Sophia). Denn die Weisheit, im Sinne der Kontemplation oder Meditation über die ersten Dinge und den Sinn des Lebens, ist die höchste Tätigkeit des höchsten Vermögens des Geistes (Tugendethik, Wikipedia)

Der Begriff Moksha hat aber nicht nur eine erkenntnistheoretische Dimension (Weisheit), sondern auch eine spirituelle. Die letztere ist verwandt mit der ursprünglichen Kardinaltugend Frömmigkeit, welche Platon durch Weisheit ersetzte.

 

Das Streben nach der Erlösung vom Leiden ist im Hinduismus ebenso gut eine sich selbst tragende Praxis wie die Suche nach Glück in der nikomachischen Ethik: das Leiden wird um seiner selbst willen vermieden. Und das höchste Lebensziel ist auch im Hinduismus nur durch einen tugendhaften Lebenswandel erreichbar. Die unterschiedliche Färbung des höchsten Lebenszieles kommt hauptsächlich durch das Weltbild zustande.

         Aristoteles akzeptiert die Welt „so wie ist“ und ästhetisiert ihre Gesetze.

         Die Hindus sehen die Welt als einen Ort des Leidens, den man (unfreiwillig) immer wieder aufsuchen muss und dem man zu entfliehen trachtet.

Die Fähigkeit zur Distanzierung ist eine emotionale Voraussetzung für Reflexion und Erkenntnis.

         Bei den Hindus dient diese Fähigkeit primär zur Distanzierung vom Ich (und damit der Loslösung von der Welt).

         Bei Aristoteles dient sie primär dazu die Position (Bestimmung, Rolle) des Ich in der Welt besser zu verstehen.

Auch die sokratische „Aufmerksamkeit nach innen“ dient eher der Bewältigung des Lebens als dem Loslösen von dieser Welt:

Für den antiken griechischen Philosophen Sokrates ist Selbsterkenntnis die Bedingung für Sittlichkeit (Selbsterkenntnis, Wikipedia).

 

Wie verhält sich das wissenschaftliche Erkenntnisstreben zum Begriff Moksha?

Die Position eines Wissenschaftlers nähert sich derjenigen eines Meditierenden, wenn er sich den tiefsten Fragen zuwendet. Während der Meditierende seine Werke aber immer wieder loslässt (vgl. Sand Mandala), tendiert der Wissenschaftler zu einer macht-orientierten Anhäufung des Wissens.

 

 

 

 

Dieses Mandala wurde dem Internet entommen

(Autor unbekannt)

 

 

Die Position des Wissenschaftlers nähert sich derjenigen eines Pantheisten, wenn sein Lebensziel darin besteht die Naturgesetze zu erkennen und sich damit zu identifizieren. Dabei gibt es einen fliessenden Übergang von Machtphantasien (Streben nach Allmacht und Allwissenheit) zu religiöser Hingabe (wie z.B. bei Spinoza). Wenn Erkenntnis hilft, sich von der materiellen Welt zu lösen und (in quasi meditativer Art) in eine geistige Welt einzutauchen, dann dient sie dem Lebensziel Erlösung.

 

Die Sonderstellung des Lebensziels Erlösung wurde erst nach der Degradierung der Religionen in der Aufklärung und Moderne (Nietzsche, Freud) angezweifelt. Noch Spinoza, welcher eine Verbindung von religiösen und naturwissenschaftlichen Weltbildern suchte, verwendete  Attribute wie „göttlich“, „notwendig“ und „gut“ für die Beschreibung der Naturgesetze. Ohne diese religiöse Dimension wird das Erkennen der „höchsten Wirklichkeit“ abgewertet und das Lebensziel Erlösung steht nicht mehr unbestritten vor dem Lebensziel Gerechtigkeit (siehe Kap.6).

 

 

 

 

3. Wahrnehmung und Interesse

 

 

3.1  Grundlagen

 

Für die weitere Untersuchung nehmen wir an, dass jedes Lebensziel in der Psyche durch eine Art Instanz vertreten wird. Jede dieser Instanzen beschreibt die Realität in einer Perspektive, welche ihrem spezifischen Interesse entgegenkommt:

 

 

kulturell orientierte

Wahrnehmung

biologisch orientierte

Wahrnehmung

die Sehnsucht nach Erlösung

Moksha

strategisch-taktische Sicht

Artha

Sinn für Gerechtigkeit

Dharma

mit den Augen der Liebe

Kama

 

 

1)      Biologisch orientierte Wahrnehmung:

a)      Kama: Der Verliebte verzerrt die Wahrnehmung in einer Art und Weise, welche die Attraktivität des Partners vergrössert.

b)      Artha: Der Machtmensch verzerrt die Wahrnehmung in einer Art und Weise, welche seinen Einfluss vergrössert. Beispiele: Politiker, Lobbist, Rechtsanwalt.

2)      Kulturell orientierte Wahrnehmung:

a)      Moksha: Der Meditierende konzentriert sich auf sein Inneres und löst sich vom Rest der Welt. Die Konzentration wird erleichtert durch eine geschützte Umgebung (Rückzugsort).

b)      Dharma: Der Sinn für Gerechtigkeit ist die Fähigkeit, ein moralisches Problem unabhängig von individuellen Interessen zu bewerten. Er entspricht deshalb einer unverzerrten Wahrnehmung.

 

Charaktereigenschaften haben einen massgebenden Einfluss auf die Gewichtung der Lebensziele. Umgekehrt wirken die Erfahrungen mit den Lebenszielen auch wieder auf den Charakter zurück: Die Thematik der verschiedenen Sichtweisen, welche durch unterschiedliche Konstitution und Erfahrungen bedingt sind, wird z.B. in der Erzählung Das vollkommene Leben [Hampe] aufgegriffen.

 

Aus evolutionärer Sicht handelt es sich bei den verschiedenen Lebenszielen um verschiedene Überlebensstrategien. Die Erfüllung der verschiedenen Lebensziele wird mit verschiedenen Arten von Glücksgefühlen belohnt, ist aber auch mit spezifischen Risiken verknüpft. Dieser Zusammenhang wird im Folgenden genauer untersucht:

 

 

 

3.2  Mit den Augen der Liebe

 

 

Definition

Der Ausdruck „mit den Augen der Liebe“ bezeichnet eine Form der Wahrnehmung, welche die Bindung an ein Liebesobjekt bestätigt bzw. verstärkt:

Verliebtheit wird nach Ansicht von Psychologen von einer Einengung des Bewusstseins begleitet, die zur Fehleinschätzung des Objektes der Zuneigung führen kann. Fehler des anderen können übersehen oder als besonders positive Attribute erlebt werden (Verliebtheit, Wikipedia)

Die Augen der Liebe blicken durch die sog. Rosabrille:

Der Farbton „rosa“ wird im Sinne von ‚optimistisch, erfreulich, positiv‘ genutzt, diese Deutung geht auf rosig beziehungsweise rosarot zurück. Wendungen mit dieser Bedeutung sind „rosige Zeiten“ (…) oder „alles durch eine rosa(rote) Brille sehen“ (…). Die weiterführende Bedeutung ist „unrealistisch, verklärend“, wie in „die Zukunft in rosigem Licht sehen“ oder „für sie ist die Welt rosarot“ (Rosa, Wikipedia)

Im Falle der Elternliebe wird die Wahrnehmung so verzerrt, dass das eigene Kind schöner, intelligenter, geschickter oder ganz einfach liebenswerter ist als die anderen.

 

 

Evolutionäre Sicht

Die häufigsten Formen der Liebe können mit folgenden biologischen Strategien erklärt werden:

1.      Maximale Verbreitung der eigenen Gene durch möglichst viele und/oder möglichst überlebenstüchtige Partner. Kinder zu haben ist für viele Menschen das sinngebende Lebensziel.

2.      Verwandtenselektion

 

Das Prinzip der Verwandtenselektion besagt, dass sich ein Verhalten in der Selektion bewährt, das die Verbreitung und Eignung der Gene nicht nur individuell, sondern auch über Verwandte maximiert. Je näher zwei Individuen miteinander verwandt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie Träger gleicher Gene sind. Altruistisches (nichtegoistisches) Verhalten gegenüber Verwandten steigert also die Verbreitung der eigenen Gene und ist umso lohnender, je höher der Verwandtschaftsgrad ist.

 (Soziobiologie, Wikipedia)

Mutterliebe ist biologischer Altruismus und deshalb aus genetischer Sicht nicht selbstlos.

 

Nicht-biologischer Altruismus wird in diesem Aufsatz dem Lebensziel Gerechtigkeit zugeordnet. Religiöse Liebe wird dem Lebensziel Erlösung zugeordnet.

 

 

Das Glück der Liebenden

Das Gefühl der Liebe hat unzählige Facetten [Burkhart, 177]. Wir wollen hier nur kurz den Aspekt der Spontaneität ansprechen, welcher für die Verliebtheit typisch ist. Liebesglück ist oft nur möglich durch die Abwertung von Wissen und Erfahrung, durch „Leben im Augenblick“, durch den Versuch, die Dinge wieder so zu sehen wie das erste Mal. Die Vernichtung von unangenehmen Erinnerungen und schmerzlichen Erfahrungen ist eine Strategie, welche das Leben immer wieder hoffnungsvoll und unschuldig erscheinen lässt. Die Geschichte wird von Siegern geschrieben und die junge Generation, welche die Liebe neu entdeckt, strahlt eine Gewinner-Mentalität aus, weil sie noch nicht besiegt ist. Die Fähigkeit, die Dinge so zu sehen wie beim ersten Mal versetzt uns aber auch in die Situation eines Kindes, welches nicht weiss, dass das Feuer weh tut [Brenner, 249]:

1.      Spontane Verliebtheit führt oft zu Konflikten mit Rivalen, mit der Familie oder mit gesellschaftlichen Normen

2.      Verliebtheit ist meist kein Dauerzustand; sie flaut ab und löst sich auf.

3.      Die Gefühle des Verliebtseins können einseitig sein, müssen also nicht erwidert werden.

4.      Verliebtheit ist mit Suchtmechanismen verknüpft und erzeugt Abhängigkeit. Gescheiterte Liebesbeziehungen enden oft in einer Ersatz-Sucht.

Bei den Makassar-Stämmen wird Verliebtheit mit allen ihren körperlichen Nebenwirkungen als typisches Phänomen der Jugend, sogar als Krankheit angesehen. Betroffene sind überzeugt, deswegen dringend einen Heiler für eine Therapie dagegen aufsuchen zu müssen (Verliebtheit, Wikipedia)

Schmerzhafte Erfahrungen mit spontaner Verliebtheit begünstigen risikoärmere, altruistisch oder religiös gefärbte Formen der Liebe.

Vermutlich aus all diesen Gründen wurde das Lebensziel Liebe im Hinduismus als niedrigstes eingestuft. Anderseits ist es das einzige Lebensziel, welches direkt mit dem Namen eines Gottes (Kama) in Verbindung gebracht wird. Der Verliebte betritt eine Welt der Magie und überlässt sein Schicksal einer göttlichen Kraft. Mehr dazu in Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis.

 

 

 

3.3  Die strategisch-taktische Sicht

 

 

Definition

Als Strategie (von altgriech. strategós: Feldherrentum, Feldherrenkunst) wird in der Militärtheorie und in der Kriegsführung der zielgerichtete Einsatz von Gewalt oder die zielgerichtete Gewaltandrohung zu politischen Zwecken bezeichnet. Dem preußischen Offizier Carl von Clausewitz gelang es mit seinem Standardwerk „Vom Kriege“ als Erstem, eine umfassende, jedoch nicht allgemeingültige Theorie der Kriegsführung aufzustellen. Clausewitz sah es als geboten an, dass sich das Militär den Weisungen der Politik zu unterwerfen und als Instrument der Politik zu verstehen habe (Strategie, Wikipedia)

 

Eine gute Illustration von Kriegslisten geben die 36 chinesischen Strategeme.

 

Die Strategeme sind in China Allgemeingut. Sie sind Schullesestoff und werden als Cartoons gedruckt.

Beispiele:

1.      Mit dem Messer eines anderen töten

2.      Im Osten lärmen, im Westen angreifen

3.      Auf das Gras schlagen, um die Schlange aufzuscheuchen

4.      Den Tiger vom Berg in die Ebene locken

5.      Sich mit dem fernen Feind verbünden, um den Nachbarn anzugreifen

6.      Die List der schönen Frau

7.      Die List des Zwietrachtsäens

usw.

In China wird das Durchschauen und Anwenden von List hoch geachtet und gepflegt. Chinesische Autoren haben unterschiedliche Überlistungstechniken benannt und systematisiert. Dies steht im Gegensatz zur europäischen Tradition, die die Anwendung von Listen und Täuschungen ächtete (Strategeme, Wikipedia)

 

 

Verallgemeinerung

Ausgehend vom Kontext des Krieges, wurden die Begriffe Strategie und Taktik nach und nach verallgemeinert und auf andere Formen der Machterhaltung und Machtvergrösserung ausgedehnt.

Beispiele:

1.      Strategie in der Wirtschaft

2.      Strategie in der Spieltheorie

 

In beiden Beispielen werden gewaltlose Mittel eingesetzt. Im zweiten Beispiel ist der Begriff Macht auch nicht mehr auf materielle Werte beschränkt. Bei immateriellen Werten geht es um Einfluss, Prestige, Ehre usw. oder nur noch um einen abstrakten Gewinn. Die strategisch-taktische Sichtweise ist charakterisiert durch:

1.      Eine verzerrte Interpretation (Gewichtung) der Daten, soweit dies möglich und zum eigenen Vorteil ist

2.      Vorausschau (Simulation von Varianten)

3.      Suchen der besten bzw. optimalen Lösung

 

Die strategisch-taktische Sichtweise ist einerseits (in Bezug auf die Methodik) die Wiege der Wissenschaft, anderseits (in Bezug auf den Inhalt) aber auch ein Gegenprogramm, weil sie die Wirklichkeit zu ihrem eigenen Vorteil formen will. Information ist strategisch-taktisch gesehen ein Mittel zum Zweck. Eine realitätsnahe Beschreibung ist deshalb nicht unbedingt erwünscht. Das Unterschlagen und Verzerren von Informationen kann sich sogar auf die Beschreibung der Naturgesetze beziehen. Man muss nur dafür sorgen, dass der Gegner seine (realistischeren) Informationen nicht verbreiten kann.

 

 

Evolutionäre Sicht

Die Überlebensstrategie Macht ist ein Teilaspekt innerhalb Darwins Begriff der besten Anpassung. Macht kann über entscheidend sein im Kampf um Resourcen. Wer sich in diesem Kampf bewährt, gewinnt an Sozialprestige und Attraktivität; Dominanz ist eines der wichtigsten Selektionskriterien bei der Partnerwahl. In manchen Kulturen ist männliche Macht auch sehr direkt mit der Zahl der tolerierten Ehefrauen und Geliebten (und der entsprechenden Zahl von Nachkommen) verknüpft.

 

 

Das Glück des Erfolgreichen

Macht und Einfluss sind mit einem sehr direkten, biologisch bedingten Glücksgefühl verbunden und gelten als massgebende Dimensionen des sozialen Status. Ein hoher sozialer Status wiederum verbessert die Chancen Freunde und Partner zu gewinnen, welche zum persönlichen Glück beitragen. Je nach den geltenden sozialen Regeln sind die Zusammenhänge aber komplizierter. Eine Zunahme der Macht kann eine Zunahme der Freiheit (auf Kosten der anderen) bedeuten, aber auch das Gegenteil, d.h. eine Abnahme der Freiheit durch stärkere soziale Kontrolle.

Beispiel: Der Chef eines afrikanischen Dorfes hat vielerorts noch das Recht auf eine fast unbeschränkte Zahl von Ehefrauen und Mätressen. In Korea gibt es einen jahrhundertealten Brauch für die Männer der Oberschicht, mehrere Konkubinen zu halten [Seelmann, 2009]. Der amerikanische Präsident Bill Clinton hingegen wurde wegen einer Liebesaffäre fast seines Amtes enthoben.

Das Glück des Erfolgreichen ist ständig bedroht durch Konkurrenten, Neider, eigene Schwächen und die zufällige Verkettung unglücklicher Umstände. Das Risiko Macht und Einfluss zu verlieren ist omnipräsent.

Betreffend transzendente Erfahrungen im Bereich der Macht siehe Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis.

 

 

 

3.4  Der Sinn für Gerechtigkeit

 

 

Definition

Ein Konzept welches das Prädikat “unparteiisch” oder „gerecht“ verdient, ist dasjenige des Urzustandes (engl. Original Position) von John Rawls. Das Interesse, welches hinter diesem Konzept steckt, könnte man als Interesse eines noch ungeborenen Menschen bezeichnen, der nicht weiss, mit welchen Eigenschaften und in welcher gesellschaftlichen Position er geboren wird. Interessen verzerren die Wahrnehmung, aber in diesem Falle besteht das Interesse genau darin, individuelle und temporäre Gewichtungen auszuschalten. Das Konzept von Rawls steht in der Tradition von Kant und geht davon aus, dass ein Gesellschaftsvertrag nur dann mehrheitsfähig ist, wenn er öffentlich begründet werden kann. Rawls vertraut auf die normative Kraft der Vernunft. Vernünftige Vertragsteilnehmer unterwerfen sich dem Gewaltmonopol des Staates, wenn dieser demokratisch organisiert ist und Minderheiten schützt.

 

 

Hedonistische Sicht

Die Annahme, dass die Vernunft ein besseres Leben ermöglicht als eine irrationale Weltanschauung ist heftig umstritten. Es dürfte schwierig sein nachzuweisen, dass die „aufgeklärten“, besitzgierigen Menschen in den Industriestaaten glücklicher leben als diejenigen in einer animistischen, nomadischen Kultur. Es dürfte aber gleichermassen schwierig sein nachzuweisen, dass die Industriestaaten einer Vernunft-Ethik folgen. Es handelt sich eher um zweck-rationale Gemeinschaften welche in einem gnadenlosen Wettbewerb mit irrationalen Kulturen stehen. Wir wollen deshalb an unserer These von der heilenden Wirkung der Vernunft festhalten:

1.      Die Vernunft ist ein Werkzeug, um die Entstehung und Ausbreitung des Leidens zu erkennen und dagegen anzukämpfen.

2.      Wir begründen das Primat der Vernunft mit dieser Heilwirkung.

Damit ist aber nichts gesagt über die Chancen der Vernunftethik im Konkurrenzkampf der Ethiken. Die Förderung des Glücks bzw. die Bekämpfung des Leidens muss nicht unbedingt die Überlebens-Chancen verbessern.

 

 

Evolutionäre Sicht

1.      Der Begriff Gerechtigkeit wurde ursprünglich von Siegern, Herrschenden und Privilegierten defniert. Aus evolutionärer Sicht dauert der Kampf der Privilegierten gegen die Benachteiligten (und umgekehrt) solange, bis James Buchanans anarchistisches Gleichgewicht erreicht ist, d.h. bis der Grenznutzen der Eroberungsaufwendungen und die Grenzkosten der Verteidigungsanstrengungen sich die Waage halten.

2.      Das Engagement für Gerechtigkeit is ambivalent. Es erhöht das Sozialprestige bei den Unterprivilegierten (und damit die Überlebens-Chancen) aber es erhöht auch das Risiko, von den Privilegierten elimniert zu werden.

Der Ursprung des Engagements für Gerechtigkeit ist wahrscheinlich die biologischen Nutzenfunktion, d.h. die Aufopferung für die Familie mit einer entsprechenden biologischen Belohnung. Der selbstlose Einsatz für Gerechtigkeit würde wahrscheinlich von Nietzsche als degenerierte Form dieser Strategie gedeutet.

 

 

Das Glück des Unparteiischen

1.      Das Glück des Unparteiischen ist das Glück eines Idealisten. Das eigene Schicksal, insbesondere die eigene Sterblichkeit, verliert an Bedeutung, siehe dazu Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis.

2.      Vernunft-orientierte Gerechtigkeit ist ein kultureller Sinngeber, ein emotionales Fundament, welches tragender ist als individuelle Macht. Das Risiko besteht in der Verfolgung und Bestrafung des Gerechten durch ungerechte Herrschaftssysteme. Das Scheitern der Bemühungen ist ein Risiko, welches der Unparteiische mit allen Idealisten teilt.

3.      Der Urzustand ist geeignet um Multi-Generations-Projekte wie Verfassungen, Bevölkerungspolitik oder technologischen Fortschritt zu bewerten. Aber ist er auch geeignet um die verschiedenen Auffassungen über die „richtige“ Lebensweise zu bewerten? Diese Frage muss man wahrscheinlich bejahen, weil es inkonsequent wäre, ein Konzept für die Definition von Verfassungen zu verwenden, in der Erziehung und Bildung aber abzulehnen. Wenn der Entscheidungsträger im Urzustand vernünftig ist, dann versucht er vernünftige Formen des Glücks über entsprechende Bildungs-Ideale zu fördern. Verfassung und Gesetze definieren die Grenzen der Toleranz bei der Glückssuche, siehe Moral Relativism and the Search for Happiness.

 

 

 

3.5  Die Sehnsucht nach Erlösung

 

 

Definition

In diesem Aufsatz wird der Begriff Erlösung – in Anlehnung an den hinduistischen Begriff Moksha – als soteriologische Erlösung vom Leiden verstanden.

Die Sehnsucht nach Erlösung führt zur Flucht in eine andere Welt, wobei die Alltagserfahrungen als Schein-Wirklichkeit oder Übergangs-Stadium abgewertet werden. (z.B. das hinduistische Konzept der Maja). Innerhalb eines naturwissenschaftlichen Weltbildes könnte man die Alltagserfahrungen z.B. aus Sicht der Quantenphysik als Scheinwelt bezeichnen.

 

 

Evolutionäre Sicht

Das Lebensziel Erlösung ist ursprünglich eine Strategie des Rückzuges von Konflikten. Rückzug bedeutet, dass man nicht gegen die herrschende Macht opponiert. Durch den Machtverzicht bietet man wenig Angriffsfläche (Strategie des „Nicht Auffallens“). Ein selbstloser Machtverzicht würde von Nietzsche als degenerierte Form dieser Strategie gedeutet.

 

 

Das Glück des Meditierenden

Einsichts-Meditation versucht die Wahrnehmung zu kontrollieren und auf die mentalen Prozesse zu konzentrieren. Das Ziel besteht darin, ein neutraler Beobachter seiner selbst zu werden. Wenn dies gelingt, dann gehören die beobachteten Prozesse nicht mehr zum „Ich“. Die Energie, welche mit den Prozessen verknüpft war, wird losgelöst und verwandelt sich in eine frei fliessende Energie; ein Zustand welcher als Abwesenheit von Leiden wahrgenommen wird. Die Einsichtsmeditation kann auf zwei Arten gedeutet werden:

1)      Die Psychoanalyse betrachtet sie als eine Art von Regression (Rückfall in einen fötalen Status)

2)      Hindus vertreten die Meinung, dass die Einsichts-Meditation eine tiefgründige Wahrnehmung der Realität darstellt und dass wir im Alltagsleben mit Illusionen (Maja) konfrontiert sind.

Unabhängig von dieser erkenntnistheoretischen Auseinandersetzung können wir sagen, dass die Meditation eine kontrollierte Art darstellt, das Ego zu verlassen, während der Tod in der Regel eine unerwünschte und unkontrollierte Alternative darstellt. Freiwillig sein Ego zu verlassen löst ganz andere Gefühle aus, als vom eigenen Körper „betrogen“ und verlassen zu werden. Wir können deshalb die Meditation als eine Übung betrachten, welche uns hilft die Angst vor dem Tod zu überwinden. Mehr zu diesem Thema in Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis.

 

 

Erlösung durch Erkenntnis

In fast allen Religionen wird die Erfahrung der höchsten Wirklichkeit angestrebt (das hinduistische Samadhi, das buddhistische Nirwana, die christliche Mystik). Bei Aristoteles hat das Erkennen der Naturgesetze einen pantheistischen Charakter, sodass eine Verbindung entsteht zwischen dem wissenschaftlichen Erkennen der Naturgesetze und dem introspektiven Erkennen der höchsten Wirklichkeit.

Im Hinduismus wird der Begriff Weisheit nicht nur mit intellektueller, sondern auch mit emotionaler Erfahrung assoziiert. Die mit dem Alter zunehmende Risiko-Aversion ist das Resultat von Lernen durch Erfahrung.

1.      Jede Art von Leiden kann als ein Leiden an der Vergänglichkeit interpretiert werden, weil jeder glückliche oder angenehme Zustand (z.B. körperliche Unversehrtheit) nur eine beschränkte Zeit dauert.

2.      Durch die Identifikation mit unvergänglichen Werten entsteht ein Gefühl der Unsterblichkeit.

 

Das Streben nach Erkenntnis und das Streben nach Glück werden oft als Zielkonflikt gesehen, der nur gelöst werden kann, indem man sich für das eine oder andere entscheidet, z.B. in der folgenden Art:

 

 

 

 

Lieber ein unglücklicher Sokrates

als ein glückliches Schwein.

 

Autor unbekannt

 

 

 

 

Die oben stehende Betrachtung macht aber deutlich, dass dieser Konflikt keine universelle Gültigkeit hat:

         Das aristotelische Konzept verbindet Erkenntnisstreben mit der beständigsten Form von Glück.

         Im Hinduismus führt das Erkenntnisstreben und zur Befreiung vom Leiden und zum spirituellen Überleben (Brahman).

         Im Buddhismus wird das spirituelle Überleben als eine Hilfskonstruktion betrachtet, welche genau dann nicht mehr benötigt wird, wenn im Zustand der Wunschlosigkeit (Nirwana) auch der Wille zu überleben verschwindet.

Für mehr Informationen zum Thema Mystik und Erlösung siehe Erkenntnis und Transzendenz in der Lebenspraxis.

 

 

 

 

4. Ethik und Interesse

 

 

4.1  Grundlagen

 

Im Laufe der kulturellen Evolution entwickelten sich die biologischen Strategien (Kap.3) zu Ethiken mit je eigenen Rationalisierungen. Da jede Ethik mit einer spezifischen Wahrnehmung (Intuition, Sichtweise, Weltbild) ausgerüstet ist, versucht sie die Realität zu ihren Gunsten zu interpretieren [Habermas].

 

 

 

Buddha

Moksha

 

Nietzsche

Artha

 

 

Rawls

Dharma

 

 

Freud

Kama

 

 

 

Wir untersuchen im Folgenden einige grundlegende Typen von säkularen Ethiken:

1.      Individualistische Ethiken (Nietzsche, Freud)

2.      Normative Ethiken (Rawls, Buddha)

 

 

 

4.2  Freud

 

 

Das Lustprinzip

Die Zuordnung von Freud zum Lebensziel Kama wird aufgrund der zentralen Stellung begründet, welche das Lustprinzip in der Psychoanalyse einnimmt.

Die Herkunft aller Formen der Lust, die auf der biologischen Ebene erkennbar werden, sah Freud über die Deutung der Träume in einer universalen, triebenergetischen Lebenskraft, die er die „Libido“ nannte (…). Wissenschaftlich vergleichbar ist der Begriff „Libido“ dem der „Lebenskraft“ bzw. „elan vital“ im Sinn Henri Bergsons (Lustprinzip, Wikipedia).

 

Freud führte die zahlreichen 'hysterischen' Anfälle in der damaligen Gesellschaft (vor allem bei den Mädchen aus vornehmen Häusern) auf die Unterdrückung der biologischen Wünsche zurück. Durch die krankmachenden gesellschaftlichen Vorschriften wurde der Arzt und Heiler Freud fast zwangsläufig zum Anwalt der unterdrückten Triebe. Den Begriff Ethik ordnete er den krankmachenden (insbesondere religiös begründeten) Vorschriften zu, sodass der Begriff Heilung mit einer Abwendung oder Befreiung von Ethik (bzw. Religion) verknüpft wurde. Um von einer Ethik Freuds zu sprechen, muss man sich vom traditionellen Begriff der Ethik lösen. Da Freud versucht, das Leiden seiner Patienten durch Bewusstmachen der unterdrückten biologischen Wünsche zu heilen, könnte man dieser Bewusstmachung einen moralischen Wert zuordnen. Psychoanalyse steht in Konflikt mit Offenbarungsreligionen, weil sie Religionen deutet, anstatt die Deutungshoheit der Religion zu anerkennen. Das generelle Hinterfragen von Normen macht aber auch vor anderen kulturellen Einrichtungen (wie eben der traditionellen Ethik) nicht halt:

 

 

Kulturkritik

Von der Einschätzung, dass die Religion eine illusionäre, aber doch äusserst relevante Gestaltungskraft in der Kultur darstellt, kommt Freud zu einem generellen Verdacht gegenüber den Institutionen des kulturellen Lebens (…):

„Wenn wir die religiösen Lehren als Illusionen erkannt haben, erhebt sich sofort die weitere Frage, ob nicht auch anderer Kulturbesitz, den wir hochhalten und von dem wir unser Leben beherrschen lassen, ähnlicher Natur ist. Ob nicht die Voraussetzungen, die unsere staatlichen Einrichtungen regeln, gleichfalls Illusionen genannt werden müssen [Hampe, 186]

Mit „Illusion“ ist hier „glücksversprechende Illusion“ gemeint.

 

Wie wir gesehen hatten, bewältigt die Kultur in Freuds Augen „die Aggressionslust des Individuums“ dadurch, dass sie seine körperlichen und emotionalen Kräfte schwächt, indem sie ihm viele Nöte des Lebens abnimmt, auf diese Weise ihn jedoch letztlich „entwaffnet“ und durch ihre Normen „eine Instanz in seinem Inneren“ erschafft, ihn „wie durch eine Besatzung in der eroberten Stadt überwachen lässt.“ Die Überwachungsinstanz, die die Kultur zur Beherrschung der Aggression einsetzt, ist das Gewissen oder, wie Freud es nennt, das „Überich“. In dieser psychischen Instanz üben die verinnerlichten Wertvorstellungen, die Menschen von ihren Eltern in der Kindheit übernehmen, eine lebenslange Kontrolle aus [Hampe, 188]

 

Kultivierung bedeutet daher nicht ein Verschwinden der Aggression, sondern eine Umformung, bei der die zwischenmenschliche und gegen gestaltete Dinge gerichtete Aggression zu einer wird, die sich innerhalb des einzelnen Menschen, in seinem eigenen psychischen Leben abspielt; kurz gesagt: aus interindividueller Aggression wird innerindividuelle. Betrachtet man in einer etwas banalen Kategorisierung Aggression und Zerstörung als schlecht, Friedfertigkeit und Konstruktion als gut, so stellt die Kultivierung eines Menschen keineswegs eine Entwicklung zum Guten dar. Es scheint nur so, als würde sie das Zerstörerische der Aggression aus der Welt geschafft, es wird aber nur unter den Teppich gekehrt [Hampe, 190]

Die Thematik der kulturell kontrollierten Agression wird z.B. in der Novelle A Clockwork Orange von Anthony Burgess aufgegriffen.

 

 

Kulturpessimismus

Laut Freud können die kulturellen Glücksversprechungen nicht eingehalten werden. Dass die psychoanalytische Befreiung der Individuen eine Gesellschaft mit weniger Leiden produziert ist aber möglicherweise auch eine Utopie. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass reales Leiden einfacher zu ertragen ist als neurotisches Leiden. Man muss sich nur agressive „befreite“ Partner, Mitarbeiter, Jugendliche und Konkurrenten vorstellen um die gutbürgerlichen Neurosen wieder schätzen zu lernen. Für Freud ist die (biologische) Verknüpfung von Agression und Lust jedenfalls Anlass zu einem tiefgründigen Kulturpessimismus [Freud].

 

 

 

 

Die Idee der freien Entfaltung

der Persönlichkeit scheint ausgezeichnet,

solange man nicht auf Individuen stösst,

deren Persönlichkeit sich frei entfaltet hat.

 

Nicolas Gomez Davila

 

 

 

 

 

4.3  Nietzsche

 

 

Motivation

Nietzsche wollte anders als klassische Moralphilosophen keine Moral herleiten oder begründen, sondern die geschichtliche Entwicklung und die psychischen Voraussetzungen bestimmter moralischer Wertvorstellungen nachvollziehen (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).

Dies ist im Prinzip das Programm der deskriptiven Ethik. Nietzsche hat jedoch bestehende Ethiken in einer Art und Weise bewertet, welche weit von einer neutralen Beschreibung entfernt ist.

Unter den zahlreichen von Nietzsches Genealogie der Moral beeinflussten Denkern sind Sigmund Freud und Michel Foucault zu nennen (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).

 

 

Vorrede

In der Vorrede zu seiner Schrift kritisiert Nietzsche Paul Rées Der Ursprung der moralischen Empfindungen (1877). Rée und seinesgleichen seien viel zu sehr voreingenommen für moderne, utilitaristische und altruistische Moralvorstellungen, um die Genealogie der moralischen Werte zu verstehen (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).

 

 

Erste Abhandlung: Gut und Böse

Hier wird der von [Nietzsche 1878] seit Menschliches, Allzumenschliches angedeutete Unterschied zwischen einer Herren- und Sklavenmoral erläutert:

1.      Herren- und Sklavenmoral: Herrenmoral sei die Haltung der Herrschenden, die zu sich selbst und ihrem Leben Ja sagen könnten, während sie die anderen als „schlecht“ (Wortstamm: „schlicht“) abschätzten. Sklavenmoral sei die Haltung der „Elenden […], Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen […], Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen“, die zuerst ihr Gegenüber – die Herrschenden, Glücklichen, Ja-Sagenden – als „böse“ bewerteten und sich selbst dann als deren „guten“ Gegensatz ausmachten. Es sei vor allem die Moral des Christentums gewesen, die eine solche Sklavenmoral zum Teil selbst hervorgerufen, in jedem Fall aber begünstigt und sie dadurch zur herrschenden Moral gemacht habe.

2.      Ressentiment: Dies sei das Grundempfinden der Sklavenmoral. Aus Missgunst, Neid und Schwäche schüfen sich die „Missratenen“ eine imaginäre Welt (zum Beispiel das christliche Jenseits), in der sie selbst die Herrschenden sein und ihren Hass auf die „Vornehmen“ ausleben könnten. (Nietzsche, Wikipedia)

Die zweite Art der Wertung sieht Nietzsche im Judentum und Christentum, der ersten ordnet er das römische Reich, aber auch noch die Renaissance und Napoléon zu. Freilich würde der Gegensatz zwischen diesen Arten der Moral immer noch in einzelnen, zwiespältigen Menschen ausgekämpft; in den höheren und geistigeren Naturen seien heute beide Arten der Wertschätzung vorhanden und im Kampf miteinander. Im Ganzen sei allerdings die Sklavenmoral siegreich gewesen. Nietzsche selbst drückt mehrfach – wenn auch nicht ohne Vorbehalte und Differenzierungen – seine deutlich stärkere Sympathie für die „vornehme“ Weltsicht aus, und scheint zu hoffen, dass sie dank seiner Philosophie den Kampf gegen die „pöbelhafte“ Moral wieder aufnehmen kann (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).

 

Ein weiterer wichtiger Begriff in Nietzsche’s Moralkritik ist das Mitleid. Während der Pessimist Schopenhauer Mitleid ins Zentrum seiner Ethik gestellt hat, um seine Philosophie der Verneinung des Lebens umzusetzen, drehte Nietzsche die These vom Mitleiden nach seinem Bruch mit der Schopenhauerschen Philosophie um: Weil das Leben zu bejahen sei, gelte das Mitleid – als Mittel zur Verneinung – als Gefahr. Es vermehre das Leiden in der Welt und stehe dem schöpferischen Willen entgegen, der immer auch vernichten und überwinden müsse – andere oder auch sich selbst. Aktive Mitfreude im Gegensatz zum passiven Mitleid oder eine grundsätzliche Lebensbejahung (amor fati) seien die höheren und wichtigeren Werte (Nietzsche, Wikipedia).

 

 

 

 

Wer ein guter Mensch sein will, wird vom Leben bestraft.

 

Niccolò Machiavelli

 

 

 

 

Über Machiavelli schrieb Nietzsche: „Der Machiavellismus pur, sans mélange, cru, vert, dans toute sa force, dans tout son âpreté“ er war „übermenschlich, göttlich, transzendent, er wird von Menschen nie erreicht, höchstens gestreift“.

 

 

Zweite Abhandlung: „Schuld“, „schlechtes Gewissen“ und Verwandtes

Hierin untersucht Nietzsche die Herkunft der Idee, Menschen könnten „Verantwortung“ für etwas übernehmen, und das im Tierreich außergewöhnliche menschliche Gedächtnis überhaupt. Den moralischen Begriff der „Schuld“ sieht er im materiellen Begriff der „Schulden“ gegen einen Gläubiger begründet. Er deutet die vielfältigen vorgeblichen und realen Zwecke an, die die Strafe in der Geschichte diverser Kulturen gespielt habe. Sie sei, wie alle Tatbestände, unter neuen Machtkonstellationen immer neuen Interpretationen unterworfen gewesen. Das schlechte Gewissen hat nach Nietzsche seinen Ursprung in der Zivilisierung des Menschen, der unter dem Druck, in einer organisierten Gesellschaft zu leben, seinen aggressiven Trieb nach innen und gegen sich selbst lenke (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).

 

 

Dritte Abhandlung: was bedeuten asketische Ideale?

Nietzsche untersucht die unterschiedlichen Gestalten, in denen asketische Ideale in der Geschichte aufgetreten sind und heute auftreten, sowie ihre vielfältigen (vermeintlichen und tatsächlichen) Zwecke. Er deutet und bewertet das Verfolgen solcher Ideale bei Künstlern – Richard Wagners Parsifal als Beispiel –, Philosophen – besonders Schopenhauers Willensverneinung –, bei Priestern, bei den nach eigener Einschätzung „Guten und Gerechten“, bei Heiligen und schließlich auch bei modernen vermeintlichen Gegen-Idealisten, Atheisten, Wissenschaftlern und kritischen, antimetaphysischen Philosophen. Deren unbedingter „Wille zur Wahrheit“ sei die letzte, feine Gestalt des asketischen Ideals. Nach einer Betrachtung des gegenwärtigen und kommenden Nihilismus in Europa gibt Nietzsche einen letzten Grund an, warum bisher das asketische Ideal fast als einziges geehrt worden sei: nämlich schlicht in Ermangelung eines besseren Ideals. Der Mensch könne nicht „nicht wollen“, und so habe er bisher lieber noch in Nihilismus und Askese „das Nichts gewollt“ (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).

 

 

Nietzsche’s Moral

Die Gedankengänge werden von Nietzsche zu einer immer radikaleren Kritik am Christentum, etwa in Der Antichrist, gebündelt. Dieses sei nicht nur nihilistisch in dem Sinne, dass es der sinnlich wahrnehmbaren Welt jeden Wert abspreche – eine Kritik, die in Nietzsches Verständnis auch den Buddhismus trifft –, sondern im Gegensatz zum Buddhismus auch aus Ressentiment geboren. Das Christentum habe jede höhere Art Mensch und jede höhere Kultur und Wissenschaft behindert. In den späteren Schriften steigert Nietzsche die Kritik an allen bestehenden Normen und Werten: Sowohl in der bürgerlichen Moral als auch im Sozialismus und Anarchismus sieht er die Nachwirkungen der christlichen Lehren am Werk. Die ganze Moderne leide an décadence. Dagegen sei nun eine „Umwertung aller Werte“ nötig (Nietzsche, Wikipedia).

 

Alle drei Abhandlungen enden mit der Aussicht auf eine neue Moral, für die Nietzsche auf seinen Zarathustra verweist. Diese neue Moral ist allerdings nach Ansicht aller Rezipienten nicht so klar und deutlich zu erkennen wie Nietzsches Kritik der bisherigen „Moralen“ (Zur Genealogie der Moral, Wikipedia).

Dass diese neue Moral nicht so deutlich zu erkennen ist mag daran liegen, dass Nietzsche oft von einer Methode und nicht von einem Resultat spricht. Wenn man sein Konzept so versteht, dass jeder seine eigene Moral schaffen und mit anderen Ethiken konkurrieren muss, dann kann es kein eindeutiges Resultat geben. Mehr zu dieser Interpretation findet man in der Dissertation Moral als Selbsterschaffung von [Zerm]. Es ist jedoch fraglich, ob Nietzsche eine individuell und selbständig entwickelte Ethik akzeptieren würde, welche nach der Auflösung des Selbst trachtet (wie z.B. den Buddhismus). Seine Texte bewerten das Streben nach Macht und den Willen zum Überleben in einer durchaus normativen Art und Weise.

 

Freuds Ethik unterscheidet sich von derjenigen Nietzsches hauptsächlich dadurch, dass sie am unbewussten Wunsch nach Glück (bzw. Lust) festhält und den Wert der Kultur in Frage stellt, während Nietzsche jedes Opfer recht ist, um kulturelle Überlegenheit zu erreichen. Freuds und Schopenhauers Kulturpessimismus stellen den (moralischen) Wert des Lebens in Frage, während Nietzsche jede Geisteshaltung verwirft, welche das Überleben gefährdet. Nietzsche würde eher die Tätigkeit des Analysierens verwerfen, als ein pessimistisches Resultat zu akzeptieren.

 

 

4.4  Rawls

 

 

Gewaltmonopol

Die Vertragstheorie ist ursprünglich ein Gedankenexperiment, um staatliche Rechtsordnungen moralisch und institutionell zu begründen. Vertragstheorien versuchen, die vertraglich beschlossenen Gewaltmonopole als folgerichtige historische Entwicklung plausibel zu machen. Sie können als Gedankenexperiment verstanden werden, das sich in einen argumentationsstrategischen Dreischritt gliedert: NaturzustandGesellschaftsvertragGesellschaftszustand. Es wird von einem Naturzustand als rechtsfreiem Raum ausgegangen, in dem sich jeder mit jedem im Krieg befindet. Dabei wird die traditionelle christliche Vorstellung einer "Gnade von oben", die für den Frieden sorgt, ausgeblendet. Der Naturzustand ist so unerträglich, dass alle sich wünschen, ihn aufzulösen. Der Gesellschaftszustand als Rechtsraum, in dem die Gesellschaftsmitglieder geordnet zusammenleben, stellt sich als kleineres Übel dar. Daher postuliert die Vertragstheorie, dass diejenigen, die sich im Naturzustand befinden, durch einen Vertrag (also durch freiwillige Übereinkunft) in den Gesellschaftszustand übergehen. Die Vertragstheorie behauptet nicht, tatsächliche Ereignisse zu beschreiben, sondern ist hypothetisch. Das Gedankenexperiment versucht zu zeigen, dass der rechtsfreie Raum eine Gefangenendilemma-Situation mit sich bringe, also die Unmöglichkeit gegenseitigen Vertrauens. Die Anwendung des Rechts erscheint dann als friedenssichernder Ausweg.

(Vertragstheorie, Wikipedia)

 

 

Vertragskonzepte

1.      Die Vertragstheorie von Hobbes ist eine sehr pragmatische Art von Moral und ziemlich resistent gegen alle von Nietzsche angeführten Argumente. Ein Individuum entscheidet sich für einen sozialen Vertrag und gegen die Anarchie, weil es sich einen Vorteil davon erhofft. Die Starken und Mächtigen unterschreiben den Vertrag, weil sie gewillt sind, einen Preis für Stabilität zu bezahlen. Die Idee der rationalen Kooperation hat keine Beziehung zu den von Nietzsche kritisierten Grundlagen der Moral (göttlicher Wille, Mitleid, Nächstenliebe oder andere Ideale). Nachfolger von Hobbes sind z.B. Gauthier, Narveson und Buchanan.

2.      Kant geht von der Maxime aus, dass alle vor dem Gesetz gleich sein sollten, eine Forderung, welche ursprünglich gegen den Adel gerichtet war. Der gegenseitige Respekt (Autonomie des Individuums, Menschenwürde) führt zur Reziprozität der moralischen Ansprüche. Wenn Reziprozität auf alle angewendet wird, dann entsteht das Prinzip der moralischen Universalität [Ulrich, 32]. Kant forderte dass soziale Verträge öffentlich begründet werden müssen, sodass ihre Logik von jedermann nachvollzogen werden kann. Nachfolger von Kant sind z.B. Rawls und Scanlon .

(Die erste Art von Vertragstheorie wird im Englischen als Contractarianism bezeichnet, die zweite als Contractualism, siehe Contractarianism, Stanford Encyclopedia of Philosophy). Die Kantianische Linie der Vertragstheorie kann trotz ihres rationalen Denkansatzes als idealistisch bezeichnet werden und ist damit in der Schusslinie von Nietzsche. Die Idee der Autonomie und der Menschenwürde sind Errungenschaften der Aufklärung, d.h. ein Stück kulturelle Abwendung von biologischen Gesetzen. Die Idee des Zusammenlebens der Menschen auf der Grundlage von Vernunft ist ein kulturelles Phänomen. Falls die Vernunft-Ethiken dem Sozialdarwinismus auf Dauer überlegen sind, dann darf auch Nietzsche dieser milden Form von Idealismus zustimmen. Die Frage, ob die normative Kraft der Vernunft ausreicht ist aber völlig offen.

 

 

Freiheit und Solidarität

Der Übergang von der biologischen bzw. natürlichen Ordnung zu einer gewaltfreien, demokratischen Gesellschaftsstruktur entschärft viele Konflikte des Zusammenlebens, ist aber selbst auch mit Risiken behaftet. Laut [Freud] können aufgestaute Aggressionen innerhalb der Gemeinschaft können Gewaltausbrüchen gegen fremde Gemeinschaften oder gegen Minderheiten innerhalb der eigenen Gemeinschaft führen (z.B. gegen diejenigen, welche mit den ethischen Vorschriften am schlechtesten zurechtkommen). Gegen innen gerichtete Aggression kann auch die Verbreitung von Depressionen oder von neurotischen Verzerrungen des Charakters begünstigen. Das Rawl’sche Gerechtigkeitsideal ist ein mittlerer Weg zwischen ethischen Gesetzen welche stark in das individuelle Leben eingreifen (wie etwa bei strenggläubigen Juden oder Muslims) und einer gesetzlosen, anarchistischen Welt, welche nur die Starken und Anpassungsfähigen fördert. Gerechtigkeit im Sinne von Rawls ist kein Egalitarismus, sondern ein Ausbalancieren von Freiheit und Solidarität. Die biologischen Kräfte versuchen, die Gesetze in Richtung Sozialdarwinismus zu drängen. Rawls’ Konzept (marktwirtschaftliche Gesetze kombiniert mit einer Umverteilung) ist eine Verbindung von liberalen und sozialen Ideen, ein sog. Egalitärer Liberalismus.Für eine tiefgründige Analyse des Konfliktes zwischen Freiheit und Solidarität wird auf Rawls Theory of Justice verwiesen.

 

 

Intergenerationelle Gerechtigkeit

Unter dem Begriff intergenerationelle Gerechtigkeit werden zwei Themen angesprochen:

1.      Die Verantwortung gegenüber den Alten: Stichwort „drohender Kollaps der Sozialvorsorgesysteme, bedingt durch Geburtenrückgang und Überbevölkerung“.

2.      Die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen: Stichwort „Umweltverschmutzung, Verschlechterung der allgemeinen Lebensverhältnisse und Ausbeutung von Rohstoffen“.

Intergenerationelle Gerechtigkeit, Stefan J.W.Marti

Siehe auch Negative Utilitarianism and Justice und [Leist].

 

 

Privater Bereich

Betrachten wir zuerst die Rahmenbedingungen des Gesetzes: Das Rawls’sche Gerechtigkeitsideal unterstützt grundsätzlich den liberalen Standpunkt, solange die Freiheit des einen nicht die Freiheit des anderen einschränkt. Damit entsteht in vielen Bereichen des privaten Lebens eine Art Marktwirtschaft mit Angebot und Nachfrage. Es müssen zwar die gesetzlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden, im Übrigen aber gilt das Recht des Stärkeren. Das Privatrecht sieht, im Gegensatz zum öffentlichen Recht, eine aus der Privatautonomie abgeleitete Freiheit des Willens vor, die es dem Einzelnen gestattet, mit anderen in eine Rechtsbeziehung zu treten (oder auch darauf zu verzichten). Im Bereich der Partnerschaften muss z.B. jeder selbst versuchen, die für ihn beste Mischung aus Autonomie (Freiheit) und Gemeinsamkeit (Schutz) zu finden.

 

Weil Verfassungen für eine grosse Zahl von Menschen und für viele Generationen gelten, kommen die Überlegungen der Spieltheorie zum Tragen. Bei Verträgen in kleinen Gruppen ist diese Theorie nicht anwendbar. Tomas M.Scanlon, der populärste zeitgenössische Vertreter des Kontraktualismus entwickelte die pragmatischen Überlegungen beim Abschliessen von Verträgen zu einer ethischen Theorie [Scanlon].

 

Diese gründet auf zwei Ideen

1.      Ethik ist eine Angelegenheit zwischen Individuen

2.      Eine Tat muss darnach beurteilt werden, ob sie vor den anderen gerechtfertigt werden kann.

 

Dabei werden folgende Voraussetzungen gemacht:

1.      Alle Betroffenen sind vollständig informiert

2.      Sie denken rational

3.      Sie können frei entscheiden

 

Eine Tat ist dann moralisch vertretbar, wenn es unter diesen Bedingungen keine vernünftigen Gründe gibt, sie abzulehnen. Scanon konzentriert sich auf das, was moralisch falsch ist, nicht auf das was richtig sein könnte [Voorhoeve, 2]. Dieses Konzept erinnert an Karl Popper:

 

Es bringt Klarheit in die Fachgebiete der Ethik, wenn wir unsere Forderungen negativ formulieren [Popper, I9 n.2].

 

Der Kontraktualismus ist flexibler als die antike Tugendethik, weil er stets den Kontext der Tat miteinbezieht. Diebstahl kann z.B. entschuldigt werden, wenn der Dieb aus guten Gründen gestohlen hat (Contractualism, Wikipedia).

 

Die Schwächen des Konzeptes liegen in den Voraussetzungen:

1.      Die Betroffenen sind häufig ungleich informiert

2.      Es gibt kein rationales Denken unabhängig von Gefühlen

3.      Die Freiheit ist in der Praxis oft eingeschränkt (z.B. durch materielle Abhängigkeit)

Zudem:

         Offene und direkte Mitteilungen lösen nicht nur Probleme, sondern schaffen auch Konflikte.

         Nicht vertragsfähige aber leidensfähige Lebewesen werden nicht geschützt (z.B.geistig Behinderte und Tiere)

 

Die Ethik von Scanlon ist insofern verwandt mit dem moralischen Perfektionismus von Stanley Cavell als sie das Normative auf die Methode beschränkt und kein inhaltliches Ziel definiert.

 

 

 

4.5  Buddha

 

Der Buddhismus entstand in einem völlig anderen historischen Umfeld als Rawls’ Theory of Justice. Wir versuchen hier drei zentrale Werte des Buddhismus in die heutige Zeit zu übertragen:

 

 

Risiko-Aversion

1)      Die Mehrheit der Menschen hat eine natürliche Tendenz zur Risiko-Aversion. In der Regel verstärkt sich diese Aversion ab der Lebensmitte, weil die negativen Überraschungen zunehmen im Verhältnis zu den positiven Überraschungen. Die rückzugsorientierte Lebensweise der frühen Buddhisten nimmt diese Entwicklung schon voraus.

2)      Eine gerechte Verfassung lässt sich nicht gewaltlos in die Praxis umsetzen. Die schwierige Aufgabe besteht darin abzuschätzen, welches Leiden verursacht werden darf, um ein noch grösseres Leiden zu vermeiden. Der Buddhismus ist in solchen Abschätzungen ausgesprochen risikio-avers und vermutet, dass schon die Staatenbildung eine Fehlkonstruktion ist.

3)      Gerechtigkeit ist auch eine Frage des Wissens. Gut gemeinte Ideologien und Hilfsaktionen können die Lage verschlimmern, wenn man die kulturellen Mechanismen nicht tiefgründig versteht. Es ist deshalb eine Aufgabe jeder Vernunft-Ethik, die verschiedenen Kulturen möglichst gut zu verstehen. Dazu gehören insbesondere auch die Ambivalenz der Technik; siehe On the Perception of Risk and Benefit. Die vielen kleinen Entscheidungen in einer hoch-technisierten Kultur summieren sich zu gravierenden Auswirkungen auf das Ökosystem, auf einfachere Kulturen, auf die Tierwelt usw. Der Einzelne ist sich der Folgen nicht bewusst, weil sie indirekt oder langfristig sind. Man muss die strukturelle Gewalt des Systems erkennen, um gerecht zu handeln. Aus buddhistischer Sicht befinden wir uns auf dem falschen Weg wenn wir Komplexität schaffen, die uns nicht mehr erlaubt, die Folgen des täglichen Handelns abzuschätzen.

 

 

Mitgefühl

Mitgefühl hat wahrscheinlich eine evolutionäre Grundlage und diente ursprünglich der Verwandtenselektion. Mitgefühl hat aber auch einen kognitiven Aspekt. Es gibt gute Gründe in den Mitmenschen (eingeschlossen die zukünftigen Generationen) einen Teil unseres eigenen Selbst zu sehen.

1.      Es ist nicht eine individuelle Seele, welche wiedergeboren und einem Lernprozess unterworfen ist, aber es sind Gene, welche wiedergeboren werden und einem Lernprozess unterworfen sind. Der genetische Unterschied zwischen den Menschen beträgt nur ca. 0.5 % (siehe Mendel und die Mathematik der Vererbung); Menschen werden zu 99.5 % reinkarniert.

2.      Es gibt zwar viele Funktionen in unserer Psyche und in unserem Körper, die von einer ganz bestimmten Genkombination und Lebensgeschichte geprägt sind, aber die weitaus grösste Zahl der Funktionen haben wir mit allen Menschen gemeinsam. Insofern lebt ein Teil unseres Selbst in den anderen.

3.      Eine ähnliche Überlegung gilt auch für die Beziehung zwischen Menschen und leidensfähigen Tieren. Die genetische Übereinstimmung mit gewissen Primaten beträgt bis zu 98%.

Gefühlsmässig ist es schwierig diese Übereinstimmung zu sehen, weil der Phänotyp viel stärker variiert als der Genotyp. Was die Verbindung zu Mitmenschen betrifft ist es hilfreich, sich selbst aus einer gewissen Distanz betrachten. Wer die einzelnen Stationen (Phasen) seines Lebens, die Veränderungen des Charakters, der Gefühlslage und der äusseren Erscheinung reflektiert, der wird wahrscheinlich bestätigen, dass er früher ein anderer Mensch war. Wer sein Leben als zusammengesetzt aus verschiedenen Personen sieht, der kann besser nachvollziehen, dass ein wesentlicher Teil seines Selbst in den anderen lebt (siehe auch Hostility and the Minimization of Suffering). Buddha kannte die genetischen Gesetze nicht, aber er spürte intuitiv, dass die leidensfähigen Lebewesen durch einen komplexen Mechanismus miteinander verbunden sind. Er distanzierte sich von der hinduistischen Vorstellung der individuellen Seele, aber insistierte auf einer kausalen Weitergabe von „Wirkungen“.

 

 

Erlösung vom Leiden

Das Lebensziel Erlösung ist untrennbar mit Selbsterkenntnis verknüpft. Das Loslösen von Bindungen wird erleichtert durch die Fähigkeit, sich selbst und die Situation in welcher man sich befindet aus einer gewissen Distanz betrachten zu können. Durch das Loslösen (Dekonditionieren) wird Energie frei, welche anschliessend auf andere Ziele gerichtet werden kann. Das Ideal besteht darin, sich möglichst schmerzlos, d.h. im richtigen Moment von den richtigen Wünschen zu lösen. In der zweiten Lebenshälfte wird das Ego als Ganzes zu einer hoffnungslosen Position und erfordert eine neue Ausrichtung (erweiterte Wahrnehmung des Selbst). Das Erkennen des richtigen Momentes lässt sich nicht in einfachen und allgemeinen Regeln formulieren. Es ist eine Frage der Konstitution, der Umgebung und der Biographie. Das spricht eher für eine individualistische Therapie als für Ratgeber-Literatur mit Allgemeingültigkeits-Anspruch.

 

 

 

4.6  Konflikte

 

Die von den Lebenszielen gesteuerten Arten der Wahrnehmung (Kap.3) existieren in verschiedenen Personen, aber auch als verschiedene Perspektiven innerhalb der gleichen Person. Die fiktiven Interessenvertreter innerhalb unserer Psyche kooperieren oder bekämpfen sich je nach Situation, so wie die Parteien in einem demokratischen Parlament. Jede Partei hat ihre eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit. In der Spieltheorie ist die Dualität von Konkurrenz und Kooperation bekannt unter dem Namen Kooperationswettbewerb oder Coopetition.

 

1)      Beispiele für konkurrierende Wahrnehmungen

a)      Der Verliebte gerät in Konflikt mit seinem eigenen Sinn für Gerechtigkeit

b)      Der Gerechte kämpft gegen die Versuchung von Ruhm und Geld.

 

2)      Beispiele für kooperierende Wahrnehmungen

a)      Der Mächtige, welcher seinen Einfluss dazu verwendet, mehr Gerechtigkeit zu schaffen

b)      Frauen, welche sich in dominante Männer verlieben.

 

Aus den verschiedenen Lebenszielen (Interessen) entstanden im Laufe der kulturellen Evolution verschiedene Ethiken mit je eigenen Rationalisierungen (Kap.4)

Aus den Konflikten zwischen den Lebenszielen (Interessen-Konflikten) entstanden entsprechende Konflikte und Diskurse zwischen Ethiken (Kap.5).

 

 

 

 

5. Konflikte

 

 

Zielkonflikte sind subjektiv wenn mindestens ein subjektives Interesse (Macht, Liebe oder individuelle Erlösung) beteiligt ist.

 

 

 

5.1  Macht gegen Liebe

 

 

Konflikt

1)      Machtorientierte Liebe: Das biologische Ideal ist letztlich die Maximierung der Anzahl DNA-Kopien. Die Liebe ist deshalb als Suchtmechanismus konzipiert, welcher nach Expansion drängt. Das Streben nach Liebe und Genuss ist ähnlich wie das Machtstreben einem Konkurrenzkampf unterworfen. Dieser Mechanismus wurde schon früh erforscht um den entsprechenden Herausforderungen besser gewachsen zu sein. Im Hinduismus wird Kama mit der Kunst verbunden, seine Bedürfnisse nach Genuss zu befriedigen. Zu Bewältigung des Konkurrenzkampfes dient eine Typologie der menschlicher Gefühle und Reaktionen, vergleichbar mit derjenigen von Theophrastos (einem Schüler von Aristoteles) oder des französischen Moralisten La Bruyère. Als Quintessenz konstatiert La Bruyère, daß Egoismus, Geltungssucht und Eigennutz die wahren Handlungsmotive der Menschen sind.

 

2)      Romantische Liebe: Das biologische Ziel kann auch mit ethisch unverdächtigen Mitteln erreicht werden. Bei der romantischen (wahren) Liebe ist das Gemeinsame so stark, dass die Autonomie-Bedürfnisse in den Hintergrund treten. In diesem Falle ist weder ein Vertrag noch eine Abmachung notwendig. Das romantische Ideal ist jedoch für viele nicht erreichbar und für die meisten nur von kurzer Dauer. Es kann deshalb nicht Grundlage einer Partnerschafts-Ethik sein. Im Allgemeinen entsteht nach einer gewissen Zeit ein Konflikt zwischen Macht und Liebe.

In der Eltern-Kind Beziehung zeigt sich der Konflikt z.B. im Versuch der Eltern, ihr eigenes Leben in den Kindern fortzusetzen. Dazu ein Ausschnitt aus einem Gedicht von Khalil Gibran:

 

 

 

 

Eure Kinder

 

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht

des Lebens nach sich selber.

Sie kommen durch euch, aber nicht von euch.

Und obwohl sie mit euch sind,

gehören sie euch doch nicht.

 

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,

aber nicht eure Gedanken.

Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben,

aber nicht ihren Seelen.

Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,

das ihr nicht besuchen könnt,

nicht einmal in euren Träumen.

(…)

 

 

 

 

 

Diskurs

Dem Liebenden erscheint die Liebe so stark, dass er alle Widerstände für überwindbar hält. Selbst der Tod kann ihn nicht schrecken. Aus

der Sicht des Liebenden gilt der Satz des Vergil: Omnia vincit Amor – Der Liebe ist kein Hindernis zu groß; sie besiegt alles [Gerhardt, 3]

 

Der Liebende glaubt, dass ihm der Tod nichts anhaben könne, in Wirklichkeit aber bleibt auch er der Macht des Todes (und einer Reihe kleinerer Schicksalsmächte) unterworfen. Vor dem nüchternen Blick des unbeteiligten Beobachters wird aus der Zuversicht

des Liebenden ein Traum, vielleicht sogar ein Wahn, der schnell vergeht, wenn ihm die Realität der menschlichen Dinge entgegensteht. Ein Psychologe, der es nicht schon als Erfolg verbucht, wenn sich sein Proband gut fühlt, kann den die Grenzen des Todes missachtenden Überschwang der Liebe vermutlich gleich als Potenzillusion durchschauen. Und ein in Liebesdingen erfahrener Beobachter denkt die kommenden Enttäuschungen der Verliebten gleich mit. Ein mitleidiges Lächeln, das den Anflug von Neid wohl wissend überspielt, ist das Beste, was für jene übrig bleibt, die sich im Eros den Widrigkeiten des Lebens und des Sterbens überhoben glauben [Gerhardt, 3]

 

Zum Glück ist es nicht so, dass man die Tatsachen des Lebens nur aus der Position des neutralen Beobachters erkennen kann. Es ist eine längst als falsch erwiesene wissenschaftstheoretische Position, dass man teilnahmslos und selbstvergessen sein muss, um etwas erkennen zu können. Wir brauchen vielmehr eine ausgeprägte Neugier für die Realität, wenn wir sie genau erfassen wollen. Mehr noch: Wir benötigen ein leidenschaftliches Interesse an uns selbst, den Ernst der eigenen Existenz und eine wache Aufmerksamkeit für die Art, in der wir uns von unseresgleichen unterscheiden, wenn wir die Wirklichkeit, die wesentlich aus feinen und feinsten Unterschieden besteht, exakt beschreiben und bestimmen wollen (…). Liebe macht nicht blind. Sie öffnet vielmehr erst die Augen für das, worauf es ankommt [Gerhardt, 4-5].

 

Mit dem unbedenklichen Ausleben des Eros sind nach wie vor größte Risiken verbunden [Gerhardt, 15]

 

Es ist die Liebe, die uns aus der Enge des Daseins herausführt und den zur Endlichkeit gehörenden Tod weit hinter sich lässt. Nichts Großes geschieht ohne Liebe [Gerhard, 17].

 

 

Konfliktlösung

Vernunft und Liebe sind nicht ein harmonisches Paar, sondern betrachten sich gegenseitig als inkompetent.

 

 

 

 

Wer Gründe braucht zu lieben,

beraubt die Liebe ihres Grundes.

 

Hans Kudszus

 

 

 

 

Falls die Vernunft überhaupt um Rat gefragt wird, dann verweist sie auf eine Abschätzung von Chancen und Risiken:

1.      Risiko-orientierte Betrachtung: Wer liebt muss auf das Glück der Macht und Kontrolle verzichten. Wer Macht ausüben will, muss auf das Glück der Hingabe und des Vertrauens verzichten. Liebe ist intensiver aber risikoreicher. Ein kontrolliertes Gefühl kann kein grosses Gefühl sein.

2.      Chancen-orientierte Betrachtung: Die ideale Lösung ist dann gefunden, wenn sowohl das Bedürnis nach Freiheit als auch das Bedürfnis nach Schutz befriedigt ist. Mit dem Begriff Freiheit ist hier nicht nur Bindungsfreiheit gemeint, sondern auch innere Befreiung beim gleichen Partner.

Für das Funktionieren einer Partnerschaft ist es nicht notwendig (und auch nicht möglich), dass alle Konflikte durch Gleichverteilung aufgehoben werden, sondern dass aus dem Zusammenwirken der Partner ein beidseitiger Gewinn (in Form von Lebenszufriedenheit) resultiert. Insofern ist die Situation ähnlich wie wenn sich in der Arbeitswelt zwei Spezialisten mit unterschiedlichen Charakteren und Fertigkeiten zusammentun. Interessanterweise gibt es aber Beziehungen mit Schein-Gewinnen, sog. Kollusionen. In diesen Fällen passen die neurotischen Dispositionen beider Partner wie Schlüssel und Schloss zusammen:

Die Partner spielen unbewusst füreinander, oft klischeehafte und stereotype, wechselseitig komplementäre Ergänzungsrollen zur Aufrechterhaltung der Beziehung (…). Im Zusammenleben kommt es in dem kollusiven neurotischen Arrangement im Laufe der Zeit häufig zu einer zunehmenden Polarisierung, mit der Folge, dass die dann gelebten Extrempositionen für einen oder beide Partner belastend werden, wenn beispielsweise der eine Partner immer unselbstständiger, der andere immer selbstständiger und dominanter wird. (Kollusion, Wikipedia).

 

Ein philosophischer Ansatz zur Konfliktlösung ist die sog. „weise psychologische Intervention“ bei welcher es darum geht, die drängendsten Probleme aus der Sicht eines fiktiven Dritten zu betrachten, der für die Partner nur das Beste will [Finkel].

 

 

 

5.2  Individuelle Interessen gegen Gerechtigkeit

 

 

Konflikt

Der Sozialdarwinismus als „natürliche“ Ordnung impliziert folgenden Grundkonflikt zwischen Individuum und Gesellschaft:

Das unbegrenzte Streben der Individuen nach Macht führt zu Oligarchien, Dynastien und Nepotismus. Die privilegierte und egoistische Minderheit unterdrückt die Mehrheit bzw. wird umgekehrt durch eine unterdrückte (oder neidische) Mehrheit bedroht. Freiheit schafft Ungleichheit.

 

 

Diskurs 1

Für Freud löst die Ethik tatsächlich überhaupt kein Problem, sondern sie ist selbst Teil des Problems. Die Ethik ist nichts anderes als die Formulierung der Ideale der Kultur, in ihr manifestiert sich nach Freud das, was er das kulturelle Über-ich nennt. Sofern dieses kulturelle Über-ich zum Zweck der Erhaltung der menschlichen Vergemeinschaftung und zur Abwendung des Krieges aller gegen alle, Regeln in einer Ethik formuliert, ist die Ethik selbst ein Kulturphänomen, nicht etwas, dass die kulturelle und die natürliche Existenz des Menschen miteinander versöhnen könnte. Allenfalls kann die Ethik noch, wie Freud dies auch tut, als ein therapeutisches Projekt betrachtet werden, in dem die Beschädigungen gelindert werden sollen, die Individuen notwendigerweise aufgrund der Widersprüchlichkeit ihrer natürlichen Ausstattung und der Widersprüche zwischen individuellen und kulturellen Bestrebungen erleiden müssen. Eine solche Therapie ist allerdings so wenig ein Weg ins Glück wie ein Gipsbein, das besser ist als ein offener Bruch [Hampe, 195-196].

 

Die relative Verbesserung, welche eine solche Therapie erzielt, ist nicht vernachlässigbar, sondern massiv. Wer einmal einen offenen Bruch erlitten hat zweifelt nicht mehr am Sinn der Therapie. Wer die Schrecken eines Bürgerkrieges kennengelernt hat, zweifelt nicht mehr am Sinn eines Gesellschaftsvertrages. Ethik macht die Menschen nicht glücklich, ist aber trotzdem unentbehrlich als sog. „kleineres Übel“. Ethik als Hindernis zum Glück ist zudem eine unausgewogene Betrachtung, welche von einer starken Position ausgeht. Das Primat der Menschenwürde, (d.h. Kant’s Maxime, dass jeder vor dem Gesetze gleich ist), war ursprünglich eine Kampfansage an den Adel und zeigt, dass Vernunft-Ethik eine Schutzfunktion für die Schwächeren hat.

 

Psychoanalyse und Ethik sitzen im selben natürlich-kulturellen Boot, sofern beide versuchen, therapeutisch zu sein, an den Beschädigungen des Lebens bei Erwachsenen zu arbeiten, die aus ihrer natürlich-kulturellen Zerrissenheit resultieren. In seiner Psychoanalyse der Kultur versucht Freud zu zeigen, inwiefern die Kulturleistungen auf einer Sublimierung, einem Nichtausleben von Trieben, beruhen und darauf immer angewiesen sind und sein werden. Freud hofft dabei, dass die Kultur die Leistung, die menschlichen Triebe umzuleiten, einmal mit möglichst geringen Unterdrückungsanstrengungen und auf möglichst wahrhaftige Weise vollbringen wird. Deshalb auch sein Interesse an der christlichen Ethik. „Das Gebot „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ ist für Freud „die stärkste Abwehr der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes Beispiel für das unpsychologische Vorgehen des Kultur-Über-Ichs.“ Doch, meint Freud,   „Das Gebot ist undurchführbar; eine so grossartige Inflation der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die Not beseitigen“ [Hampe, 197].

 

Vernunft-Ethiken sind nicht so „unpsychologisch“ wie die christliche Ethik. Kant’s Forderung, dass ethische Gesetze für jeden Menschen nachvollziehbar sein sollten und dass man sie öffentlich begründen muss, ist eine starke Alternative zu den Offenbarungs-Religionen.

Die Ethik baut als philosophische Disziplin allein auf das Prinzip der Vernunft und  unterscheidet  sich vom klassischen Selbstverständnis theologischer Ethik, die sittliche Prinzipien als in Gottes Willen begründet annimmt (Ethik, Wikipedia)

 

Wenn die Menschen einsehen, dass es keine transzendente Macht ist, die ihnen Opfer von ihren Begierden abverlangt, wenn sie einsehen, dass alle Kultur Menschenwerk ist, um Menschen vor der Natur und vor allem vor ihrer eigenen Natur zu schützen, dann werden sie in Freuds Augen die Mechanismen der Kultivierung vielleicht nicht mehr als fremde Zwänge ansehen. Solange religiöse Illusionen und philosophische Glückssuchen und Glücksversprechen die Kultivierung absichern sollen, wird die Kultur in dem Moment bedroht, wo die entsprechenden Versprechungen und Abschreckungen als Illusionen entlarvt werden. Solange die Erwartungen an die möglichen Errungenschaften der Kultur überzogen sind, das heisst, das Glück oder gar die Unsterblichkeit betreffen, wird sie immer wieder als etwas, das Erwartungen nicht entspricht, also eigentlich versagt hat, verachtet und ihre Ansprüche auf Triebsublimierungen werden zurückgewiesen werden [Hampe, 198]

 

 

Diskurs 2

Ethik ist rational, wenn sie auf gegenseitigem Vorteil durch Kooperation beruht. Wo aber ist der gegenseitige Vorteil, wenn es sich um zukünftige Generationen handelt? Die aktuelle Generation zieht nur einen beschränkten Vorteil aus dem Glück der zukünftigen Generationen. Warum sollte man vorsichtig umgehen mit natürlichen Ressourcen? Man muss die zukünftigen Generationen nicht einmal ignorieren, man kann sich auch ein (unrealistisches) optimistisches Szenario zurechtlegen, welches zukünftige Ressourcenprobleme verleugnet.

 

Was ist ein realistisches Szenario? Ist der Optimismus der Aufklärung berechtigt oder ist die hinduistische Vorstellung von zyklischer Zerstörung realistischer? Die Komplexität des Systems erlaubt für absehbare Zeit keine zuverlässige Vorhersage, so dass wir auf Wahrscheinlichkeiten angewiesen sind. Gemäss den Thesen von

         The Cultural Evolution of Suffering

         On the Perception of Risk and Benefit

gibt es keinen Anlass, den optimistischen Szenarien eine höhere Wahrscheinlichkeit zu geben. Wenn diese Thesen stimmen, dann müssen wir optimistische Weltanschauungen als verzerrte Wahrnehmungen der Wirklichkeit betrachten.

 

Der Vorteil einer realistischen Weltsicht besteht darin, dass man nicht enttäuscht wird. Aber warum sollten wir nicht von unwiderlegten Utopien profitieren? Bis zur Widerlegung (möglicherweise erst nach zahllosen Generationen) leben die Utopisten glücklicher als die Realisten. Nur die Generation, welche schliesslich mit der Realität konfrontiert wird (z.B. diejenige, welche über keine Ressourcen mehr verfügt oder einem technologischen „Worst Case“ zum Opfer fällt) bezahlt den Preis für das Glück der vorangehenden Generationen.

 

Um die Zerstörung von Utopien zu rechtfertigen braucht man ein Generationen-übergreifendes Konzept von Gerechtigkeit. In ähnlicher Weise ist das spontan handelnde Individuum in Konflikt mit seinen eigenen langfristigen Interessen (Beispiel: Rauchen ist in Konflikt mit dem langfristigen Interesse Lungenkrebs zu vermeiden).

 

Wir betrachten oft unser eigenes zukünftiges Selbst wie einen Fremden. Aber ist das nicht unvermeidlich? Wir können nicht leben ohne ein gewisses Mass von Spontaneität, und Spontaneität ist in Konflikt mit Voraussicht. Die permanente Unterschätzung der Risiken, die Hoffnung auf alle Arten von Fortschritt und die Verdrängung des Todes tragen zu unserem Glück bei. Aus diesen Gründen ist es schwierig, den Wert von Illusionen zu bestreiten.

 

 

Konfliktlösung

Eine Möglichkeit den Konflikt zwischen individuellen Interessen und dem Gemeinwohl zu lösen besteht darin, das Machtstreben nicht zu unterdrücken, sondern für die Gemeinschaft nutzbar zu machen. In Rawls Theorie der Gerechtigkeit steht

         das Freiheitsprinzip für das Machtstreben

         das Differenz-Prinzip für das Nutzbarmachen des Machtstrebens im Dienste der Gemeinschaft.

Damit eine Gemeinschaft funktioniert ist es nicht notwendig, dass der Konflikt zwischen Eigen- und Gemeinschafts-Interesse durch eine Angleichung der Individuen aufgehoben wird. Es genügt, dass aus dem Zusammenwirken der verschiedenen Fähigkeiten ein allseitiger Gewinn entsteht.

 

Der Begriff Gerechtigkeit ist bei Rawls Generationen-übergreifend definiert, d.h. die aktuelle Generation darf nicht auf Kosten der zukünftigen Generationen leben, muss sich aber umgekehrt auch nicht für das Wohl dieser zukünftigen Generationen aufopfern.

 

 

 

5.3  Erlösung gegen Liebe

 

Der Begriff Liebe wird hier im Sinne des hinduististischen Kama verwendet und entspricht ungefähr dem Freudschen Lustprinzip.

Erlösung heisst Erlösung vom Leiden im Sinne von Moksha.

 

 

Konflikt

1.      Das biologische Ziel ist das Überleben und die Replikation der Gene. Das buddhistische Ziel ist die Erlösung vom Leiden durch die Befreiung von der biologischen Natur des Menschen.

2.      In der Meditation wird nach einem kontrollierten Glück gesucht, welches unabhängig ist vom Zustand der Welt, während die Psychoanalyse eine Anpassung an den Zustand der Welt anstrebt. Die Psychoanalyse kann zu einer (in Bezug auf das Überleben) verbesserten Wahrnehmung führen, indem sie verdrängte Gefühle wieder befreit. In der Meditation wird gerade umgekehrt die sog. „normale“ Wahrnehmung als Verzerrung (Maja) betrachtet.

 

 

Diskurs

Ein psychoanalytischer Einblick in den buddhistischen Charakter würde vermutlich eine neurotische Störung diagnostizieren. Aus der Sicht von Freud ist die Bevorzugung der Nicht-Existenz Ausdruck einer Depression und erfordert psychologische Behandlung. Ähnlich wie die begleitete Einsichts-Meditation ermöglicht die Psychoanalyse die Beobachtung mentaler Prozesse an einem geschützten Ort, in der Obhut eines wohlgesinnten Begleiters (Analytikers anstelle des Gurus). Im Schutz einer solchen Umgebung ist es leichter sich zu öffnen und neue Perspektiven zu finden. Das bereits vorhandene Wissen funktioniert wie ein Filter, welcher nur die Informationen durchlässt, welche die bereits bestehenden Modelle der Realität (z.B. eine buddhistische Weltsicht) bestätigen. Die Technik der freien Assoziation produziert demgegenüber spontane Wahrnehmungen, weil keine Zeit da ist, um die Gedanken zu zensurieren. Spontaneität führt zurück zum „normalen“, biologisch geprägten Leben.

 

Buddha betrachtet umgekehrt das sog. „normale“ Leben als Verirrung. In der Psychoanalyse muss der buddhistische Patient seinen geschützten Beobachterposten verlassen und wird wieder in den Körper hineingezogen. Warum aber sollte er sich mit einem vergänglichen Körper  identifizieren und damit einer absolut sicheren Niederlage entgegensteuern? Die Psychoanalyse hilft eine Sprache zu finden für verloren gegangene Bewusstseinsinhalte. Der Buddhismus hilft eine Sprache zu finden für Bewusstsein-Täuschungen:

1)      Wenn die Sprache bereits ausdrückt, dass die Dinge vergänglich sind, dann wird unmittelbar bewusst dass es sinnlos ist, sie festhalten zu wollen. Beispiel: In der koreanisch-buddhistischen Tradition wird für Farbe das gleiche Wort verwendet wie für gern haben aus sexuellem Verlangen. Der Begriff Farbe hat eine spezielle Bedeutung, weil er als starkes Charaktermerkmal der Dinge gesehen wird. Teilweise wird der Begriff Farbe sogar synonym mit Ding verwendet (…) Auch der menschliche Körper wird als etwas Farbiges wahrgenommen (…). Aus buddhistischer Sicht ist aber die Farbigkeit der Dinge zugleich das Sinnbild der Vergänglichkeit schlechthin (…). Im Buddhismus ruht ein asketisch-melancholischer Blick auf der Sexualität, der auf die Flüchtigkeit allen Begehrens hinweist [Seelmann, 2009].

2)      Wie weit zum die koreanische Sprache vom Buddhismus beeinflusst wurde, kann hier nicht untersucht werden. Es fällt aber auf, dass sie den Begriff „Selbst“ nicht kennt und damit eine distanzierte Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Handlungen fördert. Beispiele:

a)      Man sagt nicht „Ich habe Durst“, sondern „Der Hals ist trocken“.

b)      Man sagt nicht „Ich bin wütend“, sondern „Die Wut steigt auf“. [Seelmann, 2012]

Der Buddhismus versucht Distanz zur biologischen Bestimmung des Menschen zu gewinnen. Die Energie der biologischen Bindungen soll aber durch Erkenntnis umgelenkt werden und nicht durch Zwang. Wenn dies gelingt, dann resultieren keine Neurosen und keine Depressionen, sondern eine stabile Art von Glück. Der Buddhismus betrachtet die Psychoanalyse als Interessenvertretung der Biologie und nicht als tiefgründige Ethik. Wenn der Begriff Normalität durch die Anhänger des Systems „Leben“ definiert wird, dann ist es nicht erstaunlich dass sie rückzugs-orientierte Ethik als psychische Störung klassieren. Dieser Mechanismus ist bestens bekannt aus der Geschichte von totalitären Systemen.

 

Der entscheidende Punkt im Kampf der Interpretationen betrifft die Fortpflanzung:

 

1.        Aus psychoanalytischer Sicht ist das Individuum weniger durch die Natur bedroht als durch lebensfeindliche Formen der Ethik, welche im Über-Ich verinnerlicht sind. Das überragende ethische Gewicht, welches die Buddhisten dem Leiden geben, entspricht einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wenn diese Verzerrung die Lebensfreude zerstört, dann hat sie sadistische Merkmale. Warum sollte das Individuum für die Fehler eines anonymen Systems (genannt Natur) verantwortlich sein, wenn man ihm nicht die Mittel gibt, um Ordnung in dieses Chaos zu bringen? Aus der Sicht der Psychoanalyse sind die Argumente für Kinderlosigkeit oft Rationalisierungen. Sie resultieren aus einem Mangel an Gelegenheit oder machen es einfacher (im Rückblick) das Gefühl verlorener Chancen zu ertragen. Aus biologischer Sicht sind Menschen, die sich entschließen, kinderlos zu bleiben, nichts weiter als eine (von vielen) Sackgassen der Evolution.

 

2.        Aus der Sicht des Buddhismus ist das bewusste, menschliche Leben ein Fehlkonzept. Das Leiden, welches durch die Vergänglichkeit des Egos verursacht wird, kann nur gemildert werden, indem man sich von diesem Ego distanziert. Welcher Sinn also hat eine solche Schöpfung? Sobald das Ego existiert, wird seine Wahrnehmung durch den Willen zum Überleben verzerrt. Die aktuelle Generation zu fragen, ob sie das Leben positiv bewertet, ist etwa das gleiche wie einen Süchtigen zu fragen, ob er Drogen positiv bewertet. Warum sollen wir einen Zustand schaffen, der uns zwingt, das Leiden zu akzeptieren und als „notwendig“ zu deuten?
Es kann irritieren, dass die Evolution nicht zwischen Menschen unterscheidet, welche als Partner unattraktiv sind, und Menschen, welche aus Wissen und Einsicht kinderlos bleiben. Aber psychologisch macht es einen großen Unterschied. Die ersteren müssen ihr Schicksal ertragen und leiden, die letzteren kontrollieren ihr Schicksal und leiden nicht.

 

 

Konfliktlösung

Versuche den Konflikt zu lösen beruhen auf der Idee der Sublimierung:

Beispiele:

         Kinderlose Ärzte und Psychotherapeuten, die sich nicht an ihren Patienten bereichern.

         Kinderlose Altruisten und Philantropen ohne missionarische Hintergedanken.

         Menschen mit oben genannter Motivation, welche Waisen adoptieren

 

 

 

 

Im Jammertal des Lebens

brennen die Triebe wie die Sonne,

aber wenn die Sonne untergeht,

dann entdeckt man die Wunder des Nachthimmels.

 

Arthur Schopenhauer

 

 

 

 

 

 

5.4  Erlösung gegen Macht

 

Der Begriff Macht wird hier im Sinne des hinduististischen Artha verwendet und entspricht ungefähr Nietzsche’s Wille zur Macht.

Erlösung heisst Erlösung vom Leiden im Sinne von Moksha.

 

 

Konflikt

1.      Das biologische Ziel ist das Überleben und die Replikation der Gene. Das buddhistische Ziel ist die Erlösung vom Leiden durch die Befreiung von der biologischen Natur des Menschen.

2.      In der Meditation wird nach einem kontrollierten Glück gesucht, welches unabhängig ist vom Zustand der Welt, während Nietzsche eine Veränderung der Welt anstrebt. Nietzsche’s Philosophie kann zu einer (in Bezug auf das Überleben) verbesserten Wahrnehmung führen, indem sie verdrängtes Machtstreben wieder befreit. In der Meditation wird gerade umgekehrt die sog. „normale“ Wahrnehmung als Verzerrung (Maja) betrachtet.

 

 

Schopenhauer gegen Nietzsche

Die Ablehnung der Welt könnte wie folgt gerechtfertigt werden:

Wie würden wir eine Regierung bezeichnen, welche das Glück der Mehrheit auf Kosten einer (willkürlich ausgewählten) gequälten Minderheit fördert? Wir würden sie wohl als eine grausame Willkürherrschaft bezeichnen. Wenn die glückliche Mehrheit die Regierung akzeptiert und das System durch Fehlinformationen, unterdrückte Informationen und Strafen (z. B. Depressionen) gefördert wird, dann würden wir von einem faschistoiden System sprechen. In Anbetracht des Leidens und der Ungerechtigkeit, die in der Vergangenheit entstanden sind, würden wir auch den Versprechungen der Regierung für eine bessere Zukunft sehr mißtrauen. Der Buddhismus (der versucht, den wahren Charakter dieses Systems zu enthüllen und den Weg der Befreiung zu verfolgen) nimmt die Rolle einer Widerstandsbewegung ein.
In den Worten von Schopenhauer:
"Betrachte diese Welt der armen Lebewesen unter dem Aspekt, dass sie nur für einige Zeit existieren, indem sie sich gegenseitig verschlingen – und du wirst zugeben, dass ein Gott, der die Idee hatte, sich in einer solchen Welt zu manifestieren, wirklich von Satan inspiriert sein musste." Es war die Arbeit eines Dämons welche "die Schlimmste aller möglichen Welten" erzeugte. Daher muss jede Form von Optimismus als "nicht nur als absurd, sondern auch als bösartiges Denken", als "bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit" verurteilt werden (Strukture and Dynamic of the Cosmos, Ludwig Ebersberger)

 

Ein Verteidiger des Lebens würde diese Weltsicht wie folgt umdrehen:

Wie würden wir eine Regierung nennen, welche ständig deprimierende Nachrichten verbreitet, um die Menschen von der Fortpflanzung zu entmutigen? Wir würden sie wohl degeneriert oder sogar psychisch krank nennen. Wenn eine Minderheit (von Philosophen oder Theologen) diese Weltanschauung der Mehrheit durch Gehirnwäsche aufzwingt, dann würden wir von einem totalitären System sprechen. In Anbetracht des Charakters dieser Regierung müssten wir auch pessimistischen Prognosen sehr misstrauen. Nietzsches Philosophie (die versucht, den wahren Charakter dieses Systems zu entlarven und philosophische Antidepressiva zu entwickeln) nimmt die Rolle einer Widerstandsbewegung ein.
In den Worten von Nietzsche:
„Zusammenfassend: die Welt, wie sie sein sollte, existiert; Die Welt, in der wir leben, ist nur eine Täuschung, - diese (unsere) Welt sollte nicht existieren (...). Welche Leute denken so? Eine unproduktive, leidende Art; Eine selbstmörderische Art.“ [Nietzsche 1885, 402]

 

 

Buddha gegen Nietzsche

Aus der Sicht des Buddhismus ist das Leben ein Gegenprogramm zur Wahrheit.

1)      Die Bewertungen, welche spontan aus dem Unbewussten kommen sind oft objektiv falsch (z.B. das Gefühl nie sterben zu müssen)

2)      Die Bewertungen, welche objektiv richtig wären, sind oft nicht vorhanden (es gibt z.B. kein Gefühl dafür, ein Werkzeug der Biologie zu sein).

Der Buddhismus sieht das Unbewusste als Produzent von Täuschungen, welche nur durch die Vernunft aufgedeckt werden können. Die Verliebtheit in das Leben erzeugt ebenso gut eine verzerrte Wahrnehmung wie die Verliebtheit in einen Partner, mit dem Unterschied, dass man vom Leben mit Sicherheit verlassen wird. Das dauerhafte Glück ist eine Illusion, welche durch die Erfahrung des Leidens und den Tod zerstört wird. Die Wiedergeburt und Wieder-Sterben-müssen ist ein Zwang, dem es zu entkommen gilt. Wer sich am Unbewussten orientiert, dem wird das nie gelingen. Die Wahrheit (Nicht-Existenz als bestmögliche Wahl) wird vom Leben in der gleichen Art und Weise unterdrückt, wie totalitäre Regierungen die Wahrheit unterdrücken: durch einen immensen Propaganda-Apparat, welcher die Wahrnehmung verzerrt, lebensfeindliche Informationen vernichtet und lebensfreundliche belohnt.

 

Aus der Sicht von Nietzsche entscheidet das Leben darüber, was wahr ist. Das Leben wird sehr direkt mit dem Begriff Wahrheit assoziiert im Sinne von „Wer überlebt hat immer recht“. Die biologischen Gesetze verlangen ein dionysisches Bejahen der ewigen Kreisläufe von Leben und Tod, Entstehen und Vergehen, Lust und Schmerz. Wir müssen uns mit der Urkraft identifizieren, welche das „Rad des Seins“ in Bewegung hält (Wille zur Macht, Wikipedia). Der buddhistische Versuch, dem Rad der Wiedergeburten zu entkommen, ist nur der Ausdruck einer alten und müde gewordenen Kultur.

 

 

Deskriptive Sicht (empirische Daten)

Nach Umfragen zur Lebenszufriedenheit ist die Gesamtbewertung der Welt positiv, ungeachtet der folgenden Tatsachen:
1. Im 20. Jahrhundert entwickelte die Menschheit ein Potenzial zur Selbstzerstörung, siehe
On the Perception of Risk and Benefit.
2. Das Leiden nimmt im Laufe der Evolution quantitativ und qualitativ zu. Das Glück nimmt auch zu, aber das Leiden einer Einzelperson kann nicht durch das Glück anderer Personen kompensiert werden, siehe
The Biological Evolution of Pain

 

 

Konfliktlösung

Nietzsches Position wird unterstützt durch die Behauptung, dass die Menschheit ohne Zukunftsperspektiven in eine tiefe Depression verfallen würde und dass „wir“ deshalb gar nicht anders können, als positiv zu denken [Scheffler]. In Bezug auf die biologische Fitness müssten rückzugsorientierte Philosophien wie der Buddhismus tatsächlich schon längst ausgestorben sein. Dass dem nicht so ist lässt darauf schliessen, dass negative Bewertungen immer wieder neu entstehen, weil offenbar die Gründe dafür nicht aussterben. Der Konflikt könnte nur dann (zu Gunsten von Nietzsche) gelöst werden, wenn es einer machtbewussten Elite (Übermenschen) gelingen würde, das Leiden durch kulturellen Fortschritt (z.B. durch Transhumanismus) zu besiegen.

 

 

 

5.5  Erlösung gegen Gerechtigkeit

 

 

Konflikt

1)      Der Begriff Dharma wird mit Achtung vor dem Gesetz, Dienst an der Gemeinschaft und Pflichterfüllung in Verbindung gebracht, d.h. mit Tugenden, die auch in der heutigen Zeit erwartet werden, wenn eine vernünftige Verfassung in Kraft ist oder verteidigt werden muss.

2)      Der Theravada-Buddhismus geht davon aus, dass alle nach Macht und Expansion strebenden Gemeinschaften das Leiden vergrössern. Die Sehnsucht nach Erlösung (vom Leiden) führt deshalb zur Flucht in eine andere Welt, wobei die Alltagserfahrungen als Schein-Wirklichkeit abgewertet werden.

Der Rückzug von der Gemeinschaft stösst auf Misstrauen und Ablehnung. Die passive (nutzlose) Minderheit wird durch die aktive Mehrheit bedroht.

 

 

Diskurs

Die Vernunft-Ethik kann vielleicht in der Zukunft durch einen globalen sozialen Vertrag etabliert werden.

 

Der Konkurrenzkampf wird damit nicht beseitigt, sondern nur von der physischen auf die psychische und strukturelle Ebene verschoben. Selbst wenn es gelingen würde diesen Kampf zu mildern wäre das Leiden immer noch immens. Die technologischen Erlösungs-Szenarien sind ebenso unrealistisch wie die Eschatologien. Der selbstlose Einsatz für Gerechtigkeit darf nicht mit einer falschen Botschaft verknüpft werden. Die wahre Botschaft ist Selbstlosigkeit und nicht Weltverbesserung. Es gibt nur das Potential des Einzelnen, sich zu befreien.

 

Eine Vernunft-Ethik, welche nicht verteidigt wird, stirbt aus. Nur eine lebensfreundliche Ethik kann die Herrschaft der Vernunft tradieren.

 

Die Hoffnung der buddhistischen Mönche, dass ihre Erkenntnis überlebt, beruht auf der Erfahrung, dass es in der Kultur (wie auch in der Natur) Nischenstrategien gibt. Der Buddhismus stirbt deshalb nicht aus, weil er ein Stück Realität beschreibt, dem niemand ausweichen kann. Risiko-averse, mitfühlende Ethiken haben zwar wenig Chancen im Wettkampf der Systeme, aber transzendente Erfahrungen des Leidens (die durch Reflexion vermieden oder überwunden werden können) schaffen immer wieder neue Formen des Buddhismus.

 

Mit einer Nischenstrategie überlässt man die Macht der Irrationalität und beraubt sich der Möglichkeit, die kulturelle Evolution positiv zu beeinflussen:

 

 

 

 

           Die einzige Voraussetzung für den Triumph des Bösen besteht darin,

           dass die guten Menschen nichts tun.

 

               Autorenschaft umstritten

 

 

 

 

Die Frage der moralischen Bewertung von Weltflucht ist mehr als 2000 Jahre alt. Wir verweisen hier auf den Diskurs zwischen Theravada- und Mahajana-Buddhisten.

 

 

Konfliktlösung

Die zwei widersprechenden Interessen können nur versöhnt werden durch ein risiko-averses Gerechtigkeitskonzept, welches überlebensfähig ist.

Historisches Beispiel:

         Der mönchische Buddhismus bewahrt das ethische Wissen

         Die buddhistischen Laien bewahren die Religion vor dem Aussterben

Diese Symbiose überlebte mehr als 2500 Jahre.

 

Würden sich alle Menschen von ihrer biologischen Identität distanzieren, so verschwände die Menschheit. Würden alle Menschen nur ihre biologische Identität zu verwirklichen suchen, so gäbe es keine Vorstellung eines den Menschen möglichen Glücks und keine bewährten Praktiken, es zu realisieren. Insofern muss man das Nebeneinander von sorgenvollem biologisch determiniertem Leben und den nach Glück strebenden Existenzen nicht als ein parasitäres Verhältnis betrachten, in dem die, welche die Seelenruhe anstreben, auf Kosten derer existieren, die arbeiten und sich sorgen. Man kann dieses Verhältnis auch als ein symbiotisches beschreiben, in dem die einen, dadurch, dass sie anderen den Lebensunterhalt schenken, eine Freiheit ermöglichen, in der Praktiken der Selbstbefreiung zum Glück erkundet und überliefert werden, die für alle Menschen eine Möglichkeit darstellen [Hampe, 163].

 

Die Axiologie, welche in der heutigen Ethik dem Buddhismus an nächsten kommt, ist der negative Utilitarismus [Keown, 176].

 

 

 

 

6. Objektiver Zielkonflikt

 

Der Konflikt zwischen den Lebenszielen Erlösung und Gerechtigkeit erhält einen objektiven Charakter, wenn man ihn aus der folgenden Perspektive betrachtet:

 

Wie kann das Leiden besser bekämpft werden:

         durch den Kampf für eine gerechtere Welt (Lebensziel Gerechtigkeit) oder

         durch den Rückzug von dieser Welt (Lebensziel Erlösung)?

 

Der Kampf für eine gerechtere Welt ist mit komplexen Problemen konfrontiert:

1.      Unter welchen Umständen darf man Gewalt anwenden und in welchem Umfange?

2.      Wie funktioniert die kulturelle Evolution und wie beeinflusst sie die Qualität und Quantität des Leidens?

3.      Ist es sinnvoll aktiv zu werden, wenn die Fragen (1) und (2) ungeklärt sind?

Solange es keine Theorie über die Entstehung und Ausbreitung des Leidens gibt (zeitgemässe Form der Karmalehre) führt das Interesse Gerechtigkeit zu schaffen, u.U. zu kontraproduktiven Aktivitäten. Es ist anderseits aber auch sehr unwahrscheinlich, dass alle altruistischen Aktivitäten kontraproduktiv sind.

 

 

 

6.1  Überzeugungskraft gegen Gewalt

 

 

Konflikt

Vernunft-orientierte Gerechtigkeitstheorien tun sich schwer in der Definition der Fälle, wo Gewalt angewendet werden darf (Stichworte: Notwehr, Strafvollzug, Töten aus Mitleid, etc.). Sie haben aber noch mehr Mühe zu entscheiden, ob ihre Sicht von Gerechtigkeit gewaltsam gegenüber irrationalen Herrschaftssystemen durchgesetzt werden darf.

Politische Systeme wie der Nationalsozialismus paktieren mit der Herrschaft des Irrationalen und tolerieren jede Form des Leidens. Aus der Sicht einer Vernunft-Ethik ist dies genau die Entwicklung, die es zu verhindern gilt. Aber ist sie auch um jeden Preis zu verhindern? Führt die stoische Bereitschaft jeden Preis für den Sieg der Vernunft zu zahlen zu einer besseren Welt oder zu einer Spirale zunehmenden Leidens?

 

 

Diskurs

Der Mensch ist ein zoon politikon – ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen (Politik, Aristoteles)

Wer in einer vernünftigen Welt leben will, der muss sich mit allen Konsequenzen für eine Vernunft-Ethik einsetzen. Nur eine Vernunft-Ethik schafft die Institutionen, welche die Freiheit des Denkens auch sichern und verteidigen können.

 

Eine unangenehme Konsequenz besteht darin, dass man Waffensysteme der gleichen Komplexität und Zerstörungskraft bauen muss wie die rivalisierenden irrationalen Ethiken.

 

Es ist unmoralisch, die Verteidung der Denkfreiheit anderen zu überlassen und gleichzeitig davon zu profitieren. Die Verweigerung gesellschaftlicher Pflichten ist zumindest inkonsequent für Menschen mit familiärem Engagement.

 

Wenn man eine Familie nur mit Gewalt verteidigen kann, dann ist dies ein Argument für Kinderlosigkeit. Unabhängige Menschen können den Kriegsdienst verweigern und gewaltlos politisch agieren.

 

Der Diskurs um die moralische Bewertung von gewaltlosem Engagement gegenüber bewaffneter Verteidigung ist mehr als 2000 Jahre alt (z.B. Bergpredigt). Wir verweisen hier auf den Diskurs zwischen der Pazifismus-Bewegung und ihren Gegnern.

 

 

Konfliktlösung

Die beste Lösung ist nicht unbedingt die Aufhebung der Gegensätze:

1.      Das Zusammenwirken von verschiedenen Strategien (Rückzug, passiver Widerstand, aktiver Widerstand) kann insgesamt ein besseres Resultat erzielen als eine einheitliche Strategie. Eine heterogene Gemeinschaft ist flexibler in der Beurteilung von Konfliktsituationen und verfügt über mehr Optionen.

2.      Was für die Gemeinschaft wahr ist, gilt in diesem Falle auch für das Individuum. Es ist besser die Optionen offen zu halten als strikte Regeln festzulegen. Der oben skizzierte Diskurs sucht nach einer allgemeinen Antwort auf die Frage der Gewaltlosigkeit. Es ist aber mindestens so plausibel dass es ein ganzes Spektrum von vertretbaren Strategien gibt, angefangen vom Einsiedler und Epikuräer über das aristotelische Zoon politikon bis zum Tyrannenmörder, je nach den Chancen und Risiken einer bestimmten Situation.

 

 

 

6.2  Kulturpessimismus gegen Optimismus

 

 

Konflikt

Kant’s Forderung, dass ethische Gesetze für jeden Menschen nachvollziehbar sein sollten und dass man sie öffentlich begründen muss, ist eine starke Alternative zu den Offenbarungs-Religionen. Aber ist es auch wünschbar, die Kultur der Aufklärung weltweit durchzusetzen? Es ist ja nicht nur die physische Gewalt, welche notwendig ist, um die Vernunftherrschaft zu sichern, sondern auch die strukturelle Gewalt des technologischen Fortschrittes welche uns daran zweifeln lässt ob das alles zu einem guten Ende kommt und seinen Preis wert ist. Die gleichen Gedanken machten sich Philosophen schon vor mehr als 2000 Jahren, wenn auch mit wesentlich geringeren Kenntnissen der Naturgesetze. Wie heute gab es ein weites Spektrum von Bewertungen, von tief pessimistisch bis total optimistisch.

Die griechische Kultur markiert den Beginn der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung, eine Entwicklung welche vermutlich die (gegenüber der indischen Kultur) optimistischere Weltsicht erklärt. Wir wollen es unterlassen, nach 2500 Jahren eine Bilanz zu ziehen und begnügen uns mit der Feststellung, dass die buddhistischen Wahrheiten bis jetzt noch nicht widerlegt sind. Historisch gesehen befinden wir uns aber insofern in einer erstmaligen Situation, als eine entscheidende technologische Verbesserung der Lebensbedingungen machbar erscheint. Die Suche nach einer Befreiung vom Leiden führt dann nicht mehr unbedingt zur Lebensverneinung. Wenn eine gerechte und hoch technologisierte Gesellschaft die traumatischen Formen des Leidens für alle und nachhaltig beseitigen kann, dann ist dies ein starkes Argument für eine lebensfreundliche Ethik (gegenüber der Alternative „Naturzustand“).

 

Es gibt verschiedene Stufen der Hoffnung:

1.      Die Hoffnung, dass das Leiden durch kulturellen Fortschritt reduziert werden kann.

2.      Die Hoffnung, dass es lebensfreundliche Aktionen gibt, welche das Leiden reduzieren (ohne langfristige kontraproduktive Nebenwirkungen), auch wenn der kulturelle Fortschritt nur eine Illusion ist.

 

 

 

 

         Hoffnung ist nicht der Glaube, dass das alles gut ausgeht,

         sondern der Glaube, dass das etwas Sinn hat, egal wie das Ganze ausgeht.

 

            Vaclav Havel

 

 

 

 

3.      Wenn alle lebensfreundlichen Aktionen (langfristig) eine kontraproduktive Wirkung haben, dann bleibt nur die (buddhistische) Hoffnung, dass es einen individuellen Weg zur Erlösung gibt.

 

 

Diskurs

Man muss nicht alles oder immer mehr wissen, sondern nur das Wesentliche. Das Wesentliche ist die Erkenntnis, dass die Verhinderung des Leidens oberste Priorität hat und das Wissen, wie man sich befreien kann. Dazu braucht es keine Technologie.

 

Auch ein Buddhist wird alt und krank und ist dann dankbar für medizinische Versorgung. Die westliche Hoffnung ruht auf der These, dass eine Mischung von Kooperation und Konkurrenz langfristig eine kulturelle Reduktion des Leidens ermöglicht.

 

Man braucht schon sehr viel Vertrauen in die kulturelle Evolution, um in voller Kenntnis der Kulturgeschichte optimistisch zu bleiben. Es ist mindestens so plausibel anzunehmen, dass die zunehmende Komplexität der Umgebung und die Verlängerung der Lebensdauer das Leiden vergrössert (siehe The Biological Evolution of Pain). Wer länger leben kann und intensiveres Glück erfährt, der hängt noch stärker am Leben. Der medizinische Fortschritt wird wahrscheinlich einen Kampf um längere Lebensdauer auslösen. Technologie ist ambivalent und schafft immer wieder neue Formen des Leidens. Die Idee der technologischen Erlösung ist einfach eine weitere Utopie, um das immense Leiden in dieser Welt zu rechtfertigen.

 

Man kann nicht aufgrund der Vergangenheit die Zukunft vorhersagen. Es ist auch nicht möglich, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und zur Lebensweise der Jäger- und Sammler zurückzukehren. Es ist immer noch besser, aktiv die Zukunft zu gestalten und das Risiko des Scheiterns auf sich zu nehmen, als im Voraus zu resignieren.

 

Für mehr Informationen zu diesem Diskurs siehe

         The Cultural Evolution of Suffering

         Fortschrittsdenken gegen Kulturpessimismus.

 

 

Konfliktlösung

Ein beidseitiger Gewinn entsteht durch Wissenschaften, welche Leiden verhindern

Beispiele:

1.      Konfliktforschung, Friedensforschung

2.      Simulation sozio-ökonomischer Systeme z.B. im Zusammenhang mit der Bevölkerungsentwicklung.

3.      Palliativmedizin, Antidepressiva

Der technologische Fortschritt ändert nichts an den Lebenszielen. Er ändert nur die Mittel, mit welchen die Ziele erreicht werden sollen. Die technologische Erlösung ist (mindestens in der Phantasie) eine Alternative zur spirituellen Erlösung.

 

 

 

6.3  Theorie gegen Praxis

 

 

Konflikt

Theoretiker möchten primär die Zusammenhänge verstehen, und überlassen die Entscheidungen den anderen. Praktiker spüren den Handlungsdruck und entscheiden zuweilen auch ohne Theorie. Nirgends ist das so deutlich wie im Verhältnis der Sozialwissenschaften zur Politik. Eines der prominentesten Beispiele ist die  Luhmann-Habermas Kontroverse [Maciejewski]:

1.      Habermas ist der Meinung, dass Soziologie die Gesellschaft kritisieren muss und dass Wissenschaft eine moralische Verpflichtung hat.

2.      Luhman hält sich mit Gesellschaftskritik zurück und versteht Soziologie primär als Beobachtungsaufgabe.

Habermas über Luhmann:  Die Beschränkung auf Beobachtungen ist falsch, aber seine Beschreibungen haben Qualität. (NDR-Online).

Luhmann über Habermas (sinngemäss): „Er wartet auf Vernunft und suggeriert Utopien, anstatt zeitgemässe Soziologie zu betreiben“ [Luhmann, 1148].

 

Gemäss Kap.6.1 und 6.2 ist weitgehend unklar, ob wir in einer Welt zunehmenden Leidens leben (d.h. in einer schrecklichen Art von hedonistischer Tretmühle) oder ob wir den Lauf der Dinge beeinflussen können. Trotz diesem Defizit der Theorie müssen wir uns in der Praxis für eine rückzugs-orientierte Lebensweise (Kinderlosigkeit, Gewaltlosigkeit) oder für ein aktives soziales Engagement entscheiden.

 

 

Diskurs

Wurde nicht schon viel zu viel theoretisiert? Ist es nicht offensichtlich, dass die Gesetze des Lebens willkürliche Grausamkeit produzieren und die einzig vernünftige Praxis darin besteht, sich davon zu distanzieren? Der individuelle und kulturelle Lernprozess – sofern überhaupt etwas gelernt wird – lässt sich vergleichen mit den Erfahrungen in einem fiktiven politischen System von der Art der Omelas Metapher. Das Unangenehme wird zunächst verdrängt [Tugendhat,104]. Dann dringen die Informationen über die schrecklichen Ereignisse, welche sich andernorts abspielen doch durch, aber man weiss, dass das System auch viel Gutes bewirkt. Darf man das Gute entgegennehmen von der Hand, welche grausam und willkürlich bestraft? Oder wird sogar eine gewisse Befriedigung der Sensationslust mit dem Leiden der anderen verbunden? Die Verantwortungslosigkeit geht hier über in Dummheit, weil man davon ausgeht, dass es immer nur die anderen trifft. Aber ist die öffentliche Verbrennung eines Menschen auf dem Scheiterhaufen der Inquisition wirklich so völlig verschieden von den Fernsehbildern eines Autounfalls, bei welchem ein Mensch lebendig verbrennt? Ist Adornos Assoziation von Auschwitz mit dem industriemässigen Abschlachten von Tieren wirklich so abwegig? Ist die Assoziation von Juden, die in Gaskammern ersticken und Wanderarbeitern, Migranten und Flüchtlingen (von Tieren nicht zu sprechen) welche qualvoll in Lastwagen verenden irreführend? Und sind die Bilder von abgemagerten Krebskranken wirklich so verschieden von den Bildern abgemagerter Häftlinge in Konzentrationslagern? Interessanterweise verurteilen viele Philosophen mitleidlose politische Systeme [Pogge], verwenden aber für die Bewertung der Natur oder des Zufalls (wo ähnliche Intensitäten des Leidens auftreten) nur indifferente Kategorien. Die Trennlinien zwischen bewussten, unbewussten und zufälligen Aktionen sind aber nicht entscheidend in der Gesamtentwicklung. Das Leiden in der Evolution nahm schon zu, lange bevor sich menschliches Bewusstsein bildete [Birnbacher, 52].

 

Aus wissenschaftlicher Sicht verlässt man die Position des neutralen Beobachters wenn man das Leben grausam nennt. Statistische und historische Daten lassen sich auf ganz verschiedene Art und Weise interpretieren. Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaft, eine bestimmte Interpretation zu unterstützen, sondern die Mechanismen zu erforschen welche es erlauben, mit der gleichen Statistik unterschiedliche Interpretationen zu finden, z.B.

- die von Nietzsche, welche Mitleid als Schwäche deutet und das kreative Potential des Lebens betont oder

- die utilitaristische, welche das Leiden der Minderheit mit dem Glück der Mehrheit kompensiert.

Wenn man diese Mechanismen versteht, dann kann man sie vielleicht auch beeinflussen.

 

Nietzsche’s „Entdeckung“, dass Interpretationen letzlich vom Überlebenskampf gesteuert werden und dass sich lebensfreundliche Interpretationen langfristig gegen skeptische durchsetzen, ist eine längst bekannte Wahrheit. Neu ist nur seine pathetische Verpackung. Auch die Distanziertheit der Wissenschaft hat keine neutrale Wirkung. Distanziertheit hilft der herrschenden Macht, weil sie von dieser als Einverständnis gedeutet werden kann. Während die Mehrzahl der Menschen ihr Leben als lebenswert empfindet und lebensfreundliche Geschichtenschreiber die Welt ästhetisieren, wird verschwiegen, dass diese Zufriedenheit nur möglich ist weil eine Minderheit einen schrecklichen Preis dafür bezahlt. In den Situationen extremen Leidens schrumpft die Psyche des Menschen zusammen zu einem brennenden Punkt, die Individualität und die Persönlichkeit werden zerstört. Die Brennpunkte aller extrem leidenden Lebewesen ergeben zusammen ein nie endendes Feuer, die moderne Metapher der Hölle.

 

Die Empörung über den Zustand der Welt, leistet auch keinen Beitrag zu ihrer Verbesserung. Lebensfeindliche Ethiken erzeugen wieder eigene Formen des Leidens. Es fehlt eine Systemtheorie des Leidens, eine zeitgemässe Form der Karmalehre.

 

 

Metapher

Das persönliche Engagement unterscheidet den Sinn für Gerechtigkeit von der distanzierten Beobachtung. Diese unterschiedlichen Positionen lassen sich anhand von Rawls’ Metapher vom Urzustand darstellen. Wenn der Entscheidungträger im Urzustand ein unpolitischer Wissenschaftler wäre, dann würde er sich mit der Beschreibung von Glück und Leiden begnügen. Wenn er aber eine Person darstellt, die auf ihre Inkarnation wartet und später den Risiken dieser Welt ausgesetzt ist, dann versucht er Einfluss zu nehmen.

 

 

Konfliktlösung

1.      Luhmann hat insofern Recht, als die Theorie ungenügend entwickelt ist.

2.      Habermas hat insofern Recht, als Politiker und Bürger unter Handlungsdruck stehen und eine Richtlinie für moralisches Verhalten brauchen.

Ein Kompromiss könnte z.B. darin bestehen, eine risiko-averse Politik zu verfolgen und gleichzeitig das ethische Wissen zu erweitern.

 

 

 

 

7. Schlussfolgerung

 

 

Herkunft der Widersprüche

1)      Dass der Mensch von widersprüchlichen Lebenszielen gesteuert wird, ist eine anthropologische Erkenntnis:

a)      Wer liebt muss auf das Glück der Macht und Kontrolle verzichten. Wer Macht ausüben will, muss auf das Glück der Hingabe und des Vertrauens verzichten.

b)      Das Lebensziel Selbstverwirklichung steht oft in Widerspruch zum Lebensziel Gerechtigkeit.

c)      Der Körper, welcher in der Jugend eine Quelle des Glücks ist, wird im Alter zu einer Quelle des Leidens. Das biologische Lebensziel steht in Konflikt mit dem Lebensziel Erlösung vom Leiden.

2)      Lebensziele (Interessen) beeinflussen die Wahrnehmung und damit die Entstehung von ethischen Überzeugungen. Widersprüchliche Interessen führen zu widersprüchlichen Intuitionen.

3)      Es ist ebenfalls eine anthropologische Erkenntnis, dass Intuitionen rationalisiert werden, d.h. die Menschen suchen und finden rationale Argumente, welche die gefühlsmässigen Überzeugungen stützen.

 

 

Umgang mit Widersprüchen

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Strategien, mit Widersprüchen umzugehen:

1)      Der Versuch, Zielkonflikte zu lösen und Kompromisse zu finden. Dies muss nicht zwangsläufig zu Einbussen führen. Es gibt oft Lösungen, welche einen beidseitigen Gewinn ermöglichen.

2)      Der Versuch, mit Widersprüchen zu leben. Sowohl ein Individuum als auch eine Gemeinschaft kann flexibler auf innere und äussere Veränderungen reagieren, wenn widersprüchliche Bewertungen zugelassen werden.

 

 

 

 

 

Danksagung

 

Ich möchte Michael Hampe danken für die inspirierenden Gespräche im Zusammenhang mit diesem Aufsatz.

 

 

 

 

 

Zitierte Literatur

 

1.      Berkowitz Leonhard (1970), Advances in Experimental Social Psychology

2.      Birnbacher Dieter (2006), Natürlichkeit, Verlag de Gruyter, Berlin

3.      Brenner Peter J. (2002), Das Glück in der Literatur, in Glücksforschung – Eine Bestandesaufnahme, Bellebaum Alfred (Hg.), UVK-Verlag, Konstanz

4.      Burkhart Günther (2002), Glück in der Liebe, in Glücksforschung – Eine Bestandesaufnahme, Bellebaum Alfred (Hg.), UVK-Verlag, Konstanz

5.      DTV-Atlas zur Psychologie, 4.Aufl.(1994), Deutscher Taschenbuch Verlag, München

6.      Finkel Eli u.a. (2012), A Brief Intervention to Promote Conflict Reappraisal, Psychological Science, 26.Nov, Sage Publications, USA

7.      Freud Sigmund (1930), Das Unbehagen in der Kultur, Internationalter Psychoanalytischer Verlag, Wien

8.      Freud, Sigmund (1927/1948), Nachwort zur “Frage der Laienanalyse”, in: Ders., Gesammelte Werke IVX, Frankfurt am Main.

9.      Gerhardt Volker (2008), Liebe ist stärker als der Tod

10.  Habermas Jürgen (1968), Erkenntnis und Interesse, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

11.  Hampe Michael (2009), Das vollkommene Leben, Hanser Verlag, München

12.  Keown, Damien (1992), The Nature of Buddhist Ethics, New York, Palgrave.

13.  Leist, A. (1991). Intergenerationelle Gerechtigkeit. In: Kurt Bayertz (Hg.): Praktische Philosophie (S. 322-360). Reinbeck: RoRoRo

14.  Luhmann Niklaus (1997), Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/M

15.  Maciejewski Franz, Hrsg.(1973), Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Beiträge zur Habermas-Luhmann-Diskussion. Theorie-Diskussion Supplement, Bd.1, Suhrkamp, Frankfurt am Main.

16.  Nagel Thomas (1986), The View from Nowhere, Oxford University Press

17.  Nietzsche (1878-1880), Menschliches, Allzumenschliches – Ein Buch für freie Geister (mit zwei Fortsetzungen)

18.  Nietzsche Friedrich (ab 1885), Der Wille zur Macht, Albert Kröner Verlag, Stuttgart, 1964

19.  Pogge Thomas (2011), Weltarmut und Menschenrechte, De Gruyter, Berlin/New York

20.  Popper Karl R., The Open Society and its Enemies, London 1945

21.  Scanlon Thomas (1998), What we owe to each other

22.  Scheffler Samuel (2015), Der Tod und das Leben danach, Suhrkamp Verlag, Berlin

23.  Seelmann Hoo Nam (2009), Die Farbe des Verlangens, Neue Zürcher Zeitung, Nr.187, B2

24.  Seelmann Hoo Nam (2012), Der Hals ist trocken, die Wut steigt auf, Neue Zürcher Zeitung, Nr.53, S.62

25.  Stanford Encyclopedia of Philosophy, Reflective Equilibrium

26.  Tugendhat Ernst (2007), Anthropologie statt Metaphysik, Verlag C.H.Beck, München

27.  Ulrich Peter (2008), Integrative Economic Ethics, Cambridge University Press

28.  Voorhoeve Alex (2001), Kant on the Cheap, Thomas Scanlon Interviewed, The Philosopher’s Magazin, Issue 16

29.  Zerm Stephanie (2005),  Moral als Selbsterschaffung, Dissertation Universität Hannover